„Satu Mare. Bis vor 36 Stunden kannte ich diese Stadt im Nordwesten Rumäniens noch nicht. Doch nun sitze ich auf dem Rücksitz eines BMW, folge dem Mannschaftsbus des 1. FC Lok Leipzig, der 49 ukrainische Kinder und Betreuer eines Kinderheims in eben jenem Satu Mare abholen soll“, beginnt Marko Hofmann seinen Bericht über eine außergewöhnliche Reise.

„Mariupol ist mir stattdessen seit ein paar Tagen gut bekannt. Die belagerte Stadt am Asowschen Meer ist die Heimat der Kinder, die – wie ich hörte – in einer Nacht-und-Nebel-Aktion geflüchtet sind. Zwischen Mariupol und Satu Mare liegen 1.500 km. Noch einmal 1.500 Kilometer werden die Kinder, wenn alles klappt, mit dem Bus nach Lage bei Bielefeld fahren und dann 3.000 km von zu Hause entfernt in Sicherheit sein.

Vom Bruno-Plache-Stadion aus, setzt sich der Konvoi am Samstag, 12. März in aller Frühe um 3:30 Uhr in Bewegung. Der Mannschaftsbus des 1. FC Lok ist proppevoll mit Hilfsgütern. Im Laderaum stapeln sich vor allem Hygieneartikel und haltbare Lebensmittel wie Nudeln, Konserven, Riegel und Getränke. Auch zwischen den Sitzreihen überall Getränke und Lebensmittel, selbst in der Gepäckablage ist kaum noch Platz.

Unter anderem mit an Bord sind auch Verpflegungsbeutel, Kuscheldecken und ein paar kleine Überraschungen für die Kinder. Binnen 24 Stunden hatten Sponsoren und Fans des Vereins all diese Dinge herangeschafft und an Sachspenden eingeworben. Den Anstoß zu dieser Aktion hatte Anna gegeben, sie stellte den Kontakt zu Lok her. Ihr Chef hatte den Verein bei einem Bauprojekt unterstützt, daher wusste sie, dass sich die Probstheidaer gern an einer Hilfsaktion für die Ukraine beteiligen wollte.

Nun also rollen Bus und Begleitfahrzeug, mit insgesamt zehn Helfer/-innen, via Tschechien, Slowakei und Ungarn in Richtung rumänische Grenze. Diese erreicht der Tross abends um 21:30 Uhr und bekommt von einem ebenfalls dort anwesenden Deutschen spontan eine 50 Euro-Spende für die Kinder zugesteckt. „22:30 Uhr erreichen wir das Kinderheim. Fünf Stunden später als das Navi ursprünglich angezeigt hat. Pausen, Vignettenkäufe, Tanken – es dauert seine Zeit“, berichtet Hofmann.

Der Titel der 100. Ausgabe der LZ, seit 1. April 2022 im Handel. Foto: LZ

„Im Haus sind die Erwachsenen noch wach, es herrscht Geschäftigkeit. Ein Zehnjähriger huscht an uns vorbei, gibt uns die Hand und sagt freundlich auf Ukrainisch Guten Abend. Auf einer langen Tafel steht ein kleines Buffet für uns. In den Gesichtern aller kann man sehen, dass es kein Sonntagsausflug war“, schildert er die ersten Eindrücke vor Ort. Die 40 Kinder und neun Erwachsene, die der Lok-Bus nach Deutschland holen wird, waren zuvor sieben Tage lang auf der Flucht vor dem Krieg gewesen. „Eine Odyssee, die für Europäer im 21. Jahrhundert undenkbar schien“, so Hofmann.

„Es ist mittlerweile 0 Uhr. Das rumänische Kinderheim hat fünf Tage lang auch die ukrainischen Gäste verpflegt. Als Dank laden wir Getränke, Lebensmittel und Hygieneartikel aus. Die ukrainischen Erzieher haben uns eine Übernachtung in der Baptisten-Gemeinde der Stadt organisiert. Hier können wir bis Sonntagmorgen 9 Uhr bleiben. Die Gästezimmer sind nach 24 Stunden unterwegs sein ein Labsal.“

Nach der dringend nötigen Nachtruhe konnte es dann wieder Richtung Deutschland gehen. „Nach und nach zogen sich die Kinder an, schüttelten jedem die Hand und ab ging es in den Bus. Nach wenigen Minuten waren die ersten wieder draußen, zeigten stolz das Plüschtier oder das Basecap aus dem Fanshop des 1. FC Lok Leipzig. Jedes Kind hat zwei Tüten für die Reise bekommen, Nackenkissen, Decke, Mütze, Essen. Dazu gab es Lunchpakete vom Kinderheim.

Den Grenzübergang nach Ungarn erreicht der Konvoi gegen 11:30 Uhr – und dann ging für lange Zeit nichts mehr. „Rumänien gehört nicht zum Schengener Abkommen und jeder Ukrainer, der keine Dokumente hat, braucht neue. Diese machen die Grenzpolizisten. Das sind aber nicht viele. So ist dieser Sonntag vor allem ein Geduldsspiel“, erklärt Marko Hofmann. Schlechte Laune kommt bei den Kindern dennoch nicht auf, es wurde sogar eine Stunde lang im Bus gesungen. Erst um 23:45 Uhr konnte der Bus endlich die Grenze hinter sich lassen.

„Früh halb acht waren wir in der Slowakei, 15 Uhr in Deutschland. Jetzt lohnt sich, dass wir drei Fahrer sind, so kann einer immer schlafen. Zwischendurch gibt es Mittagessen, so unkonventionell wie möglich. Leider kommen an der Autobahn nicht so viele Restaurants infrage. Es wundert sich niemand in der Küche über 20 große Pommes, 100 Burger und 50 Getränke. Je länger der Tag voranschreitet, desto besser wird die Stimmung. Die Kinder haben Seifenblasen bekommen. Ein Mädchen versucht immer wieder welche zu fangen. Die Jungs begeistern sich für unser Auto, wollen Fotos davor und darin machen.“

Die Kinder und Betreuer steigen in den Lok-Bus ein. Foto: 1. FC Lok Leipzig
Die Kinder und Betreuer steigen in den Lok-Bus ein. Foto: 1. FC Lok Leipzig

Am Sonntagabend, 21 Uhr, war nach 1.500 Kilometern das Ziel erreicht – ein ehemaliges Heim für behinderte Menschen in Stapelage. „50 Personen warteten hier auf uns, auch ein Kamerateam. Als wir im Haus ankommen, sind die Kinder schon einmal quer durch das Buffet gepflügt. Zahlreiche Frauen haben es richtig gut gemeint und viel zu viel Essen gemacht. So große Töpfe habe ich ewig nicht mehr gesehen“, ist Hofmann beeindruckt. „Als wir im Haus stehen und von den Ereignissen rund um die Aktion erzählen, ist sie wieder spürbar: Diese Energie, wenn Menschen ein gemeinsames Ziel haben und sich dadurch verbunden fühlen.“

Noch in der Nacht macht sich die Lok-Delegation auf den Rückweg nach Leipzig. Fazit: „3.000 Kilometer, 72 Stunden, eine Busladung voller Eindrücke und die große Freude, gemeinsam mit einem großen Team in und aus Leipzig und Lage anderen Menschen geholfen zu haben“, schließt Marko Hofmann sein Reisetagebuch.

Spendenkonto für das ehrenamtlich betriebene Kinderheim in Lage:
FECG Arche e.V.
DE78 4726 0121 8264 4415 00
VerbundVolksbank OWL eG
Verwendungszweck: Spende ukrainische Flüchtlinge
https://fecg-arche.de/

„Ukraine-Hilfe: Eine große Freude, gemeinsam Menschen geholfen zu haben! – Der 1. FC Lok bringt geflüchtete Kinder nach Deutschland“ erschien erstmals am 1. April 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 100 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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