Auch ohne Professur: Hans-Dietrich Genscher kommt zur Podiumsdiskussion am Freitag
Ralf Julke
06.10.2009
Beim Uni-Campus im Juni: Hans-Dietrich Genscher.
Foto: Stephan Flad / Uni Leipzig
"Hans-Dietrich-Genscher-Professur zu den Friedlichen Revolutionen im internationalen Vergleich" – das klingt nach etwas, das man zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution mit richtig großem Zeremoniell hätte inszenieren können. Aber das hat nicht ganz geklappt. Die Finanzkrise hat's verhindert.
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Zugesagt, dass die geplante Leipziger Professur seinen Namen tragen darf, hat der ehemalige deutsche Außenminister schon. Mit Leipzig verbindet den 82-Jährigen mehr als nur die Erinnerung an den Herbst 1989. Hier hat er Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft studiert, vor 60 Jahren an der Uni sein Staatsexamen abgelegt. Da fragt auch ein kluger Mann wie Genscher lieber noch mal nach, ob er für die Professur dann "mit dem Klingelbeutel herumlaufen" muss.
Muss er nicht, hat ihn Rektor Franz Häuser nach eigener Aussage beruhigt. Aber der Knackpunkt ist das liebe Geld schon. Allein 100-prozentiges Einvernehmen im Beirat zu den Jubiläumsfeierlichkeiten der Uni Leipzig reicht da leider nicht, auch keine aktenkundige Zustimmung von Ex-Ministerpräsident Georg Milbradt.
"Eine Professur ist eben doch ein bisschen mehr als eine neue Stelle. Da hängt schon ein bisschen was dran, wenn da auch wissenschaftlich gearbeitet werden soll", erklärte Häuser gestern der Presse. Denn die Professur soll die 600-jährige alma mater nicht nur schmücken. Sie soll auch Ergebnisse bringen, die wissenschaftlich für Aufsehen sorgen. Nicht ohne Grund stehen die "Friedlichen Revolutionen" im Titel. Denn so einzigartig ist der Herbst 1989 in Leipzig nicht ganz.
Das hat auch Hans-Dietrich Genscher mehrfach ausgesprochen. Er hat seit seinem berühmten Auftritt von Prag im Oktober 1989 immer wieder darauf hingewiesen, dass die ostdeutschen Ereignisse nur im gesamteuropäischen Zusammenhang zu verstehen sind. Das haben mittlerweile viele Kongresse und wissenschaftliche Arbeiten untermauert. Doch was Häuser ihm da noch erzählte, ließ auch Genscher stutzen: Es geht auch um den internationalen Zusammenhang. "Darüber muss ich noch einmal nachdenken", soll Genscher gesagt haben.
Hans-Dietrich Genscher mit Rektor Franz Häuser.
Foto: Stephan Flad / Uni Leipzig
Doch auf dem Gebiet wird in Leipzig schon länger gearbeitet. Vor allem im Institut für Globale und Europäische Studien. Dessen Direktor ist Prof. Matthias Middell, und ihn frappiert schon, wie sehr aus dem Bewusstsein der Gegenwart die Tatsache verdrängt wurde, dass rund um das Jahr 1989 weltweit politische Umbrüche erfolgten, Staaten in Südamerika und Afrika gleich reihenweise und zumeist friedlich die Gesellschaftsform änderten. Die Abschaffung der Apartheid in Südafrika fällt genauso in die Zeit wie die Demokratisierung Chiles oder der begonnene Friedensprozess in Irland.
„Es gibt zwei Gemeinsamkeiten in all diesen Prozessen", sagt Middell. „Das eine ist der friedliche Verlauf, und das andere: Sie kommunizierten miteinander." Ein "Wechselspiel" nennt er das, was um 1989 weltweit geschah und zu "großen tektonischen Verschiebungen" führte. Unter anderem auch zum "Aufstieg" Chinas und der eher tragischen Rolle der "USA als letzte verbleibende Supermacht".
„So richtig gemerkt haben wir das alle im Grunde erst jetzt, in der Finanzkrise", sagt Middell. Die schlichte Erkenntnis: 1989 ist kein deutsch-deutsches Phänomen, sondern ein globales. Und so lässt auch Häuser seine leisen Zweifel an den doch eher sehr lokal gedachten Denkmälern anklingen, wenn er betont, man solle den Fragenkomplex, der sich da auftut, jetzt in Leipzig wissenschaftlich erforschen.
Deshalb präsentiert sich die Uni Leipzig zu den "Herbstfeierlichkeiten" eher nicht feierlich, sondern diskutant. Und hat natürlich den gewünschten Namensgeber für die geplante Professur eingeladen. Und Dr. h. c. Hans-Dietrich Genscher hat zur Podiumsdiskussion am Freitag, 9. Oktober, 14:30 Uhr im Hörsaalgebäude im neuen Uni-Campus zugesagt.
Unter anderem auch, weil ihn genau das gereizt hat: "Zur europäischen Dimension kann ich aus dem Stegreif was sagen", so das ganze Zitat, "zur internationalen muss ich erst mal nachdenken."
Man kann also gespannt sein, was er am Freitag dazu sagen wird. Renommierte Experten für die Regionen Osteuropa, Südafrika und Lateinamerika diskutieren gemeinsam mit ihm über das weltumspannende Phänomen unter dem Titel "Revolution ohne Gewalt? Rückblicke auf ein unwahrscheinliches Ereignis".
Weitere Teilnehmer sind Prof. Tom Lodge, Professor für Peace and Conflict Studies an der Universität von Limerick/Irland, Experte für Südafrikanische Politik, und Prof. Dr. Gerhard Drekonja, Professor für Außereuropäische Geschichte mit besonderer Berücksichtigung Lateinamerikas an der Universität Wien.
Die Moderation übernimmt Prof. Dr. Günther Heydemann, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Zeitgeschichte an der Universität Leipzig, und seit Montag Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung in Dresden.
Die Sache mit der Genscher-Professur wird bis dahin nicht geklärt sein. Dass es ein Wunsch der Universität war, die Professur zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution einzurichten, bestätigt Rektor Franz Häuser. Aber gerade die in Frage kommenden Stiftungen, die die Professur finanzieren können, hätten allesamt unter der Finanzkrise zu leiden.
"Wir müssen weiter dafür werben", sagt Häuser. Vom Tisch ist das Projekt nicht. Auch wenn es vielleicht nicht am Lehrstuhl für Neuere Geschichte angedockt wird, wie ursprünglich geplant. Denn mit Heydemann hat Leipzig auch da gerade einen wichtigen Mann an Dresden verloren.
Podiumsdiskussion "Revolution ohne Gewalt? Rückblicke auf ein unwahrscheinliches Ereignis", Freitag, 9. Oktober, 14.30 Uhr im Hörsaalgebäude (Hörsaal 3), Campus Augustusplatz, Universitätsstraße 3.
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