Moderne in Leipzig: Das Buch über die kurze Blütezeit modernen Bauens im Leipzig der 1920er Jahre

Für alle LeserIrgendwie wird ja in diesem Jahr überall in Deutschland 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Auch Leipzig feiert mit, obwohl Leipzig eher keine Heimatstadt der Bauhaus-Architektur war. Was auch Gründe hat. Sie ähneln den Gründen für das Ende des Bauhauses sowohl in Weimar als auch in Dessau: Die renitenten Ewiggestrigen machten mobil. In Leipzig sorgten sie mit dem Sturz von Stadtbaurat Hubert Ritter auch für ein Ende der hiesigen Moderne.
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1930 war das, da sorgten sie mit einer riesigen Kampagne dafür, die Wiederwahl Ritters zum Stadtbaurat zu verhindern. Die Argumente waren so fadenscheinig und übertrieben, wie man es auch aus heutigen rechtspopulistischen Kampagnen kennt. Und sie trafen ein ganz ähnliches Gefühl: die Überforderung vieler Leipziger vom Tempo der Veränderungen. Und dabei waren sie ja – als Großstädter – schon ein hohes Tempo gewöhnt. Auch auf technischem und baulichem Gebiet. Denn die Bauepoche um 1900, in der fast die komplette Barockstadt verschwand und neue Messepaläste und Passagen das Bild der Innenstadt bestimmten, wird von manchen Fachleuten als regelrechter Verlust des alten Leipzig interpretiert.

Dabei aber versuchte das regierende Bürgertum trotzdem, an alten Vorstellungen von Architektur festzuhalten. Denn Leipzigs Bürgertum war konservativ, gerade wenn es den Kunstgeschmack betraf. Deswegen kam das Neue in Leipzig zumeist erst einmal im alten Gewand, nutzte tradierte und historisierende Formelemente, um die neue Stadt zu bauen. Weswegen fast jeder, wenn er an Leipzigs Bausubstanz denkt, den Historismus der Gründerzeit vor Augen hat. Das war so dominierend, dass die Ausstellung zur Moderne 2007 im Stadtgeschichtlichen Museum wie eine Überraschung wirkte. Konzipiert hatte sie der beste Kenner dieser Leipziger Bauepoche in der Leipziger Stadtverwaltung: Peter Leonhardt.

Er konnte nicht nur auf die reichen Archivbestände der Verwaltung selbst zurückgreifen. Er konnte auch zahlreiche Fotografien nutzen, die sich im Lauf der Zeit etwa im Stadtgeschichtlichen Museum angesammelt hatten, Aufnahmen professioneller Fotografen, die auch die Entwicklung moderner Bauformen im Leipzig der 1920er Jahre dokumentierten.

Denn entziehen konnte sich Leipzig der Entwicklung nicht wirklich, auch wenn die Widerstände gegen das moderne Bauen selbst in der Stadtverwaltung enorm waren. Dieser Widerstand konnte an den unerwartetsten Stellen aufbrechen – so wie 1930 bei der Planung für die Baumessesiedlung an der Zwickauer Straße, wo sich die „Traditionalisten“ durchsetzten und eine reine Musterschau der Bautechniken bewirkten – mit dem Ergebnis, dass heute kein Mensch diese Siedlung als auffälliges Beispiel für modernes Bauen erkennt.

Dafür stehen andere Wohnsiedlungen, die schon vorher entstanden, weil die Bauherren keine Lust hatten, sich von den Rauschebartträgern in die eigenen Planungen hineinreden zu lassen – und das vor dem Hintergrund, dass Leipzig die ganze Zeit seine Wohnungsprobleme nicht lösen konnte. Über 25.000 Familien hatten keine eigene Wohnung, der Bedarf an preisgünstigen und modernen Wohnsiedlungen war enorm. Sie entstanden zwar nicht im Bauhaus-Stil. Aber sie nahmen unverkennbar wichtige Entwicklungen des modernen Bauens auf – zu besichtigen in der Krochsiedlung in Gohlis-Nord, bei den Wohnanlagen in der Thaerstraße in Eutritzsch oder am Nibelungenring in Lößnig.

Aber auch im Industriebau und beim Bau der neuen Messehallen auf dem Gelände der Technischen Messe setzte sich das moderne Bauen durch. Und Leonhardt lud auch ein, die modernen Entwicklungen sogar da zu sehen, wo man sie gar nicht vermutet: bei Schulbauten (Leipziger Schultypus), bei neuen Gebäuden des Uni-Klinikums oder der Konsum-Zentrale in Plagwitz. Der Grund für das Nicht-Erkennen ist offensichtlich: Es wurde nicht mit blanken Beton-, Glas- und Stahlelementen gearbeitet, sondern mit traditionellen Baustoffen wie roten und gelben Klinkern sowie – selbst in scheinbar nüchternen Messehallen – mit farbig glasierten Ziegeln und Fliesen, farbigen Wandbemalungen und Buntglasfenstern.

Es sieht teilweise wie ein Leipziger Sonderweg in die Moderne aus, bei dem die Architekten ihrer Freude an der Vielfalt des Materials Ausdruck verliehen und moderne, geometrische Formensprache mit einem Sinn für farbige Gediegenheit verbanden. Vieles davon hat überdauert und wirkt, nachdem es in der jüngsten Zeit aufwendig saniert wurde, immer noch modern und ansprechend – die Bücherhalle in der Steinstraße genauso wie das unverwechselbare Grassi-Museum, die Versöhnungskirche in Gohlis-Nord oder die Wohnhäuser in der Blücherstraße in Möckern.

Der reich bebilderte Band, den Leonhardt 2007 vorlegte, brachte auch die dazugehörenden Bau- und Wettbewerbsgeschichten. Und bei einigen der damals angedachten Projekte ist man heute froh, dass sie so nie gebaut wurden – etwa der Messeturm in seiner Trutzturm-Ästhetik am Fleischerplatz oder der Ring aus riesigen Bürobauten, mit denen Hubert Ritter der Leipziger City ein neues Gesicht geben wollte. Wobei immer zu bedenken ist: Er wirkte in einer Stadt, in der nicht nur die alten Kräfte um die Deutungshoheit stritten, sondern die jüngeren Kräfte auch schon mal von einer Millionenstadt Leipzig träumten. Und dieser Traum lag ja Ritters stadtumfassenden Bebauungs-, Magistralen- und Grünanlagen-Plänen zugrunde.

Die findet man in diesem Band natürlich ebenso, den Pro Leipzig jetzt noch einmal überarbeitet hat, denn natürlich passt er in dieses Leipziger Bauhaus-Jahr. Denn wenn zum Bauhausjubiläum beispielhafte Architektur gezeigt wird, stammt sie genau aus dieser Epoche, die in der Rückschau erstaunlich kurz war, eigentlich gerade einmal zehn Jahre, kurz nach der Novemberrevolution 1918 begonnen und eigentlich schon 1930 wieder abgewürgt. Moderne Gestaltungselemente fand man danach fast nur noch im Industriebau, der in Leipzig so stilvoll war, dass viele dieser einstigen Industriebauten jüngst zu Wohnanlagen umgebaut wurden.

Die Ausstellung und das Buch rückten 2007 etwas ins Bewusstsein selbst der Architekturbegeisterten, was selbst zwölf Jahre danach seine Faszination nicht verloren hat. Im Gegenteil: Das Buch lädt regelrecht ein, dieses moderne Leipzig zu suchen und sich von der Ästhetik dieser Bauten einfangen zu lassen. Denn manchmal übersieht man sie einfach, weil sie sich nicht aufdrängen, sondern wie selbstverständlich ins Straßenbild einfügen. Anders als so manches Gebäude, das versucht „Bauhaus“ nachzuahmen und dabei über dem Aufsehenerregenden die Raumwirkung völlig vergisst.

Das Buch hat an Aussagekraft nichts verloren. Und eigentlich erzählt es auch von einem anderen Leipzig, das in den 1920er Jahren als Möglichkeit in dieser Stadt steckte. Bevor die Nationalsozialisten nicht nur für einen brachialen Rückfall in die (fiktive) Vergangenheit sorgten, sondern auch für den Verlust eines großen Teils der Stadt und ihrer historischen Bausubstanz. Auch einiger eindrucksvoller Bauten der Moderne – so wie der Königshofpassage auf dem Titel, die es heute nur noch in arg reduzierter Form gibt.

Peter Leonhardt „Moderne in Leipzig. Architektur und Städtebau 1918 bis 1933“, Pro Leipzig 2019, 28 Euro

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