Sie war eine kleine, stille Frau, deren Mut dazu beitrug, ein ganzes Land zu verändern. Die berührende Geschichte der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley steht im Mittelpunkt eines Films, der die entscheidenden Monate vor der friedlichen Revolution in der DDR beleuchtet, als sich die politische Lage im Land zunehmend zuspitzte und oppositionelle Kräfte verstärkt unter Druck gerieten. Jetzt kommt er in die Kinos.

Bärbel Bohley, ostdeutsche Künstlerin und Bürgerrechtlerin, wurde im Zuge der Rosa-Luxemburg-Demonstration am 17. Januar 1988 verhaftet und nach einem nervenaufreibenden Verwirrspiel von Anwälten, Funktionären und Kirchenvertretern zwangsweise in die Bundesrepublik abgeschoben. Während ihres Aufenthalts in Westdeutschland, bei dem sie von Freundinnen wie Petra Kelly unterstützt wurde, sowie auf Reisen nach England, Frankreich und Italien führte sie ein Tagebuch, das ihren anhaltenden Widerstand dokumentiert. „Im Knast war ich äußerlich gefesselt, im Westen war ich es innerlich“, notiert Bärbel Bohley darin.

Haftfotos von Bärbel Bohley. Foto: Stasi-Unterlagen-Archiv

Sie schildert ihre Beobachtungen der westlichen Gesellschaft aus ostdeutscher Perspektive und setzt sich zugleich mit der politischen Situation in der DDR auseinander. Über ihre Festnahme schreibt die zierliche Künstlerin rückblickend, dass die ihr angelegten Handschellen zu groß für ihre Hände waren; sie rutschten immer wieder aus den eisernen Fesseln heraus. Sie erinnert sich an einen auf ihren Wunsch zustande gekommenen Besuch der Bundestagsfraktion der Grünen in Bonn. Endlich frei und unbeobachtet mit Gleichgesinnten reden – das war ihr Ansinnen. Doch das Interesse an der Bürgerrechtlerin aus dem Osten ist gering. Als Bohley in der Fraktion eintrifft, ist die Hälfte der Abgeordneten im Park hinterm Bundestag verschwunden.

Bei aller Freude über die Eindrücke auf Reisen, bei Galeriebesuchen, romantischen Abendessen in Venedig, beim Spazieren am Atlantik drehen sich die Gedanken von Bärbel Bohley weiterhin um den Zustand ihrer Heimat. Und den will sie verändern. Nach sechs Monaten gelang es ihr, die Rückkehr in die DDR durchzusetzen – ein bis heute außergewöhnlicher Vorgang. Der Film von Fosco Dubini und Barbara Marx folgt all diesen Stationen und verbindet Bohleys persönliche Aufzeichnungen mit den Erinnerungen enger Freunde und Weggefährten. Diese berichten von eigenen Erfahrungen mit der Staatssicherheit, von Repressionen gegen Oppositionelle und von den Haftbedingungen im Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen.

Die Aussagen der Zeitzeugen ergänzen zugleich das Bild von Bohleys Ausbürgerung und ihrem politischen Wirken. Zeitzeugen und Begleiter kommen zu Wort. Rolf Henrich erzählt, wie er die einzelnen Kapitelmanuskripte seines Buchs „Der vormundschaftliche Staat“ in Gläsern verpackte und im Garten vergrub, damit sie bei einer Hausdurchsuchung nicht in die Hände der Stasi geraten konnten. Über ihre Gespräche mit Weggefährtinnen dieser Zeit schrieb Bohley: „Für mich ist ein Gespräch mit Frauen immer etwas unverstellter. Es wird nicht so sehr bestimmt von dem, was man hätte tun müssen, sondern von dem, was man künftig tun muss.“

Die Erinnerungen an Haft und Verhöre, an die späteren Spaziergänge in Freiheit am Meer werden in dem Dokumentarfilm auf bedrückend großartige Weise von der Schauspielerin Lilli Fichtner („Das weiße Band“) illustriert, die neben Heiner Goebbels auch Teile der Filmmusik schrieb.

Lilli Fichtner als Bärbel Bohley im Stasi-Knast Hohenschönhausen. Foto: REALFICTION

Nach ihrer Rückkehr engagierte sich Bärbel Bohley weiterhin konsequent für Bürgerrechte und demokratische Reformen. Sie gehörte zu den Mitbegründern der Bürgerrechtsbewegung „Neues Forum“ und wurde zu einem der bekanntesten Gesichter der friedlichen Revolution von 1989. Auch bei der Besetzung der Stasizentrale in der Normannenstraße spielte sie eine wichtige Rolle.

Zwar wurde sie nach dem Umbruch in verschiedene politische Gremien gewählt, doch die Entwicklungen der folgenden Jahre drängten sie zunehmend an den Rand des politischen Geschehens. Später zog sie sich aus der Politik zurück und engagierte sich beim Wiederaufbau in Ex-Jugoslawien. Über diese Zeit schrieb sie das Buch „Die Dächer sind das Wichtigste“. Bärbel Bohley starb 2010 an Krebs.

Professorin und Friedensaktivistin Mary Kaldor: „Ich denke, eine der Tragödien nach 1989 war, dass die Veränderungen eigentlich von der Zivilgesellschaft herbeigeführt wurden, aber diese Geschichte wird nicht erzählt. Und das macht einem klar, dass es immer um die Gorbatschows, die Honeckers, die Willy Brandts geht, und nicht um die Menschen, die alles das möglich gemacht haben.“

Die Geschichte der stillen Heldin Bärbel Bohley kommt jetzt als Dokumentarfilm ins Kino. Foto: REALFICTION

Der Film „Tagebuch einer Auflehnung“ berichtet nun eine solche Geschichte, zeichnet sensibel das vielschichtige Bild einer Frau, die den demokratischen Aufbruch in der DDR maßgeblich prägte. Er wurde im Mai während des Dokumentarfilmfestes in München gezeigt, offizieller Kinostart ist am 18. Juni 2026. Eine offizielle Premiere für Leipzig gibt es am Samstag, 20. Juni, im Leipziger Kino „Prager Frühling“ (Haus der Demokratie). Die Vorführung beginnt um 17 Uhr und wird von einem Gespräch mit Regisseur Fosco Dubini begleitet. Die Moderation übernimmt der ehemalige Bürgerrechtler und Zeitzeuge Stephan Bickardt. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig statt. Zu sehen ist die Dokumentation dann in den Programmen von „Prager Frühling“ und „Passage Kino“.

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