In der Ratsversammlung am 14. April wurde auch das vom Bund geplante 9-Euro-Ticket zum Thema. Die Linksfraktion hatte schon mal genauer wissen wollen, wie das Ticket in Leipzig umgesetzt werden soll. Zur Ratsversammlung hatte Bürgermeister Thomas Dienberg dann schon ein paar mehr Informationen.

Das 9-Euro-Ticket im Nahverkehr soll auch ÖPNV-Nutzern eine kleine Entlastung in Zeiten steigender Energiekosten bieten, auch wenn es wohl erst ins Programm der Bundesregierung kam, nachdem die neuen Rabatte für Autofahrer nicht mehr zu verhindern gewesen sind.

„Mit den am 24. März 2022 beschlossenen Maßnahmen des sogenannten ‚Entlastungspakets‘ wird versucht, die Auswirkungen der steigenden Energiekosten für den Einzelnen zu reduzieren“, hatte die Linksfraktion in ihrer Anfrage festgestellt.

„Als Fraktion Die Linke im Leipziger Stadtrat haben wir erfreut zur Kenntnis genommen, dass die hohen Kosten des ÖPNV für den Endverbraucher als Problem erkannt wurden. Leider wurde durch die Bundesregierung versäumt, ein langfristiges Paket für einen modernen ÖPNV zu schnüren, der zum Umstieg vom individuellen PKW-Verkehr hin zum ÖPNV dauerhaft einlädt. Dennoch besteht mithilfe des Entlastungspakets die Möglichkeit, die Einführung und Auswirkungen eines vollkommen fahrscheinlosen Nahverkehrs zu testen. Die Forderung eines ‚Null-Euro-Tickets‘ statt eines 9-Euro-Tickets wird mittlerweile auch von zahlreichen Ländern mitgetragen.“

Was Leipzigs Baubürgermeister Thomas Dienberg, der auch Vorsitzender des Aufsichtsrats des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes (MDV) ist, am Donnerstag bestätigte. Es gibt sogar einen guten Grund, warum auch die Verkehrsverbünde für ein Null-Euro-Ticket wären: Es würde ihnen eine Menge Verwaltungsaufwand ersparen.

„Aber was nichts kostet, ist auch nichts wert“, versuchte Dienberg auf Nachfrage von Linke-Stadträtin Franziska Riekewald zu erklären, warum es auch nach Einspruch der Länder beim 9-Euro-Ticket bleibt.

Kabinett und Bundestag müssen noch zustimmen

In der Antwort seines Dezernats klang das noch etwas ungenau: „Aktuell bekannter Stand ist, dass das Ticketangebot ‚9-für-90‘ bundesweit einheitlich und synchron mit dem Entlastungspaket zum 1. Juni 2022 umgesetzt werden soll. Es soll bundesweit in allen Verkehrsmitteln des öffentlichen Personennahverkehrs sowohl für Bestands- als auch für Neukunden gelten.

Um die Menschen, die durch dieses Vorhaben zusätzlich für den ÖPNV gewonnen werden, auch künftig im ÖPNV zu behalten, streben die Länder eine einheitliche Vertriebsplattform für den Verkauf an.

Die Schaffung der gesetzlichen Grundlage für das Vorhaben ‚9-für-90‘ soll parallel mit der Absenkung der Energiesteuer erfolgen. Demnach soll voraussichtlich am 27. April 2022 das Bundeskabinett, am 19. Mai 2022 der Bundestag und am 20. Mai 2022 der Bundesrat über die Maßnahmen befinden.

Dazu schlagen die Bundesländer vor, dass der Bund Ende Mai 2022 eine Vorabauszahlung an die Länder leistet, sodass diese zum Juni 2022 die Ausgleichsmittel an die zuständigen Aufgabenträger weiterleiten können. Eine Vereinbarung mit dem Bund dazu steht jedoch noch aus.“

Wären die LVB vorbereitet?

Immerhin war ja ein zentrales Anliegen der Linke-Anfrage gewesen, ob Leipzigs Nahverkehrsunternehmen LVB überhaupt in der Lage wäre, die Maßnahme umzusetzen. Aber auf MDV-Ebene ist man inzwischen sicher, dass die Maßnahme kommt und dass man sie so auch umsetzen wird: Dann gibt es in den Monaten Juni, Juli, August im Nahverkehr für alle ein 9-Euro-Monatsticket als „einmalige Sondermaßnahme“, bei der auch Dienberg davon ausgeht, dass das viel mehr Menschen zur Nutzung des ÖPNV animieren wird.

Wer schon Abonnent von Monatstickets im Nahverkehr ist, der werde die Differenz zum Abo-Tarif dann von seinem Vertragsunternehmen zurücküberwiesen bekommen.

Und in gewisser Weise ist das Ganze ja ein regelrechtes Versuchsprojekt, wie Linke-Stadtrat Oliver Gebhardt meinte, was die Einführung eines künftigen 365-Euro-Tickets in Leipzig betrifft.

Werden die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) die Zeit nutzen, die Sache auch wissenschaftlich auszuwerten?

Aber das wohl eher nicht, so Dienberg, auch wenn die LVB das Ganze wohl sehr genau beobachten werden. Aber da es nur drei Monate sind und diese auch noch in der Sommer- und Ferienzeit liegen, würden die Zahlen nicht wirklich aussagekräftig sein.

Aber dennoch werden natürlich alle Neukunden, die das 9-Euro-Abo nutzen, so Dienberg, auch ein Anschlussangebot bekommen. Denn natürlich ist der eigentliche Sinn des Ganzen, mehr Kunden für den Nahverkehr zu gewinnen und sie zum Verzicht auf das Auto zu bewegen.

Wobei SPD-Stadträtin Heike Böhm eine sehr wesentliche Anmerkung machte: Werden die LVB überhaupt in der Lage sein, den Fahrgastansturm dann zu bewältigen?

Also: Haben sie genug Fahrzeuge und Fahrer/-innen?

Eine Frage, auf die Dienberg vorbereitet war. Denn in den vergangenen Wochen gab es ja heftige Einschnitte im Fahrbetrieb der LVB, weil die Corona-Pandemie auch unter den Fahrer/-innen etliche in Quarantäne zwang. Zeitweilig waren bis zu 200 Fahrer/-innen nicht mehr für den Fahrdienst verfügbar, so Dienberg. Aber die Welle sei im Abebben. In den nächsten Wochen würden die LVB nach und nach wieder zum Normalfahrplan zurückkehren.

Das heißt: Bis Ende April sollen die Straßenbahnlinien 2, 8 und 10 wieder in den 10-Minuten-Takt zurückkehren.

Für die Buslinien 60, 65, 70, 74, 76 und 89 ist die Rückkehr in den 10-Minuten-Takt bis zum 16. Mai geplant, sodass die LVB (abgesehen von den Baustellen) ab Mitte Mai wieder mit ihren vollen Kapazitäten unterwegs sein werden.

Und das werden wohl auch die Kapazitäten sein, mit denen die LVB dann in der Zeit des 9-Euro-Tickets fahren, so Dienberg. Auch er geht nicht davon aus, dass die Kapazitäten erhöht werden müssen.

Die Debatte vom 14. April 2022 im Stadtrat

Video: Livestream der Stadt Leipzig

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Es gibt 5 Kommentare

> Was wäre denn damit gewonnen?
Entschuldigung, mein letzter Absatz war Ironie…

Die Strategie sollte vielleicht eher sein, erst Schritt 1 und dann 2 zu machen, und nicht grün – andersherum, aber gut. Rad fahren tu ich auch – gibt für mich keinen Grund ins Zentrum mit dem Auto zu fahren. Aber es gibt tatsächlich genug Gründe mit dem Auto um den Ring zu fahren.
Und tatsächlich stand ich auch als Radfahrer letztens am Goerdelerring und kam nicht drüber. Weil vor mir eine Straßenbahn stand. Die nicht über die Kreuzung kam. Weil Autos auf der Kreuzung standen. Weil es sich vom neuen Rathaus her bis dahin staute und man als Linksabbieger die große Kreuzung natürlich nicht überblicken kann.
Also ich habe bisher als Radfahrer überhaupt nichts von dieser Idee, die Fahrbahn weg zu nehmen.

Was wäre denn damit gewonnen?
In den Fahrzeugen der LVB stapeln sich dann immer noch die Menschen und auf dem Ring stapeln sich die Autos.
Nicht falsch verstehen: ich habe auf beides keinen Bock und fahre deswegen, wenn möglich, Fahrrad (aber sicher nicht auf dem Ring).
Das Thema mit der Haltestelle am Hauptbahnhof verstehe ich, allerdings ist das auch nicht neu, sodass man schon längst hätte umplanen können. Der letzte große Umbau der Haltestelle war schließlich erst, auch wieder nicht der große Wurf. Warum z.B. nicht auf jeder Seite eine Fahrspur weg, geht ja, wie man an den neuen Fahrradspuren sieht = Platz für gleichzeitig zusätzliche 4 Straßenbahnen.
Wir werden sehen…

Naja, ein bißchen ist es auch die besondere Leipziger Infrastruktur, die Kapazitätserhöhungen bei der Straßenbahn verhindert. Wenn ich nichts übersehe, muss jede Linie über den Ring. Fast jede fährt über den Hauptbahnhof, und dort wirds halt eng. Taktverdichtungen, um Drängeln und Quetschen in der Bahn zu verbessern, kann man nach meiner Laienbeobachtung eigentlich nur auf Linien leisten, die nicht über den HBF führen oder abseits der Stoßzeiten – was wiederum Quatsch wäre.
Diese Frage, wie man die vielen bereitstehenden Bahnen denn leiten würde, müssten sich eigentlich auch die vielen Enthusiasten stellen, die am Sportforum für mehr als nur den kleinen Ausbau der Wendeschleife dort fordern. Wie und wohin fahren denn die drei, vier Bahnen, die dann dort bereitstehen für Fans und Konzertbesucher?

Ich bin dafür, erst mal den Ring weiter für die Autofahrer dysfunktional zu gestalten. Jetzt, wo der schöne, super gut angenommene Radweg von der Runden Ecke zum neuen Rathaus aufgemalt ist, und die Autos öfter mal bis zum Goerdelering (und darauf selbst) stehen, sind die Erfolge ja quasi unausweichlich. War es nicht Frau Krefft, die sagte, dass da kaum noch jemand lang fährt? Ich verwechsle die beiden stimmgewaltigen Damen mit “K” im Namen und dem Respekt vorm Rederecht anderer immer…

Die Menschen müssen sich jetzt schon zu den Stoßzeiten drängeln und quetschen. Ich kann jeden verstehen, der darauf keinen Bock hat.
Das ist auch nicht erst seit Neuestem so. Daran gearbeitet wird anscheinend nicht.
Die LVB scheint hier lernresistent zu sein.
Neue Kunden wird man so nicht gewinnen.

Wieso wird eigentlich bei der LVB nie kritisch hinterfragt? Selbst in der LiZ werden LVB-Pressemeldungen ungeprüft übernommen. Mitarbeitermangel durch Corona? Eine kurze Recherche bei Arbeitnehmer-Portalen zeigt einen Einblick in die Vorgänge, die dort scheinbar alle Bereiche durchziehen. Vermutliches Lohndumping, Vetternwirtschaft und eine privat gut vernetzte Führungsschiene. Würde mir investigativen Journalismus zu dem Thema mal wünschen, damit dort offen Klarheit zu solchen “Gerüchten” geschaffen wird.

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