Spät kam sie. Aber sie kam: Am 25. Februar wurde in der Ratsversammlung endlich die Auswertung der Leipziger Verkehrsbefragung von 2023 vorgelegt. Tatsächlich lag sie sogar schon vor einem Jahr vor. Drei Jahre sind eine ziemlich lange Zeit, in der sich die Bedingungen im Stadtverkehr schon wieder deutlich ändern können. 2023 – das war im Grunde nur ein Jahr nach der Corona-Zeit und die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) gewannen erst nach und nach ihre Fahrgäste zurück. Das spielt in die Befragung deutlich hinein.

Obwohl auch das Jahr 2023 zeigte, dass die Leipziger immer häufiger umweltbewusst unterwegs sind. Aber Corona hatte auch beim Verkehrsverhalten einen deutlichen Effekt: Die Leipziger haben sich angewöhnt, kürzere Strecken doch lieber zu Fuß zu laufen. Der Anteil des Fußverkehrs hat also deutlich zugelegt, während der Anteil des motorisierten Individualverkehrs (MIV) weiter zurückging.

Oder in einer Einschätzung direkt aus dem Bericht zur Mobilitätsbefragung: „Das gesamtstädtische Mobilitätsverhalten zeigt zudem, dass der Umweltverbund zunehmend an Bedeutung gewinnt und im Jahr 2023 einen Anteil von 69 % erzielt. Innerhalb des Umweltverbunds konnte sich zuletzt insbesondere der Fußverkehr steigern, aber auch der Radverkehrsanteil wächst stetig.

Der ÖV-Anteil bleibt hingegen leicht hinter 2018 zurück, jedoch zeigt sich im Laufe des Jahres 2023 eine Trendumkehr. War dieser im ersten Halbjahr noch von den Corona-Nachwirkungen beeinflusst, so stieg der ÖV-Anteil im zweiten Halbjahr über das Niveau vor der Pandemie an. Neue Nachfrage konnte u. a. durch die Einführung des Deutschland-Tickets im Mai sowie durch die schrittweise Normalisierung des Fahr-planangebotes nach der Pandemie stimuliert werden.“

Entwicklung des Modal Split in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig
Entwicklung des Modal Split in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig

Nur dass diese deutlich gestiegene Nachfrage mit dem D-Ticket sich in den Fahrgastzahlen der LVB erst 2024 und 2025 wirklich sichtbar zeigte. Aber das wird dann erst in der nächsten Verkehrsbefragung sichtbar.

Leipzig ist keine Ausnahme

Die Veränderung im Mobilitätsverhalten wird aber auch in anderen ostdeutschen Städten sichtbar. Deutschlandweit wurden übrigens die Bewohner von 490 Städten befragt. WASs zum Teil erklärt, warum die Auswertung der Befragung drei Jahre gedauert hat. Diese deutschlandweiten Befragungen finden alle fünf Jahre statt, die nächste also 2028.

„In den ostdeutschen Großstädten setzt sich auch im Jahr 2023 der Trend der letzten 20 Jahre hin zu einer größeren Bedeutung des Umweltverbundes weiter fort“, heißt es im Bericht. „Lag der Anteil des Umweltverbundes im Jahr 2003 noch bei 56 %, stieg dieser im Jahr 2023 auf 66%. Die Zuwächse des Umweltverbundes betreffen vor allem den Radverkehr mit einer Steigerung von 5 Prozentpunkten in den letzten 20 Jahren im Mittel der ostdeutschen Großstädte, gefolgt vom Fußverkehr mit einer Steigerung von 3 Prozentpunkten sowie dem ÖV mit einer Steigerung von 2 Prozentpunkten.

War der MIV in den vergangenen Jahren das mit Abstand dominierende Verkehrsmittel, so erzielte der Fußverkehr im Jahr 2023 nahezu die gleiche Bedeutung. Die Entwicklungen zeigen, dass die Bedeutung des Umweltverbundes für das Mobilitätsverhalten in ostdeutschen Großstädten in den letzten Jahren stark zugenommen hat.

Dementsprechend steigen auch die Anforderungen an die Infrastruktur sowie die Mobilitäts- und Stadtplanung, um der Bedeutung von ÖV, Fuß- und Radverkehr im städtischen Straßenraum gerecht zu werden.“

Leipziger Verkehrsverhalten im Vergleich mit anderen ostdeutschen Großstädten. Grafik: Stadt Leipzig
Leipziger Verkehrsverhalten im Vergleich mit anderen ostdeutschen Großstädten. Grafik: Stadt Leipzig

Leipzig ist also keine Ausnahme und die Veränderungen im Verkehr, die so gern heiß diskutiert werden, geschehen nicht nur hier.

Ein ganzes Kapitel im Bericht zeigt, dass sich das Verkehrsverhalten der Leipziger auch auf einzelnen Feldern signifikant ändert – beim Einkauf, beim Weg zur Arbeit oder in der Freizeit. Überall geht der Anteil des Autos seit Jahren zurück – was freilich nicht viel am Autobesitz ändert. Der fahrbare Untersatz steht dann trotzdem vor dem Haus. Doch die Leipziger steigen zu verschiedenen Gelegenheiten dann einfach um auf Fahrrad, Straßenbahn, S-Bahn oder Schusters Rappen. Im Fachjargon nennt sich das dann Multimodalität.

Auch darüber erzählt der Bericht.

Nachwirkungen der Corona-Zeit im ÖPNV

Dass das Jahr 2023 gerade für den ÖPNV vielleicht doch nicht aussagekräftig ist, merkt der Bericht ebenfalls an: „Es zeigt sich, dass die Leipziger und Leipzigerinnen auch im Jahr 2023 die Straßenbahn um ein Vielfaches häufiger für ihre Wege nutzen als den Bus. Für das Jahr 2023 deuten sich zudem sowohl für den Bus als auch für die Straßenbahn Anteilsrückgänge gegenüber den Vorjahren an, wohingegen der SPNV Anteilszuwächse verzeichnet.

Die Anteilszuwächse im SPNV zeigen sich dabei im Quell- und Zielverkehr, d.h. bei stadtgrenzüberschreitenden Fahrten. Die jüngsten Abnahmen bei den Bus- und Straßenbahnanteilen können auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie sowie ein durch anhaltenden Fachkräftemangel reduziertes ÖV- Angebot zurückgeführt werden.“

Tatsächlich sind die LVB seit 2024 auf dem Weg zu deutlich höheren Fahrgastzahlen. Und damit mittelfristig auch zu höheren Anteilen am Gesamtverkehr.

Die Fahrzeugausstattung bezogen auf die Bevölkerung. Grafik: Stadt Leipzig
Die Fahrzeugausstattung bezogen auf die Bevölkerung. Grafik: Stadt Leipzig

Auffällig war in der Befragung freilich auch, dass die Weglänge, die die Leipziger täglich zurücklegen, zurückgegangen ist – übrigens auch und gerade bei Nutzern von Autos. Was durchaus auch ein Nach-Corona-Effekt sein könnte.

Und der Bericht wirft eben auch einen Blick auf die verschiedenen Teilgebiete der Stadt, in der sich die Verkehrsmittelnutzung oft drastisch unterscheidet. Während in den Außengebieten der Stadt nach wie vor das Automobil dominiert, laufen die Bewohner der Innenstadt deutlich häufiger zu Fuß oder benutzen das Fahrrad.

Was man übrigens nicht pauschalisieren darf. Es ist eine Momentaufnahme, denn in jedem einzelnen Teilgebiet der Stadt sind die Anteile des MIV rückläufig, auch in den Außenbezirken, wo der Anteil mit dem Auto zurückgelegter Wege seit 2015 von 65 auf 51 Prozent fiel, während auch dort der Anteil von Fuß- und Radverkehr zunahm.

Verkehrsmittelwahl nach Teilgebieten im Leipziger Stadtgebiet. Grafik: Stadt Leipzig
Verkehrsmittelwahl nach Teilgebieten im Leipziger Stadtgebiet. Grafik: Stadt Leipzig

Der am 25. Februar vorgelegte Bericht betont, dass hier das Ziel „Stadt der kurzen Wege“ zum Tragen kommt. Wenn nämlich alle wichtigen Ziele ortsnah mit Rad und zu Fuß erreichbar sind, stellen viele Menschen ihre Gewohnheiten danach tatsächlich um.

Wenn dann auch noch Radwege und ÖPNV‑Angebote ausgebaut werden, dürften auch längere Strecken Zugewinne verzeichnen.

Untermauert wird das auch durch die Aussagen der befragten Leipziger nach dem Fahrzeugbestand in ihrem Haushalt. Der Bestand an Kraftfahrzeugen ist dabei seit 2003 relativ konstant: 439 Kraftfahrzeuge kamen 2023 auf je 1.000 Einwohner. In etwa so viel wie 2015 (441). Aber deutlich ist der Anstieg beim Besitz von Fahrrädern, der sich seit 1998 quasi verdoppelt hat, von damals 487 Fahrrädern auf 1.000 Einwohner auf 986 im Jahr 2023. Man hat das Rad also im Keller oder im Hinterhof stehen und holt es einfach raus, wenn man einen kurzen Weg zu erledigen hat oder damit ins Grüne fahren will.

Die Verkehrsbefragungen zeigen also, wie sich langfristig das Verkehrsverhalten der Leipziger ändert. Diskussionsbedarf zeigte dazu am 25. Februar keine Ratsfraktion. Aber die Zahlen sind belastbares Material, wenn es mal wieder zu einer Mobilitätsdiskussion im Rat kommt. Vor allem auch, weil sie zeigen, dass die üblichen Fronten – „reine Autofahrer“ und „reine Radfahrer“ usw. – einfach nicht (mehr) stimmen und die vorhandenen Verkehrsstrukturen von den Leipzigern je nach Bedarf völlig unterschiedlich genutzt werden.

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