125 Jahre: Vom VfB zum 1. FC Lokomotive Leipzig

Ein Meilenstein der Leipziger Fußball-Literatur

VerlosungFür alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 69, seit 19. Juli im HandelWäre dieses Buch ein Trinkgefäß, würden vom Volumen her fast sieben Flaschen Bier hineinpassen. Schon beim ersten Anblick wird klar: 125 Jahre Fußballgeschichte brauchen viel Platz. Und wer beginnt, im 528-seitigen Wälzer zu blättern, wird schnell feststellen, dass die bewegte Historie der Probstheidaer Traditionslinie vermutlich nicht schöner hätte zu Papier gebracht werden können.

Das im Juni erschienene Werk des Autoren-Trios Thomas Franke, Marko Hofmann und Matthias Löffler ist nicht nur vom Umfang und Gewicht her ein „Ziegelstein“, sondern optisch und inhaltlich ein Meilenstein (nicht nur) der Leipziger Fußball-Literatur. Wenig verwunderlich also, dass „125 Jahre. Vom VfB zum 1. FC Lokomotive Leipzig“ für die Wahl zum Fußballbuch des Jahres vorgeschlagen wurde. Ob es den mit 5.000 Euro dotierten Preis der Deutschen Akademie für Fußballkultur tatsächlich abräumt, entscheidet sich am 25. Oktober 2019.

Um die inhaltliche Fülle der vielen Jahre zu bändigen, haben die Autoren den Zeitstrahl in fünf charakteristische Abschnitte unterteilt. Das 1. Kapitel „Vom Rekordmeister zum Pokalsieger“ befasst sich auf 80 Seiten mit den Jahren 1893-1945. Es zeigt auf, wie alles mit der Gründung der Sportbrüder Leipzig begann und beinhaltet natürlich auch die drei Meistertitel 1903, 1906, 1913 sowie den Pokalsieg 1936. Auch die 1922 erfolgte Einweihung des eigenen VfB-Stadions, dem heutigen Bruno-Plache-Stadion, erhielt einen eigenen Abschnitt.

Im 2. Kapitel „Von der SG Probstheida bis zum Leistungszentrum“ wird auf 40 Seiten die Nachkriegsgeschichte 1945-1963 beleuchtet – der in Sachen Umbenennungen und Neuausrichtungen wohl verwirrendsten Zeit, durch die die Autoren den Leser sicher navigieren. Nach der Zwangsauflösung des VfB folgten innerhalb kurzer Zeit mehrere Namenswechsel sowie eine Fusion, an deren Ende zunächst der SC Leipzig stand, deren Fußballer wenig später den neu gegründeten 1. FC Lokomotive bildeten.

Das 3. Kapitel „Der 1. FC Lok macht sich einen Namen“ bildet das Herzstück des Buches. Der Zeitraum 1963-1991 bekommt hier üppige 250 Seiten ab. Neben den vier nationalen Pokalsiegen 1976, 1981, 1986, 1987 waren die Auftritte in den europäischen Cup-Wettbewerben – mit dem Gewinn des International Football Cup 1966 und dem Europacupfinale 1987 – die Highlights dieser Epoche. Den insgesamt 77 EC-Spielen des SC Leipzig/1. FC Lok widmen sich die Autoren besonders liebevoll.

Chronologisch durchnummeriert wird jede einzelne dieser Partien auf mindestens einer eigenen Seite wieder zum Leben erweckt – stets versehen mit der Leipziger Aufstellung, den Torschützen und den Zuschauerzahlen. Garniert mit zahlreichen Spielfotos und Abbildungen von Ankündigungsplakaten, Stadionheften, Wimpeln, Gastgeschenken, Zeitungsausschnitten, Trikots und einigem mehr.

Alleine diese bisher einmalige komplette Sammlung der Leipziger Europacup-Spiele ist den mit 39,90 Euro ohnehin schlanken Preis für das dicke Buch wert.

Kapitel Nummer 4 „Aufstieg und Fall des neuen alten VfB Leipzig“ beleuchtet auf 75 Seiten die ersten Jahre nach der politischen Wende. Der 1. FC Lok wurde wieder in VfB umbenannt. Das Team schaffte erst über den Umweg der Relegation den Einzug in die 2. Bundesliga, konnte dort im ersten Jahr gerade so die Klasse halten – und stieg in der Folgesaison überraschend in die 1. Bundesliga auf.

Dem sofortigen Wiederabstieg folgten finanziell abenteuerliche Zeiten, die schließlich 2003/04 mit der Insolvenz des VfB Leipzig ihr betrübliches Ende fanden. Doch wo sich eine Tür schließt, geht bekanntlich irgendwo eine neue auf. In diesem Falle ließen Fans im Dezember 2003 den 1. FC Lokomotive Leipzig mit einer Neugründung wieder auferstehen. Wie es von da an bis hinein in die Gegenwart weiterging, beschreibt das 5. Kapitel „Der Neubeginn in Liga 11“ auf reichlich 50 Seiten.

Seinen besonderen Charme entfaltet das 125-Jahre-Buch vor allem dadurch, dass es nicht als trockener statistischer Abriss daherkommt. Es strahlt Leben aus, rückt regelmäßig die großen Spielerpersönlichkeiten in den Mittelpunkt, zeigt Bilder, Dokumente und Gegenstände, von denen viele so noch nie präsentiert wurden.

Und vor allem: Es erzählt Geschichten, die nur das Leben schreibt – und die den Fußball so liebenswert machen. So erfährt der Leser unter anderem, warum eine Zweitliga-Partie des VfB im Juni 1995 fast die Teilnahme der deutschen Fußballnationalmannschaft an der Weltmeisterschaft 1998 in Gefahr gebracht hätte und warum der VfB 1991 ein Spiel der 2. Liga komplett in Trikots von 1860 München absolvierte. Oder welche Erinnerungen ein Arsenal-Fan an die EC-Partie 1978 in Leipzig hat.

Die Story, wie 1993 ein VfB-Funktionär um ein Haar die für die Verpflichtung von Franklin Bittencourt vorgesehene Transfersumme von 300.000 Dollar in bar vernichtet hätte, gibt es als Appetithäppchen bereits schon einmal hier zu lesen:

Immerhin wurde Franklin gehalten (…) 300.000 Dollar waren nötig, um den bisher ausgeliehenen Angreifer fest zu verpflichten. Bloß fehlte vor Ort in Brasilien ein konkreter Ansprechpartner – irgendeinem Mittelsmann sollte eine derartige Summe keinesfalls anvertraut werden. Also wurde abermals Nachwuchschef Berthold Richter in die Spur geschickt. (…)

„Ich bekam einen plombierten Koffer mit Auslöser, der das Geld zerstören würde, sobald jemand einen Raub versuchen würde. Über Frankfurt ging es nach Rio de Janeiro. Dort holte mich Heinz Prellwitz ab, ein Vertrauter von Rainer Callmund. Er fuhr mich mitten durch die Favelas Richtung Hotel direkt an der Copacabana. Dann wäre mir beinahe der Supergau passiert. Als ich den Koffer im Safe verstauen wollte, aktivierte ich versehentlich den Sender, hatte 45 Sekunden Zeit, den Mechanismus zu stoppen. Erst sechs Sekunden vor Auslösung habe ich das geschafft. Er hatte geklemmt.“ (S. 412 f.)

„125 Jahre. Vom VfB zum 1. FC Lokomotive Leipzig. Die Geschichte des Ersten Deutschen Meisters“
Autoren: Thomas Franke, Marko Hofmann, Matthias Löffler. 1. FC Lokomotive Leipzig (Hrsg.)
1. Auflage, 2019 MMT Verlag GbR, ISBN 978-3-00-060937-4, 528 Seiten, 39,90 Euro

Nominierung zum Fußballbuch des Jahres 2019:
https://www.fussball-kultur.org/buch/book/125-jahre-vom-vfb-zum-1-fc-lokomotive-leipzig/

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