Die Stadtverordnetenversammlung muß heute über mehr als 50 Anträge, Vorlagen und dazugehörige Änderungsanträge abstimmen. Wird die Arbeit nicht geschafft, gehts morgen Nachmittag weiter. Ein Historiker wird für seine Verdienste um die Geschichte der Seiffener Schnitzkunst geehrt – und im Grassi präsentiert Lena Lehmann heute ihr neues Programm mit eigenen und in Lagern und Ghettos entstandenen Liedern der Shoah.

Viel Theater im Stadtrat

Ab 14 Uhr kommen die Leipziger Stadtverordneten zu ihrer turnusmäßigen Sitzung zusammen. Eine Beschlussvorlage der Dezernate Kultur und Allgemeine Verwaltung sieht vor, das Schauspiel Leipzig künftig von einem gleichberechtigten Dreierteam leiten zu lassen. Für diese Reform in der Theaterführung war eine zuvor kontrovers diskutierte Neufassung der Betriebsordnung nötig (LZ berichtete).

Nach Abschluss des Auswahlverfahrens empfiehlt die Auswahlkommission dem Stadtrat die Berufung von Clara Weyde, Bastian Lomsché und Clemens Leander zur gemeinsamen Team-Intendanz. Vorgesehen ist, dass alle drei die Betriebsleitung im Aufgabenfeld der Intendanz mit identischen Rechten und Pflichten ausüben. Die Position wird entsprechend der Ausschreibung befristet für fünf Jahre vergeben und soll vom 1. August 2027 bis zum 31. Juli 2032 laufen. Neben der Intendanz-Arbeit wären im Vertrag weitere Aufgabenfelder festgelegt: Clara Weyde als Hausregisseurin, Clemens Leander verantwortet Kooperationen und Kostümbild, Bastian Lomsché soll dramaturgische Aufgaben übernehmen.

Die Konstellation verwundert nicht, denn Weyde, Leander und Lomsché waren nur im Dreierpack zu haben. In eben dieser Konstellation leiteten sie seit der Spielzeit 2022/23 das Magdeburger Theater und verhalfen ihm bei einer Umfrage des Fachmagazins „Theater heute“ im vergangenen Jahr zum Titel „Theater des Jahres“.

Der bisherige Theaterchef Enrico Lübbe, bekannt durch seine DEFA-Kinderrolle als Alfons Zitterbacke, hatte sich nicht für eine weitere Verpflichtung in Leipzig beworben.

Auch die Oper soll nach der heutigen Ratsversammlung einen neuen Intendanten bekommen. Beworben hatten sich auf die Stelle 6 Frauen und 23 Männer. Die Auswahlkommission schlägt dem Stadtrat Peter Heilker zur Abstimmung vor. Er ist derzeit als Programm- und Castingdirektor sowie als stellvertretender Intendant am „MusikTheater an der Wien“, dem Opernhaus der Vereinigten Bühnen Wien, tätig.

Weitere Anträge der heutigen Stadtratssitzung befassen sich u.a. mit der Einrichtung von Stillräumen in Bürgerbüros und Wartebereichen der Ämter, gynäkologischen Ambulanzen für Prostituierte, der Ermöglichung eines Freiwilligendienstes in der Verwaltung und dessen Finanzierung oder einer sinnvollen Regelung zur Nutzung sogenannter „Verschenkekisten“. Gegen 17 Uhr ist die zur Ratssitzung gehörende Beantwortung von Einwohnerfragen vorgesehen.

Sollen das Schauspiel leiten: Clemens Leander, Bastian Lomsché und Clara Weyde (v.l.n.r.). Foto: Kerstin Schomburg

Leipzig ehrt Räuchermännel-Historiker

Im „Faust“ lässt Goethe seinen mit Kumpanen munter zechenden Studenten Frosch den weltberühmt gewordenen Vergleich Leipzigs als „Klein Paris“ verkünden. Die heute als Lobpreisung verstandene Beurteilung war seinerzeit jedoch wenig schmeichelhaft gemeint. Im 15. Jahrhundert, der Zeit von Goethes Faust-Geschehen, war Paris nicht die romantische Stadt von Liebe, Stil und Schnörkel, sondern, kurz gesagt, ein Loch von schlechtester Lebensqualität.

Nur wenig später wurde Leipzig selbst ein ähnlicher Vergleich zuteil. Jedoch nicht zynisch belustigt, sondern in echter Anerkennung. Das erzgebirgische Grünhainichen avancierte im Sprachgebrauch der damaligen Zeit zu Klein Leipzig. Seiner pfiffigen Verleger wegen. Dies tiefer erforscht und die bisher bekannten Aktivitäten durch neue Erkenntnisse ergänzt zu haben, verdankt Leipzig dem Historiker Dr. Robin Richter.

Die Horst-Springer-Stiftung verleiht ihm in Kooperation mit dem Historischen Seminar der Universität Leipzig heute Abend den Promotionspreis für seine Dissertation „Die Anfänge des erzgebirgischen Holz- und Spielwarenhandels – eine Fallstudie zu Grünhainichen und Umgebung“.

Der Hintergrund sei knapp erklärt: Im weltberühmten Seiffen verstand man sich aufs Schnitzen. Aber die Künstler lebten und arbeiteten im wahrsten Sinne des Wortes hinterm Berg. Die nächsten Gleise samt der dazugehörigen Investoren, wie man die damaligen „Verleger“ heute nennen würde, also Menschen, die Geld für künftige Erfolge „vorlegten“, befanden sich zur Entstehungsphase der Holzkünste in Grünhainichen, heute einen siebenstündigen Fußmarsch entfernt.

Die feierliche Preisverleihung beginnt um 18 Uhr in der Bibliotheca Albertina (Beethovenstraße), die Laudatio hält Prof. Dr. Julia Schmidt-Funke, Proffesorin für Geschichte der frühen Neuzeit. Im Anschluss stellt der Preisträger in einem Vortrag zentrale Ergebnisse seiner Forschung vor und erläutert die Entwicklung des frühen Handels in Grünhainichen und Umgebung. Die Auszeichnung ist mit 1.000 Euro dotiert.

Der Namensgeber der Auszeichnung, Horst Springer, wurde am 5. Juli 1926 in Leipzig geboren, besuchte die Thomasschule, war ab 1950 Inhaber der berühmten Rösterei „Schirmer Kaffee“, flüchtete noch im selben Jahr aus der damaligen DDR und baute sein Unternehmen in Dortmund neu auf. 1992 gründete er die Horst-Springer-Stiftung für Neuere Geschichte Sachsens und wurde für sein Engagement 2000 zum Ehrensenator der Universität Leipzig ernannt. Horst Springer starb am 5. April 2002.

Das kleine Grünhainichen verhalf nicht nur dem heute berühmteren Seiffen zu weltweitem Erfolg. Von 1874 bis 1954 leistete sich das Örtchen sogar eine eigene Berufsschule für Spielwaren. Foto: Deutsche Fotothek, SLB Dresden

Lieder der Shoah: Lena Lehmann im Grassi

Zu ihrem neuen Programm sagt Lena Lehmann: „Wenn wir über jüdisches Leben sprechen, über jüdische Kultur, kommen wir an zwei Themen nicht vorbei: an der Musik und an der Shoah.“

Seit 2001 lebt die Künstlerin in Leipzig, hat ihre große Liebe in jüdischer Musik und Kultur gefunden, engagiert sich gegen Antisemitismus und für die Sichtbarkeit jüdischen Lebens. Sie singt im Leipziger Synagogalchor und ist Teil des „Leipziger Liederszene e. V.“

Heute Abend begeht sie mit ihrem Programm „Blumen & Brot“ im Grassi Museum Premiere. Begleitet von Ukulele oder Klavier singt sie in Lagern und Ghettos entstandene Lieder auf Jiddisch und Deutsch und ergänzt sie durch eigene Stücke. Dazu erzählt sie die Geschichten dieser Lieder und vor allem auch die der Menschen, die mit ihnen in Verbindung stehen.

Nach einem Besuch der einstigen Vernichtungs- und heutigen Gedenkstätte Auschwitz entstand in der Musikerin das Bedürfnis, einen eigenen künstlerischen Beitrag zum Gedenken an die Opfer der Shoah zu leisten. Es folgte eine Zeit konzentrierter Recherche, des Arrangierens und der intensiven Auseinandersetzung mit der Shoah sowie mit jüdischer Kultur und Musik.

Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr, der Eintritt ist frei.

Gedenkt mit historischen und neuen Liedern der Shoah-Opfer. Lena Lehmann singt heute Abend im Grassi-Museum. Foto: Marta Nowicki

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