MDR-Wahlarena „Fakt ist …!“: Eine LVZ-Kooperation und zwei unwichtige Kandidatinnen

Für alle LeserAm 6. Januar 2020 veranstaltete die LVZ bekanntlich ein OBM-Wahlpodium, welches im Nachgang nicht nur freundlich aufgenommen wurde. Einerseits geriet der Fokus auf die Silvesterkrawalle in die Kritik, doch auch die Auswahl der Kandidat/-innen ließ wenigstens zwei Bewerberinnen vermissen und die LVZ+-Strategie verbannte das ganze hinter die Paywall. Wie man eine Wahlkampf-Debatte ausgewogen und fair hinbekommt, zeigte kurz darauf die IHK zu Leipzig mit allen Kandidat/-innen an Bord. Nun, fünf Tage vor der ersten Wahlrunde am 2. Februar, möchte es auch der MDR am heutigen 27. Januar versuchen. Die Vorzeichen scheinen allerdings kurios.

Zwei Presseanfragen der L-IZ.de beantwortete der öffentlich-rechtliche Sender in den letzten Tagen, beide mehr oder minder ausweichend, am Ende nur noch in einem „Statement“ unter Auslassung verschiedener Aspekte. Auslöser war eine Mail der LVZ an ihre Online-Abonnenten, in welcher LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer in werbenden Worten den Abonnenten-Vorteil verkündete, beim MDR-Wahlpodium in der LVZ-Kuppel kostenfrei dabei sein zu können.

Und so zur exklusiven und reichweitenstarken Publikumskulisse in der am heutigen 27. Januar 2020 ab 22 Uhr beim MDR ausgestrahlten Sendung „Fakt ist …!“ zu werden.

Stolz verkündete man angesichts einer sicher kommenden Stichwahl am 1. März etwas verfrüht den „gemeinsamen Wahlkampfabschluss-Talk von LVZ und MDR Fernsehen“, bei welchem sich „Burkhard Jung (SPD), Sebastian Gemkow (CDU), Franziska Riekewald (Die Linke), Christoph Neumann (AfD), Katharina Krefft (Die Grünen) und Marcus Viefeld (FDP) den Fragen von LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer und MDR-Redaktionsleiter Andreas Frank Rook“ stellen werden.

Es ist demnach zu erwarten, dass die MDR-Sendung mit LVZ-Publikum gefüllt sein wird – jenes, welches bereits bei der ersten Wahlrunde teils hämisch auf linke bis grüne Kandidaten und deren Antworten etwa zu Gewaltkriminalität in Leipzig reagierte. Alle anderen haben wenigstens die Möglichkeit erhalten, via Twitter unter dem Hashtag #WahlforumLE Fragen einzureichen.

Besonders interessant dabei sicherlich die an Sebastian Gemkow zum Thema Klimawandel, denn bislang fehlte der CDU-Mann auf allen für Natur- und Klimaschutz oder energiepolitisch relevanten Podien beim BUND Leipzig und den „Parents for Future“ (zum Bericht und Mitschnitt der Veranstaltung auf L-IZ.de.

MDR-Partnerwahl gezwungenermaßen?

Doch auch die MDR-LVZ-Kooperation selbst durfte durchaus Fragen in gleich mehreren Gebieten aufwerfen. Handelt es sich doch bei der LVZ um eine private Zeitung mit Madsack-Verlags-Stammsitz in Hannover, welche gerade mit „LVZ+“ lautstark um neue Online-Abonnenten kämpft, und beim MDR um einen mit Rundfunkbeiträgen ausgestatteten Sender aller Bürger.

Auf L-IZ-Nachfrage konnte die MDR-Pressestelle den Verdacht nicht wirklich ausräumen, dass man hier, ohne Angebote anderer (konkurrierender) Online-Medien in Leipzig einzuholen, einfach die LVZ als Partner gewählt hatte – die enge Terminlage auch der Kandidaten und die Vielzahl der Podien habe dies nötig gemacht, so die wiederholte Erläuterung. Andere Partner oder Co-Moderationen hat man demnach nie angefragt, fast so, als ob man noch im Jahr 1995 wäre und Leipzig eine mediale Ödnis mit einer Ein-Zeitungs-Landschaft, die alles abdeckt.

Erhöhte Kosten würde die Kooperation auch nicht verursachen, jeder trage seine Kosten, so der Sender. Auf Nachfragen, ob nicht eine Übertragung aus dem sendereigenen Studio oder einer – wie alle anderen Wahlpodien – anderen Location in Leipzig preiswerter im Interesse der Rundfunkbeitragszahler sei, wird herausgestellt, dass man in Leipzig vor Ort senden wollte. Teurer wäre die externe MDR-Übertragung aus der LVZ-Kuppel auch nicht, eine Aussage, die man von außen ohne Vertragskenntnis nicht prüfen, sondern nur glauben kann.

Der durch den Sender erweckte Eindruck in allen Antworten jedoch: man habe irgendwie seit Wochen kein eigenes Wahlpodium zusammenbekommen und war auf die Hilfe und Organisation dieser einen Leipziger Zeitung angewiesen. Weitere Anfragen an andere Online-Tageszeitungen im Leipziger Raum wegen einer Zusammenarbeit konnte man jedenfalls nicht belegen, was auf eine Bevorzugung der LVZ durch den MDR hinweist. Und dies in einer Zeit, wo die LVZ dringend Aufmerksamkeit für ihre Online-Abomodelle benötigt.

Die Frage, was die Sendeminute aufgrund der mutmaßlichen Einblendungen in der ab 22 Uhr im TV bei „Fakt ist …!“ sowie als kostenfreier MDR-Livestream ausgestrahlten Veranstaltung von „Leipziger Volkszeitung“ oder „LVZ+“-Logos normalerweise beim MDR koste, mochte man der L-IZ keine Antwort geben. So ist noch unklar, wie weit heute ab 22 Uhr das werbliche Interesse der LVZ im Mitteldeutschen Rundfunk bei der Dekoration der LVZ-Kuppel reichen wird, der Livestream soll nach der Sendung selbst noch weitergehen.

Auch zum betonten „Abonnentenvorteil“ für „LVZ+“-Leser als Marketinginstrument der LVZ bei dieser Veranstaltung wollte man sich nicht näher äußern. Eine Anfrage bei der LVZ war hierbei hinfällig: der privatwirtschaftliche Partner dieser Kooperation hat hier im eigenen Interesse alles richtig gemacht.

Abschließend dazu und auch auf die Frage, warum der MDR nicht zum Beispiel die IHK-Debatte vom 13. Januar 2020 (Bericht und L-IZ-Mitschnitt) übertragen habe, heißt es seitens der Pressestelle des Senders: „Für die „Fakt ist …“-Sendung am 27. Januar hat sich der MDR für eine Zusammenarbeit mit der LVZ entschieden, da für diesen Zeitraum bereits erste Anfragen bei den Kandidaten und Kandidatinnen eingegangen waren und sich auch weitere Wahlpodien (z.B. IHK, Volkshochschule u.a.) in Vorbereitung befanden – der Terminplan aller Kandidaten ist eng gestrickt.“

Demnach hätten die Kandidat/-innen für ein reichweitenstarkes Podium des MDR in der Sendung „Fakt ist …!“ samt Livestream im Netz seit Monaten keine Zeit gefunden, um stattdessen noch ein zweites LVZ-Podium nun unter Beteiligung des MDR zu absolvieren? Unnötig, noch einmal zu erwähnen, dass der MDR betont, seine Partner nach jouralistischen Prinzipien selbst wählen zu dürfen. Welche dies bei der LVZ waren, blieb trotz Nachfrage dennoch im Dunkeln.

Zwei Kandidatinnen sind nicht so wichtig …

Keine Sendezeit und die Frage, was "aussichtsreich" nun bedeutet? Screen Twitterdebatte mit MDR-Presse

Keine Sendezeit und die Frage, was „aussichtsreich“ nun bedeutet? Screen Twitterdebatte mit MDR-Presse

Zwei Kandidatinnen, die laut L-IZ-Informationen Zeit haben, hat es bei diesem Vorgehen zudem erneut „herausgestrickt“. Denn bei der Frage nach der deutlich lückenhaften Auswahl der Kandidaten des Abends wurde es dann seitens des MDR richtig nebulös.

Zumindest ein Indiz auf die organisatorische Vorherrschaft der LVZ ist bei diesem Wahlpodium die erneute Weglassung zweier Kandidat/-innen. Mit Katharina Subat (PARTEI) und Ute Elisabeth Gabelmann (Piraten, Humanisten, ÖDP & Demokratie in Bewegung) fehlen wie schon am 6. Januar 2020 zwei Frauen in der Debattenrunde. Einer Runde, der sicherlich keiner der anderen Kandidatinnen fernbleiben wird, misst man doch dem beitragsfinanzierten MDR hier durchaus eine große Bedeutung für die Wahlentscheidung der Leipziger zu.

Auf Twitter musste die Frage offenbleiben, warum sich der Sender MDR bei einer Personenwahl wie die zum neuen OBM Leipzigs hinter den Regeln verschanzte, die für Parteienwahlen wie Landtags- oder Kommunalwahlen gelten. So teilte der Sender auf dem sozialen Netzwerk mit, dass „neben journalistischen Kriterien (…) dabei das Prinzip der abgestuften Chancengleichheit zum Einsatz“ käme.

Gemeint ist hier, dass nur „aussichtsreiche Kandidaten“ geladen werden sollten, gemessen daran, ob die sie unterstützenden Parteien in Landtagen oder dem Leipziger Kommunalparlament sitzen.

So verweist auch die Pressestelle des MDR, welcher als öffentlich-rechtlicher Rundfunk anderen Gleichbehandlungsrichtlinien als private Zeitungsmedien unterliegt, auf den (falschen) Vergleichsrahmen „Landtagswahl“, indem sie der L-IZ mitteilte: „Für eine zeitlich begrenzte Debatte im Fernsehen hat der MDR die sechs aussichtsreichsten Kandidatinnen und Kandidaten berücksichtigt – ein Vorgehen, das auch bei anderen Talkformaten z.B. im Vorfeld von Landtagswahlen, praktiziert wird.“

Dabei übersah der Sender gleich mehrere Punkte. Oberbürgermeisterwahlen sind Personen- und keine Parteienwahlen. Die unterstützenden Parteien sind demnach sicher als Rückenhalt für die Kandidat/-innen wichtig, aber letztlich zweitrangig. Denn selbst parteilose Kandidaten können ins Rennen gehen, wenn sie zuvor genügend Unterstützungsunterschriften für ihre Kandidatur sammeln. Die Auslassung der beiden Kandidat/-innen ist demnach eine deutliche Ungleichbehandlung gegenüber den anderen Kandidaten.

Und selbst auf der vom Sender gewählten Vergleichsebene funktioniert die Auswahl nicht.

Die FDP sitzt derzeit mit zwei Stadträten im Leipziger Stadtrat, die PARTEI hat zwei. Beide sind nicht im Landtag vertreten. Die Piraten haben ebenfalls einen Stadtrat im Leipziger Rathaus und die ehemalige Stadträtin (bis 2019) Gabelmann (Piratenpartei) wiederum wird von noch drei weiteren Parteien in ihrer Kandidatur unterstützt. In einer repräsentativen Umfrage des INSA-Institutes für die LVZ landete sie zudem mit 3 Prozent nahezu gleichauf mit Marcus Viefeld (FDP) in der Wählergunst.

Warum nun also Marcus Viefeld (FDP) zu „Fakt ist …!“ in die LVZ-Kuppel eingeladen wurde und Katharina Subat (PARTEI) sowie Ute Elisabeth Gabelmann nicht, bleibt das Rätsel, welches der MDR auch mittels der eigenen Richtlinien nicht auflösen konnte.

Eine Antwort auf eine vielleicht noch wichtigere Frage fand der Sender so auch nicht. Was wäre denn, wenn eben jene beiden Kandidatinnen im wirklich entscheidenden Wahlgang am 1. März 2020 erneut antreten würden und so dem einen oder anderen Mitkandidierenden von blau bis rot den einen oder anderen wahlentscheidenden Prozentpunkt entrissen? Und damit nur ein zweiter Platz statt eines Wahlsieges für eine der „ausichtssreicheren“ Kandidat/-innen in der „The winner takes it all“-Wahl entstünde?

Dann wären zwei vorgeblich irrelevantere Kandidatinnen auf einmal wichtiger, als der MDR dies nach „journalistischen Kriterien“ voraussehen wollte. Gabelmann jedenfalls hat erst vor wenigen Tagen eine breite Videokampagne in Leipziger Kinos gestartet und Subat hat – getreu ihrer PARTEI-Linien – den „Sicherheitswahlkampf“ Gemkows fest im Visier ihres neulich aufgesetzten Polizeihelmes.

Doch die für eine OBM-Personenwahl falsche Schlussposition des Senders via Twitter lautete erneut, nun allerdings mit Verweis auf die knappe Sendezeit via Twitter: „Für eine zeitlich begrenzte Debatte im TV hat der MDR die 6 aussichtsreichsten KandidatInnen berücksichtigt – ein Vorgehen, das auch bei anderen Talkformaten, z.B. im Vorfeld v. Landtagswahlen, üblich ist.“

Dass Medien dadurch auch selbst den Eindruck erwecken, der eine oder die andere Kandidat/-in hätte so oder so keine Chance, wiegt vor allem bei einem öffentlich-rechtlichen Sender mit breiter Präsenz schwer.

Auf persönliche Nachfrage der Kandidatin Ute Elisabeth Gabelmann beim MDR und ihrer telefonischen Bitte auch am wichtigen Wahlpodium teilnehmen zu können, machte ihr der Sender (zeitlich nach den L-IZ-Anfragen) das Zugeständnis, sich am Ende oder am Rande der Runde ebenfalls kurz äußern zu dürfen.

Auf die Idee, die Runde zu vervollständigen und gegebenenfalls die Sendung „Fakt ist …! Sowie den Livestream im Sinne der Redezeit und Chancengleichheit für alle Kandidat/-innen ein paar Minuten zu verlängern, kam man jedenfalls auch jetzt nicht (Stand Freitag, 24. Januar 2020).

Den kostenfreien Livestream im Netz gibt es hier bei Fakt ist …! im Netz.

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