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Lok Leipzig: Der MDR, die Sorgfaltspflicht und ein Scheinzeuge

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    KommentarSpannende Zeiten bei Lok Leipzig, auf und neben dem Rasen. Zweiteres vor allem wegen Wolf-Rüdiger Ziegenbalg (WRZ) und seiner in den Raum gestellten Zustände im Club und dessen Kassenlage. In einem am Samstag, den 3. November 2018 bei „Sport im Osten“ (MDR) gesendeten Beitrag scheint klar: es geht wohl zu Ende in Probstheida, von „Schulden“ im sechsstelligen Bereich ist da die Rede, fast 790.000 Euro sollen in der Kasse fehlen. Sagt WRZ und scheint Unterlagen von vor gut 10 Monaten zu besitzen, die das angeblich belegen können. Es geht hier demnach um nichts weniger, als dass Ziegenbalg und der MDR eine verschleppte Insolvenz und damit eine Straftat der Geschäftsführung des Clubs in den Raum stellen.

    Ein Umstand, der vor allem eines bedeutet: nicht der Betroffene muss seine Aussagen beweisen, sondern der „Ankläger“. Dieser heißt offenbar der von Heiko Scholz bei Lok eingeführte Manager Wolf-Rüdiger Ziegenbalg. Es werden „Schuldensummen“ genannt, ein ordentlicher Buchhalter spricht jedoch immer von Verbindlichkeiten, denen auch Einnahmen gegenüberstehen – zumal in Budgetplanungen einer Fußballsaison. Deckungslücken in Budgetplanungen hingegen bedeuten: es müssen Gespräche mit Sponsoren geführt werden, wenn man nicht unseriöserweise auf massive Zuschaueranstiege wetten oder andere Wunder während der Spielzeit einkalkulieren möchte.

    So wie es also der MDR-Bericht insinuiert, besteht bei Lok Leipzig eine Überschuldung aka „Schuldensumpf“. Somit unterstellt auch der MDR-Beitrag indirekt eine drohende Insolvenz, welche im noch schlimmeren Fall beim Regionalligisten sogar verschleppt worden sein soll. Mithin also eine Straftat, welche vor Gericht gehört. Der Sender zeigt dies mit einer Überschrift, die keine Zweifel mehr kennt. Denn „Lok Leipzig steckt im Schuldensumpf“ ist keine Frage, sondern eine Tatsachenbehauptung des Senders MDR im Beitrag vom 3.11.2018. Da sie auch nicht als Zitat gekennzeichnet ist, macht sich „Sport im Osten“ diese Einschätzung zueigen und stellt sie selbst auf.

    Ziegenbalg hingegen berichtet über eine Situation vor rund 10 Monaten und von katastrophalen Zahlen. Gegenüber kritischeren Nachfragen zuvor gab sich Ziegenbalg jedoch bislang stets bedeckt. Wird Kritik, wie heute auf der L-IZ.de, an ihm und dem Bericht laut, versendet der 70-Jährige „einordnende“ SMS über Journalisten, ohne genauer auf die Empfänger seiner Nachrichten zu schauen.

    WRZ versendet SMS. Erst keine Antworten, dann Abwertung des Kritikers. Screen L-IZ.de
    WRZ versendet SMS. Erst keine Antworten, dann Abwertung des Kritikers. Screen L-IZ.de

    Der Ex-Trainer

    Die Rolle von Heiko Scholz im Beitrag ist eine mehr als unglückliche in mehrfacher Hinsicht. Bei Lokomotive Leipzig denkt man nach wie vor über eine neue Rolle des Ex-Trainers im Verein nach, hier nun soll er im MDR-Beitrag die Aussagen von Wolf-Rüdiger Ziegenbalg stützen.

    Während Scholz im Beitrag versucht darzustellen, dass Lok in den vergangenen Jahren wertvolle Grundlagenarbeit von Stadionrückkauf über Turnhallensanierung und neuen Kunstrasen geleistet hat, also auf einem guten Weg ist, ist der Rahmen der „Sport im Osten“ – Story ein anderer. Alles wirkt, als sei das nun nicht mehr so.

    Ein Eindruck, der seltsam ist, da vom Abspringen namhafter Sponsoren bei Lok bis dato keine Rede sein kann, die spielerische Leistung der Mannschaft zeigte sich in den letzten Wochen leicht verbessert und dem neuen Interims-Trainer Björn Joppe gelingt es zunehmend auch in Wackelspielen wenigstens einen wichtigen Punkt mitzunehmen.

    Scholz hingegen verbindet die Erfolge der vergangenen Jahre zu Recht sehr stark mit sich selbst, da er mit der Steuerberatung ETL einen wegweisenden Sponsor mitbrachte. Und scheint noch immer etwas enttäuscht, dass seine Trainerzeit nach katastrophalem Start in die erste Profisaison entgegen aller Absicherungen des Trainers vorzeitig endete. Dabei gerät ein wenig in den Hintergrund, dass neben seinen sehr guten persönlichen Leistungen in den Jahren zuvor die Mannschaftszusammenstellung für diese Spielzeit ebenso stark mit ihm selbst zu tun hatte.

    Ein nicht unerheblicher Faktor auch für Kalkulationen in einem Fußballverein: Spielt die teuer eingekaufte Profi-Truppe schlecht, gehen die Zuschauerzahlen eventuell zurück. Und auch Fernsehsender übertragen gern Spiele aus dem oberen Drittel der Tabelle, was Sponsoren glücklicher macht.

    Bekannte Umstände im Leipziger Fußball

    Sicher war die Position von Heiko Scholz im Verein neben dem Erfolg auf dem Rasen bis dahin auch durch seine hohe Bindung an den Hauptsponsor, eben jene Steuerberatungsgesellschaft ETL, praktisch ohne Alternative. Bis die Verwunderung der Fans von Lok Leipzig in dieser ersten Profi-Saison bei Verbleib in der gleichen Liga wie im letzten Jahr erst in Ratlosigkeit über die Leistungen der Mannschaft und letztlich in Verärgerung umschlug.

    Die Arbeit der Sponsorengewinnung stellt Scholz gegenüber dem MDR im Prinzip so dar, wie sie es in Leipzig immer war: schwierig bei zwei Clubs plus einem 1. Liga-Brause-Spielverein in der Stadt, die sich alle mehr oder minder erfolgreich um die wenigen ortsansässigen Unternehmen bemühen, die überhaupt zu namhaftem Sponsoring in der Lage sind. Er und alle, die sich mit dieser Frage befassen, wissen um die Macht der stadteigenen Holding „L-Gruppe“ (Stadtwerke, LVB, KWL) dabei ebenso, wie um die geringe Tragkraft vieler ortsansässiger Unternehmen und den Status der „Filialen“ von BMW über DHL bis Porsche.

    Das weitere lokale Fußball-Engagement in Leipzig findet noch immer maßgeblich über Biermarken, Handwerksbetriebe, Autohäuser und weitere kleine Mittelständler statt. Und obwohl dies für Leipziger Verhältnisse schon eine Premiumsituation gegenüber anderen Sportarten ist, freuten sich BSG Chemie und Lokomotive Leipzig, dass sie nun ihre Post beide über die LVZ-Post versenden dürfen. Da tut eine praktisch Rund-Um-Die-Uhr-Betreuung von Sponsoren sicher Not, die dann aber von den oft noch ehrenamtlich Tätigen bei Lok auch irgendwie noch zusätzlich geleistet werden muss.

    Nichts anderes sagt auch Heiko Scholz im Beitrag des Senders.

    Offenbar Lücken beim MDR-Bericht

    Überdies weist der MDR-Beitrag nach ersten L-IZ-Informationen scheinbar frappierende Lücken auf, wenn es um die Haltung von Heiko Scholz zum 1. FC Lok geht. So soll es (wie üblich) Material geben, welches nicht gesendet wurde. In diesem soll Heiko Scholz, einen Tag vor dem Lok-Spiel gegen Optik Rathenow, also Ende Oktober 2018, noch ausgeführt haben, jedes Jahr sei das Budget vom Vorstand und Aufsichtsrat genehmigt worden. Und in eben diesem habe man sich auch in dieser Saison 2018 befunden.

    Eine Aussage, die wenig von „Überschuldung“ berichtet und die der MDR bislang vielleicht nur noch nicht verwendete.

    Laut ebenfalls wohl nicht verwendetem Material, soll sich Scholz auch direkt im Punkt „Schulden“ differenzierter geäußert haben, als es der Bericht glauben machen will. So gibt es angeblich Videosequenzen, in denen er ausführt: „Ich kann sagen, wir haben fünf Jahre regelmäßig unser Geld bekommen – und die Spieler – das kann ich zu 100 Prozent sagen. Wenn es mal zwei Tage später war, war’s viel.“

    Heiko Scholz wurde gegen Ende zunehmend zum Tröster bei Lok. HIer nach dem Spiel 1. FC Lok Leipzig gegen FC Rot-Weiss Erfurt am 12. September im Bruno-Plache-Stadion. Foto: Jan Kaefer
    Heiko Scholz wurde gegen Ende zunehmend zum Tröster bei Lok. Hier nach dem Spiel 1. FC Lok Leipzig gegen FC Rot-Weiss Erfurt am 12. September im Bruno-Plache-Stadion. Foto: Jan Kaefer

    Eine Einschätzung, die auch ehemalige Mitarbeiter von Lok gegenüber der L-IZ.de teilen, was zumindest in diesem Bereich auf korrekte Abläufe hindeutet. Rings um die Fragen wegen des Lok-Sponsors AMZ, welche angeblich wegen seiner Trainerentlassung entstanden sein sollen, fällt zudem im scheinbar bislang unveröffentlichen Videomaterial, dass Scholz sein Unverständnis über die da entstandene Unruhe äußert. Ein Satz, bei dem es auf den Kontext ankäme.

    Kurz gesagt: Vom „Zeugen“ Heiko Scholz für die Aussagen von Wolf-Rüdiger Ziegenbalg und eine angeblich dramatische Finanzlage bei Lok bliebe somit praktisch nichts übrig, WRZ und seine Mutmaßungen bis hier exklusiv die seinen. Nach gerade einmal vier Monaten Einblick in Budgetplanungen vor 10 Monaten, an deren Umsetzung er schon lange nicht mehr beteiligt ist.

    Dem MDR hingegen kann man neben dem journalistischen Eigeninteresse im Sinne aller Beteiligten und Lokfans wohl nur anraten, das Rohmaterial zum Beitrag im Netz freizugeben.

    Die Wirkung

    Die FuWo: Als WRZ 1992 nach knapp zwei Jahren Dynamo Dresden verließ, gab es ähnliche Abläufe. Bild: Fußballwoche 1991, Screen L-IZ.de
    Die FuWo: Als WRZ 1992 nach knapp zwei Jahren Dynamo Dresden verließ, gab es ähnliche Abläufe. Bild: Fußballwoche 1991, Screen L-IZ.de

    Selbst wenn in der Folge der mittlerweile öffentlich ausgetragenen Probleme eines Ex-Beraters die Vereinsführung vom 1. FC Lok Leipzig alle Fragen gegenüber den Mitgliedern ausräumen kann, bleibt mal wieder ein Schatten im ostdeutschen Fußball. Der vom Versuch des schnellen Geldes – immerhin soll der gekündigte Vertrag von Ziegenbalg laut BILD bei einer Mindestlaufzeit bis Ende 2018 mit 100.000 Euro dotiert sein – der medialen Schlammschlacht und einer Art von Berichterstattung, die mehr auf Wirkung als auf Korrektheit setzt. Was sich unter anderem darin zeigt, dass der angebotenen direkten Stellungnahme von Lok zuvorgekommen und der Bericht gesendet wurde.

    Denn die Situation ist so oder so heikel, wie immer, wenn es um Zahlen und Finanzen geht. Kann der Club nicht umfänglich alles ausräumen, bleibt ein Schatten oder es kommt noch Schlimmeres auf ihn zu. Schafft er es und übertritt dabei geschlossene Verträge, könnte anderes Ungemach drohen. Schwierig ist beides allemal und ein Dilemma, welches offenbar WRZ genau so im Auge hatte.

    Das zeigt sich in der Konstruktion selbst: Eine nach dem Bericht im Netz erschienene Pressemitteilung von Lok Leipzig sagt, dass Lok sich zu einem Termin mit dem MDR treffen wollte. Dass der MDR sie vorab zur Stellungnahme aufgefordert hat, ist insofern obsolet, weil der „Ankläger“ Ziegenbalg hier offenkundig längst „all in“ spielt.

    Die Situation, die er offenbar mit Hilfe des MDR herzustellen versucht, lautet nämlich: Mit Verweis auf interne Dokumente nach einem vorzeitig aufgelösten Beratervertrag, welcher immer Verschwiegenheitsvereinbarungen enthält, den Verein dazu zu bringen, betriebswirtschaftliche Kalkulationen und geschäftliche Vereinbarungen offenzulegen.

    Im Wissen darum, dass auch diese häufig der Verschwiegenheit unterliegen und Lok zudem seinen Fans zugestanden hat, eben solche Dinge in den Mitgliederversammlungen und nicht über die Medien hinweg zu debattieren. Dass das Vorzeigen alter Budgetdebatten und Sponsoringanforderungen an die Kooperationspartner von Lok heiße Luft sein könnte, zeigt auch ein anderer Umstand: von juristischen Schritten gegen Lok oder seinerseits eingeklagten Geldern, welche er noch von Lok erhalten möchte, sagt Ziegenbalg nichts.

    Während WRZ also den Eindruck zu erwecken sucht, es müsste irgendwie vielleicht eine Zahlungsunfähigkeit im „Schuldensumpf“ vorliegen, könnte es sich auch um den Versuch handeln, eben diese in einem Umfeld herbeizuführen, wo sich praktisch die Zahlen mit jedem Spiel, den Besucherzahlen und dem öffentlichen Image verändern. Sollte WRZ keine handfesteren Beweise gegenüber Lok Leipzig aufmachen können, blieben wohl nur noch interne Planspiele und gekränkte Eitelkeiten übrig.

    Die Clubleitung von Lok Leipzig tut also aus mehreren Gründen gut daran, sich nicht auf dieses medial unterstützte Spiel einzulassen und weiterzuarbeiten. Hat sie Fehler gemacht, sollten sie gegenüber den Mitgliedern des Vereins auf den Tisch und Lösungen her. Das sind wohl die richtigen Abläufe, ganz gleich, was die Redakteure von „Sport im Osten“ glauben.

    Und mit ihrem Beitrag eben bislang nicht belegen können.

    Zum Beitrag auf MDR.de / Sport im Osten

    Zum 1. FC Lok Leipzig im Netz

    Lok Leipzig im Schuldensumpf? Der MDR im Recherche-Desaster? Ein Mann bringt alles durcheinander?

    Aus der LZ 60 vom 19. Oktober 2018: Keine Erfolgsgeschichte bei Lok Leipzig (seit 4.11.2018 für alle Leser frei)

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