Leipzig hängt beim Ausbau eines nutzbaren Radnetzes hinterher. Seit zehn Jahren geht das so, wird gezaudert, geflickt, geht es im Kleckertempo voran. Und daran haben weder der Beschluss zur nachhaltigen Mobilitätsstrategie 2018 noch die Ausrufung des Klimanotstands 2019 etwas geändert. Nun ergreift der Stadtbezirksbeirat Altwest die Initiative und beantragt gleich ein ganzes radfahrerfreundliches Straßensystem.

Der Antrag beinhaltet gleich sechs deutliche Änderungen in Straßensystem von Lindenau und als zeitlichen Umsetzungshorizont: „Die Prüfungen erfolgen bis Ende des III. Quartals 2022 und die Umsetzung erfolgt bezüglich Capastraße und Rietschelstraße umgehend nach Vorliegen der positiven Prüfergebnisse, bezüglich der Erich-Köhn- bzw. Friesenstraße bis zum Jahr 2024 (I.Quartal). Der durchgezogene Radstreifen in der Jahnallee sollte möglichst im Zusammenhang der angekündigten Verstetigung der dortigen PopUpBikelane noch 2022 erfolgen.“

Was sich konkret ändern soll, hat der SBB sehr detailliert aufgeschrieben. (Und auch in einer interaktiven Karte dargestellt.)

Die Erich-Köhn-Straße

„In verschiedenen SBB-Sitzungen wurde von Anwohnenden die Erich-Köhn-Straße thematisiert. So fragte ein Anwohner im März 2021 an, ob die Straße in die Tempo-30-Zone integriert werden könnte. Im April 2022 fragte ein anderer Bürger an, ob Radschutzstreifen auf der Erich-Köhn-Straße angeordnet werden können. Der SBB Altwest nimmt die Anliegen nun auf und fordert die Prüfung der Erich-Köhn-Straße als Fahrradstraße. Dies nimmt die Anliegen beider Bürger auf, da in einer Fahrradstraße lediglich Tempo 30 gefahren werden darf und die Fahrradstraße explizit eine Radverkehrsanlage darstellt.“

Und wo der Stadtbezirksbeirat schon einmal dabei ist, nimmt er der Leipziger Verkehrsverwaltung auch gleich ihr Lieblingsargument weg, mit dem sie seit Jahren die Einrichtung von Fahrradstraßen blockiert:

„Nach der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrs-Ordnung vom 15.11.2021 dürfen Fahrradstraßen nunmehr auch auf Straßen mit einer hohen Netzbedeutung für den Radverkehr eingerichtet werden. Dabei muss der Radverkehr laut der VwV-StVO 2021 nicht mehr vorherrschende Verkehrsart sein. Es reicht also aus, wenn durch die Einrichtung einer Fahrradstraße eine hohe Fahrradverkehrsdichte erreicht wird (VwV-StVO 2021 zu Zeichen 244.1 und 244.2, BAnz AT 15.11.2021 B1).“

Dies will der Antrag des SBB Altwest unter anderem dadurch sicherstellen, dass die Erich-Köhn-Straße nicht singulär als Fahrradstraße ausgewiesen wird, sondern die an sie angrenzenden Straßen ebenfalls sehr attraktiv für den Radverkehr gemacht werden.

Was dann in den Beschlusspunkten 2 bis 5 zu finden ist. Dies gehe auch einher mit dem Beschluss zum Hauptnetz Rad vom 8. Juli 2020, wo die Erich-Köhn-Straße explizit als Verbindung ins Waldstraßenviertel (mit noch zu bauender Querung des Elsterbeckens) genannt ist.

Wie sich das Radnetz in Lindenau entrwickeln könnte. Grafik: Stadtbezirksbeirat Leipzig Altwest
Wie sich das Radnetz in Lindenau entwickeln könnte. Grafik: Stadtbezirksbeirat Leipzig Altwest

„Bisher ist die Erich-Köhn-Straße zusammen mit der Angerstraße eine Hauptverkehrsstraße der Kategorie III. Deswegen sind diese beiden Straßen auch nicht in die Tempo 30 Zone nordwestlich des Lindenauer Marktes integriert“, stellt der Stadtbezirksbeirat Altwest fest.

„Das steht jedoch prinzipiell nicht einer Widmung als Fahrradstraße entgegen. Nach RASt 06 (Richtlinie für die Anlage von Stadtstraßen) Kapitel 6.1.1.7 sollte jedoch eine alternative Verkehrsführung für den MIV ausgewiesen werden. Dies ist hier einerseits über den Cottaweg, andererseits über die Bowmanstraße/Lützner Straße bereits gegeben.“

Die Länge der auszuweisenden Fahrradstraße sollte mindestens bis zur Rietschelstraße, besser noch zur William-Zipperer-Straße reichen, fordert der SBB, da hier Anschluss an die bestehenden Radverkehrsanlagen in der William-Zipperer-Straße entsteht. Aus Sicht des SBB Altwest sollte die Fahrradstraße allerdings bis zur Merseburger Straße geführt werden, um auch die dort anschließenden Radverkehrsanlagen zu erreichen.

Die Capastraße

Die Capastraße ist die natürliche Zuführung von der Jahnallee zur Erich-Köhn-Straße und ist bereits jetzt lediglich für den Anliegerverkehr freigegeben. Woran sich aber bekanntlich Besucher von Fußballspielen, der Tankbar und von Kleinmesseveranstaltungen nicht die Bohne halten. Dann verwandelt sich die Capastraße in einen wilden Parkplatz und in ein für Fußgänger und Radfahrer sehr gefährliches Pflaster. Auch das war schon Thema im Stadtrat.

Eine Widmung als Fahrradstraße wird zudem grundsätzlich seitens der Stadtverwaltung in Erwägung gezogen, wie diese 2020 auf eine Anfrage der SPD-Fraktion hin mitgeteilt hatte. Insofern beruft sich der SBB Altwest hier lediglich auf bereits bestehendes Verwaltungshandeln und will es mit dem Antrag beschleunigen.

Durch Ausweisung der Capastraße als Fahrradstraße werden dann natürlich zusätzlicher Radverkehr zur Erich-Köhn-Straße geleitet. Es sei denn, die chaotischen Parkverhältnisse werden weiter geduldet.

Die Rietschelstraße

Auch die Rietschelstraße in besagtem Abschnitt ist eine natürliche Zuführung des Radverkehrs zur Erich-Köhn-Straße. Damit diese Fahrradstraße funktioniert, sollten zwingend Modalfilter zur Unterbindung des Durchgangsverkehrs in der Rietschelstraße installiert werden, fordert der SBB Altwest.

Solche Modalfilter – also Poller – kann sich der Stadtbezirksbeirat Altwest auch an der Capastraße vorstellen, den motorisierter Verkehr hat hier eigentlich nichts zu suchen. Und es wäre der erste Schritt überhaupt erst einmal ein paar Straßen für den Radverkehr zu priorisieren und dem permanenten Vorrang des MIV zu entziehen.

„Damit die Capastraße und in deren Folge die Erich-Köhn-Straße als prioritäre Radroute angenommen werden, sollte der Autoverkehr verringert werden. Deswegen schlagen wir vor, Modalfilter in der Capastraße von der Jahnallee kommend nach der Werkseinfahrt zum Straßenbahnhof Angerbrücke zu installieren“, schreibt der SBB in seinem Antrag.

„Wie bereits in der Begründung zu Beschlusspunkt  3 geschrieben, sollten auch in der Rietschelstraße Modalfilter errichtet werden. Dazu schlagen wir vom SBB Altwest in der Rietschelstraße die Höhe des Briefkastens Modalfilter z. B. in der Form von Pollern vor, sodass das Friesenkrankenhaus lediglich von Norden aus kommend durch den MIV angefahren werden kann.“

Die Jahnallee

„Derzeit endet die PopUpBikelane auf der Jahnallee ca. 100 m vor dem Knoten Angerbrücke an denkbar ungünstiger Stelle, nämlich genau dann, wenn sich der Straßenraum für den motorisierten Individualverkehr (MIV) von einer Fahrspur auf drei Fahrspuren ausweitet. Das ist nicht tauglich für allein fahrende Kinder und muss nach Ansicht des SBB Altwest dringend entschärft werden. Deswegen schlagen wir in unserem Prüfauftrag vor, dass der Oberbürgermeister eine Lösung finden lässt, die den Radstreifen bis zur Haltelinie der Ampel durchziehen kann. Sofern dies nicht bereits mit der in diesem Jahr geplanten Verstetigung der PoPUpBikelane passiert, will der SBB Altwest, dass dieser Punkt erneut ausführlich geprüft wird.“

Dann ist nämlich auch die äußere rechte Spur ziemlich überflüssig. Denn, so der Stadtbezirksbeirat: „Durch die Ausweisung als Fahrradstraße mit Modalfiltern als Durchfahrtbeschränkung in der Capastraße reduzieren wir den abbiegenden Autoverkehr deutlich, sodass wir davon ausgehen, dass nicht mehr zwingend eine eigene Spur für den geradeausfahrenden (und abbiegenden) Verkehr benötigt wird. In die Prüfung sollte außerdem mit eingehen, inwieweit die Einfahrt des Autoverkehrs in die Haltestelle Straßenbahnhof Angerbrücke notwendig ist, und ob der Verkehr nicht über die Bowmanstraße – Zschochersche Straße bzw. weiter über die Lützner Straße – Odermannstraße bzw. Merseburgerstraße nach Altlindenau geführt werden kann. Dies hätte zudem den Vorteil, dass in der Erich-Köhn-Straße noch weniger Durchgangsverkehr ankommt.“

Die Friesenstraße

Durch die Anordnung von Radverkehrsanlagen in der Friesenstraße ist aus Sicht des SBB Altwest ein logischer Lückenschluss der Radinfrastruktur zwischen William-Zipper-Straße und Auwald und dient der Erhöhung der Verkehrssicherheit. Damit werde eine Trennung von Rad- und Fußverkehr erreicht, die dringend nötig sei. Die optische Einengung des Straßenraums durch die Anordnung einer Radverkehrsanlage führe zudem dazu, dass die gefahrenen Geschwindigkeiten in der Friesenstraße reduziert werden.

„Hier werden regelmäßig zu schnell fahrende (>50 km/h) Verkehrsteilnehmende beobachtet“, stellt de SBB fest. „Da bei einer beidseitigen Anordnung von Radverkehrsanlagen in dem Abschnitt Rietschelstraße – Auwald die verbleibende Fahrbahn weniger als 4,50 m aufweist, schlagen wir hierfür die Möglichkeit einen Verkehrsversuch nach § 45 Abs. 1 Satz 2 Nr. 6 StVO vor, um zu testen, wie sich derart stark eingeengte Fahrbahnen auf die Fahrgeschwindigkeit und die Akzeptanz der Verkehrsteilnehmenden auswirkt.“

Und das Ganze könnte ohne großen finanziellen Aufwand ziemlich schnell umgesetzt werden, stellt der Stadtbezirksbeirat Altwest fest: „Sobald die Prüfergebnisse vorliegen, können zumindest die Capastraße und Rietschelstraße sofort als Fahrradstraßen durch entsprechende Beschilderung ausgewiesen werden.

Verbesserungen für den Radverkehr in der Erich-Köhn- und Friesenstraße ergeben sich dann im Laufe des Jahres 2024. Der durchgezogene Radstreifen in der Jahnallee sollte bereits 2022 im Rahmen der Umwandlung der PopUpBiklane zu einer dauerhaften Radverkehrsanlage möglich sein.“

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