Ein Grund, warum Straßenbahnfahren für manche Leipziger/-innen nicht wirklich attraktiv ist, sind die vielen Langsamfahrstrecken im Netz, wo die modernen Bahnen, die locker 50, 60 km/h schnell fahren können, auf 10 km/h abbremsen müssen oder gar in Schrittgeschwindigkeit schleichen, weil die Gleise geschont werden müssen. Die Linksfraktion hatte jetzt das Gefühl, dass es immer mehr Langsamfahrstellen im Netz der LVB gibt. Aber dem ist nicht so.

„In den letzten Jahren ist zumindest subjektiv der Eindruck einer Zunahme der „Langsamfahrstrecken“ (u. a. Zschochersche Straße, Georg-Schumann-Straße, Wurzner Straße) zu verzeichnen“, hatte die Linksfraktion deshalb in einer Anfrage an die Stadt vermutet und auch gleich noch eine Einzelaufstellung verlangt. Aber diese Liste wäre – so meint zumindest das Verkehrsdezernat – viel zu lang geworden.

„Die Gründe für Langsamfahrstellen im Streckennetz der LVB sind vielfältig und umfassen z. B. auch Bereiche, in denen bedingt durch Gefahrenpunkte (Kreuzungen mit anderen Verkehrsteilnehmern) oder allgemeine Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht die ansonsten möglichen Geschwindigkeiten gefahren werden können“, versucht das Verkehrs- und Tiefbauamt (VTA) die Gründe für all die Schleichstrecken zu benennen.

„Im Infrastrukturregister der LVB sind die Geschwindigkeitsprofile hinterlegt – danach sind auf etwa 5,8 % des Streckennetzes Langsamfahrstellen eingerichtet. Eine detaillierte Übersicht aller Langsamfahrstellen hätte bezogen auf die Fragestellung kaum eine signifikante Aussagekraft, weshalb die drei längsten, zustandsbedingten 10 km/h-Langsamfahrstellen aufgezeigt werden.“

Die derzeit längsten Langsamfahrstrecken im Gleisnetz der LVB. Grafik: Stadt Leipzig
Die derzeit längsten Langsamfahrstrecken im Gleisnetz der LVB. Grafik: Stadt Leipzig

Wobei mit der Waldstraße ja in diesem Jahr eine dieser besonders langen Langsamfahrstecken endlich zum Komplettumbau ansteht.

Aber die meisten Langsamfahrstücke sind eher kurz – sind etwa verschlissene Gleiskurven, heruntergefahrene Gleiskreuzungen oder Teilstücke, in denen der Unterbau mürbe wird.

Tatsächlich sind es 72

Und da staunt man schon, dass die Linksfraktion mit ihrer Schätzung, dass es in Leipzig zwölf ausgewiesene Stellen mit Geschwindigkeitsbegrenzung auf 10 km/h gibt, deutlich zu niedrig liegt.

„Diese Werte decken sich nicht mit den Aufzeichnungen der LVB“, teilt nun das VTA mit. „Deren Daten weisen 72 entsprechende Langsamfahrstellen 10 km/h aus und die Zahl ist bei gleicher Betrachtung unverändert: auch aktuell gibt es 72 Langsamfahrstellen mit 10 km/h. Grundsätzlich steigt jedoch die Menge und Länge der Langsamfahrstellen an, da alte Gleisbauformen, teilweise vor 1990 errichtet, dringend erneuert werden müssen.“

Was eben im Klartext heißt, dass die Sanierungsquote der LVB in den vergangenen Jahren viel zu niedrig war. Auch aus Kostengründen. Aber nicht nur. Denn viele Gleisstrecken, die sie schon vor Jahren erneuern wollten, konnten sie zwischenzeitlich nur provisorisch sichern, weil die Stadt selbst mit ihren Planungen zur Komplexsanierung vieler Straßen um Jahre hinterherhinkt.

Das trifft ja in diesem Jahr insbesondere auf die Käthe-Kollwitz-Straße zu (wo noch gebaut wird) und die Georg-Schumann-Straße zu (wo das Gleisstück vor der Lützowstraße inzwischen repariert ist).

Eine Bummelstrecke wird ja gerade am Wilhelm-Liebknecht-Platz beseitigt, wo die Gleise schon völlig heruntergefahren waren.

Und dieses Ausgebremstwerden kostet richtig Geld, teilt das VTA mit: „Die Wirkungen auf den Linienverkehr der LVB sind vielschichtig, die Summe aller zusätzlichen Betriebskosten aus Langsamfahrstellen beträgt ca. 1,7 Mio. Euro/Jahr.“

Bummeln macht Bahnen nicht attraktiv

Eigentlich kostet es mehr. Denn das Bummeln kostet auch echte Fahrgäste, die aussteigen oder erst gar nicht einsteigen, weil ihre Fahrerlebnisse zu frustrierend sind und eben nicht der Eindruck entsteht, dass man mit Leipzigs ÖPNV flott von A nach B kommt. Da wirkt auch der neueste Werbespruch nicht wirklich glücklich: „Lass dich nicht aufhalten.“ Von wem auch, wenn die Bahn nicht vorankommt?

Alles Dinge, die zwar vor allem auf das Fahrerlebnis wirken, die aber letztlich die Entscheidungen beeinflussen, ob jemand nun zum ÖPNV-Nutzer wird oder doch lieber beim Benziner bleibt oder lieber das Fahrrad nimmt. Denn eigentlich war das schon 2018 klar geworden, als der Stadtrat über das neue Mobilitätskonzept der Stadt debattierte: Die Attraktivität des ÖPNV im Wettbewerb der Verkehrsmittel entscheidet sich mit Pünktlichkeit, Barrierefreiheit und Geschwindigkeit.

Und dass da im Rahmen der Mobilitätsstrategie etwas passieren muss, das gesteht auch das VTA zu: „Mit dem Beschluss der Mobilitätsstrategie 2030 für die Stadt Leipzig und dem Rahmenplan zur Umsetzung, wurde durch den Stadtrat auch ein Erneuerungsprogramm für das Straßenbahnnetz beauftragt. Dieses hat zum einen das Ziel, die Befahrbarkeit für zukünftig breitere Fahrzeuge der LVB im gesamten Streckennetz herzustellen, aber auch die zustandsbedingte Erneuerung vorzunehmen. Meist handelt es sich dabei um komplexe Projekte, die von der Stadt und allen Unternehmen der L-Gruppe gemeinsam geplant und realisiert werden. Mit der Durchführung des sogenannten ‚Basismodul Hauptachsen‘ werden dabei wesentliche Verbesserungen der Infrastruktur der LVB erreicht, die eine Minderung der Langsamfahrstellen nach sich ziehen.“

Da ist es formuliert: Das Streckennetz muss besser werden, so viele Langsamfahrstellen können sich die LVB nicht leisten, wenn sie für mehr Fahrgäste attraktiv werden wollen.

„In diesem Sinne und Rahmen spiegelt sich auch der Sanierungsbedarf in den Maßnahmen des Rahmenplans zur Umsetzung der Mobilitätsstrategie wider“, betont das VTA.

Jetzt muss es nur noch in Baumaßnahmen umgesetzt werden.

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