Die 1,98 Millionen Jahre alte Hand einer Frau: Das Fräulein aus Malapa war wohl geschickter als Homo habilis
Redaktion
08.09.2011
Der Fund der Handknochen in Malapa, Südafrika.
Foto: MPI für evolutionäre Anthropologie / Peter Schmid
Es gibt mehrere Faktoren, über die Wissenschaftler sich einig sind, dass sie eine wesentliche Rolle bei der Menschwerdung des Affen spielten. Einer dieser Faktoren ist die geschickte Hand, die dem frühen Menschen ermöglichte, Werkzeuge herzustellen. Nun ist es Wissenschaftlern gelungen, die fossilen Handknochen eines Australopithecus sediba zu rekonstruieren. Ein Meisterstück.
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Denn Handknochen, die man einem einzigen Individuum zu- und auch taxonomisch eindeutig einordnen kann, findet man im Fossilbericht der Homininen selten. Ein internationales Forscherteam um Tracy Kivell vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beschreibt nun in einer aktuellen Studie die älteste und vollständigste Hand eines Homininen nach dem Auftauchen von Steinwerkzeugen, die Hand eines 1,98 Millionen Jahre alten Australopithecus sediba aus Malapa, Südafrika.
Die Wissenschaftler stellten fest, dass Australopithecus sediba seine Hände noch zur Fortbewegung in Bäumen nutzte, gleichzeitig aber bereits über die Fähigkeit des menschlichen Präzisionsgriffes verfügte, eine Voraussetzung zur Werkzeugherstellung. Die Hand von Australopithecus sediba ist daher ein besserer Kandidat für die Hand eines frühen Werkzeugherstellers als die von Homo habilis. Aus ihr könnte sich später sogar die Hand anderer Homininen der Gattung Homo entwickelt haben.
Die Funde des Homo Habilis werden auf ein Alter von 2,1 bis 1,5 Millionen Jahre taxiert.
Die außergewöhnlichen Fähigkeiten der menschlichen Hand werden als eines der Markenzeichen des modernen Menschen betrachtet. Im Laufe der Evolution begann die menschliche Hand, nicht mehr länger der Fortbewegung zu dienen und widmete sich nun vordergründig dem Umgang mit Objekten, wie z.B. der Benutzung und schließlich der Herstellung von Werkzeugen.
Die Erforschung der funktionalen Evolution der menschlichen Hand wurde bisher dadurch behindert, dass nur eine geringe Anzahl vollständig erhaltener Handskelette existierte, die jeweils einem Individuum zugeordnet und verlässlich in den Stammbaum der Homininen eingeordnet werden konnten.
Die Handknochen, wie sie in Malapa, Südafrika, gefunden wurden.
Foto: MPI für evolutionäre Anthropologie / Peter Schmid
Tracy Kivell vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihre Kollegen von der University of the Witwatersrand in Johannesburg, Südafrika, der Duke University in Durham, USA, und der Universität Zürich, Schweiz, beschreiben nun in ihrer aktuellen Studie die älteste und vollständigste fossile Hand eines Homininen. Sie ist jünger als die ersten dokumentierten Steinwerkzeuge, die etwa 2,6 Millionen Jahren alt sind. Die fossilen Überreste stammen von einer erwachsenen Australopithecus-sediba-Frau aus Malapa in Südafrika und enthalten eine fast vollständige rechte Hand, einen rechten Arm und verschiedene Knochen der linken Hand.
„Bei fast allen anderen fossilen Handknochen von Homininen, die älter sind als die Neandertaler, handelt es sich um isolierte Knochen, die nicht anatomisch miteinander verbunden sind (also nicht zu ein und demselben Individuum gehören) und auch nicht eindeutig einer spezifischen Art zugeordnet werden können“, sagt Tracy Kivell: „Diese Australopithecus-sediba-Hand ermöglicht es uns nun erstmals, die funktionale Morphologie nicht nur einzelner Knochen, sondern der gesamten Hand eines Homininen zu untersuchen, der älter ist als ein Neandertaler.”
Die Wissenschaftler rekonstruierten die Hand, verglichen sie mit anderen menschlichen Fossilien und untersuchten sie anschließend auf besondere Merkmale, die mit dem menschlichen Präzisionsgriff und der Fähigkeit zur Herstellung von Steinwerkzeugen im Zusammenhang stehen. Sie fanden heraus, dass bei Australopithecus sediba viele dieser Merkmale vorhanden sind, darunter ein im Verhältnis zu den anderen Fingern gesehen relativ langer Daumen, der sogar länger ist als der Daumen eines modernen Menschen und der somit auch Daumen-Finger-Präzisionsgriffe erleichterte.
Alle Knochen der rechten Hand nach deren Zusammensetzung.
Foto: MPI für evolutionäre Anthropologie / Peter Schmid
Australopithecus sediba verfügt darüber hinaus über mehr Merkmale, die man mit der Herstellung von Steinwerkzeugen verbindet, als die 1,75 Millionen Jahre alte „OH 7 Hand”, anhand derer man ursprünglich die Art Homo habilis, den „geschickten Menschen“, definierte. Die von Kivell und Kollegen beschriebene Hand weist aber auch morphologische Besonderheiten auf, die nahelegen, dass sie sich stark beugen ließ, eine Voraussetzung zum Klettern in Bäumen.
„Alles in allem schlussfolgern wir, dass Australopithecus sediba seine Hände noch zur Fortbewegung in den Bäumen verwendete, gleichzeitig aber schon zu menschenähnlichen Präzisionsgriffen fähig war”, sagt Kivell und ergänzt: “Verglichen mit der Hand von Homo habilis verfügt die Australopithecus-sediba-Hand über die besseren Voraussetzungen zur Werkzeugherstellung. Sie ist ein wahrscheinlicherer Kandidat als Ausgangspunkt für die Evolution der Hand des modernen Menschen.“
Zur Information des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie: www.mpg.de
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