Im Vorzimmer von General Kurt von Schleicher

Quintus und der Feuerreiter: Wie Quintus Schneefahl das Ende der Republik aus nächster Nähe miterlebt

Für alle LeserDie Trilogie ist komplett. Den ersten Band der Lebensgeschichte des Quintus Schneefahl veröffentlichte der in Leipzig geborene Thomas Persdorf, der heute als Autor in Mainz lebt, noch 2013 im Engelsdorfer Verlag in Leipzig. Der begleitete den jungen Journalisten, der heftig mit seiner Epilepsie zu kämpfen hat, bis in die stürmische Nachkriegszeit und in den revolutionären November 1918. Schon das für die heutige deutsche Romanlandschaft etwas Seltenes, dass ein Autor sich tatsächlich wieder in die Wirren der Geschichte stürzt.

Und dabei auch dicht dranbleibt, sichtlich bewandert in der verfügbaren historischen Literatur, sodass Thomas Persdorf seinen Helden nicht nur in realitätsnahen historischen Kulissen agieren lässt, sondern ihn auch namhaften Persönlichkeiten dieser Zeit begegnen lässt. Schon in Band 2 – „Das V der Kraniche“ – wurde deutlich, dass Persdorf dabei ganz und gar nicht ausgelatschte Wege beschreitet, jene planierten deutschen Interpretationen, die die Weimarer Republik immer wieder nur als gescheiterte Ouvertüre für das NS-Reich beschreiben, ganz so, als hätte es gar niemanden gegeben, der am Ende noch um diese Republik gerungen hätte und sie – wie es so gern zitiert wird – eine „Demokratie ohne Demokraten“ war.

Ein Zitat, das immer wieder auftaucht. Wenn man aber den Urheber des Zitats sucht, landet man beim Historiker, Theologen und liberalen Politiker Ernst Troeltsch, der schon 1919 in einem mit „Aristokratie“ betitelten Zeitschriftenaufsatz schrieb:

„Auch die Rede kann nichts bedeuten, die man so oft hören kann: wir seien nun einmal ein autoritativ gewöhntes, zur Selbstregierung nicht befähigtes oder nicht gewilltes Volk, eine Demokratie ohne Demokraten, eine Republik ohne Republikaner, und die psychologischen Voraussetzungen wahrer und erfolgreicher Demokratie fehlten uns vollständig.“ (Unter diesem Link auf Seite 273 zu finden)

In seinem Text analysierte Troeltsch die politischen Voraussetzungen des Jahres 1919. Und er kam ganz und gar nicht zu dem Ergebnis, dass die Weimarer Republik scheitern musste, auch wenn er die deutsche Herangehensweise an die Demokratie und die durch Parteienbildung bedingte Verhinderung starker Persönlichkeiten sehr kritisch sah. Der Artikel ist bis heute lesenswert, weil er auch das Dilemma der Gegenwart beschreibt.

Denn anders, als es heute im üblichen medialen Lamento behauptet wird, gibt es „die Demokratie“ als heiliges Wesen so nicht. Demokratie ist immer das Ergebnis menschlichen Tuns. Und sie lebt davon, dass sich starke Persönlichkeiten für sie einsetzen. Nicht nur in Sonntagsreden darüber salbadern, sondern sich auch dessen bewusst sind, dass es Leute gibt, die diese geteilte Macht zerstören wollen, wieder Diktaturen und Regime einrichten wollen, in denen sie ihren Größenwahn ausleben können.

Das hat sehr viel mit Persdorfs Geschichte zu tun, der freilich nicht den üblichen Kandidaten folgt, in denen man meistens versucht, die tapferen Verteidiger der Demokratie zu suchen – Friedrich Ebert zum Beispiel, der zwar auftaucht in dieser Geschichte, auch als aufopferungsvoller Verteidiger der Republik, der am Ende zu spät zu einer Blinddarmoperation kommt und daran stirbt. Auch Stresemann ging ja durch seinen frühen Tod verloren, auch er ein Lernender. Ganz im Sinne von Troeltsch.

Man merkt schon im Vergleich zu den ersten beiden Bänden, dass Thomas Persdorf in diesem hier Gas gibt. Denn dieser umfasst fast die gesamte Zeit der Weimarer Republik. Sein Held Quintus Schneefahl, in den ersten beiden Bänden als Journalist eher im linken, sozialdemokratischen Milieu zu Hause, geriet ja schon mit seiner Berichterstattung aus den Schlesienkämpfen in eine völlig andere Welt. Jetzt begegnet er uns als persönlicher Referent eines Mannes, der selten gewürdigt wird, wenn es um die prägenden Politiker der Weimarer Republik geht: Kurt von Schleicher.

Auch weil er so gar nicht passen will als General, Vertrauter Hindenburgs, Chef des Ministeramts im Reichswehrministerium, zuletzt selbst Wehrminister und gar letzter Reichskanzler, der noch am 28. Januar 1933 scheiterte, weil ihm Paul von Hindenburg die Auflösung des Parlaments verweigerte und ihm damit die letzte Möglichkeit aus der Hand nahm, eine neue Regierung zu bilden. Ein Zeitpunkt, an dem hinter den Kulissen längst die Machtübergabe an Hitler eingefädelt war.

Und da liest man dann das kleine Nachwort Persdorfs, in dem er versucht, die Rolle Hindenburgs bei der Machtübergabe an die Nazis und damit auch dessen Schuld am Ende der Weimarer Republik zu diskutieren. Aber da hat man ja die ganze Geschichte schon aus der Sicht von Quintus Schneefahl erlebt, der neben seiner Referentenrolle im Büro von Kurt von Schleicher auch noch als Autor von Zeitschriftenartikeln auftaucht, mit denen das nationalliberale Lager um von Schleicher versucht, seine Sicht auf politische Vorgänge in der bürgerlichen Presse zu platzieren.

Und Schneefahl muss sich da nicht verbiegen. Persdorf zeichnet ihn als einen typischen konservativen und nationalliberalen Vertreter seiner Zeit. Es ging damals nicht nur um die radikalen Bewegungen rechts und links. Es ging auch um all jene zutiefst national gesinnten Bürgerlichen, die sich in den Umbrüchen der 1920er Jahre erst recht orientierungslos fühlten. Ihre Parteienlandschaft war zersplittert. Oft waren die konservativen Parteien nichts anderes als die Wahlvereine für einige schwerreiche Männer wie Hugenberg.

Und gerade weil Persdorf den bis 1930 eher im Hintergrund agierenden Kurt von Schleicher wählt, wird sichtbar, wie viel davon abhängt, ob es starke Persönlichkeiten schaffen, die Politik ihrer Partei zu prägen. Oder ob Parteien sogar ihre eigene Regierung beschädigen, weil sie – wie Troelsch es so schön ausführt – auch in der Regierung nicht aufhören können, Opposition gegen die Regierung zu spielen. Was 1930 ja bekanntlich zum Sturz der Regierung Müller (SPD) führte. Womit der Schlamassel ja erst so richtig anfing. Denn dann kamen Brüning und von Papen und ihre radikalen Maßnahmen, die die 1929 ausgebrochene Krise immer weiter verschärften.

Bis fast zum Schluss kann sich Quintus Schneefahl als ein von der Zeit Begünstigter fühlen. Er hat einen sicheren Job, ist dicht dran an den politischen Ereignissen, schaut seinem Chef Kurt von Schleicher quasi über die Schulter, wie der die Strippen zieht und seine Beziehungen zum greisen Präsidenten Paul von Hindenburg nutzt, um seine Kandidaten ins Kanzleramt zu hieven und wie er noch kurz vor dem Ende versucht, die NSDAP zu spalten und mit einer „Querfront“ Hitler zu verhindern.

Am Ende schnappt man sich William Shirers „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“ und schaut nach, ob das alles tatsächlich so war. Und es war so. Noch am 28. Januar wurde Kurt von Schleicher auch noch die letzte Möglichkeit genommen: der Zugriff auf die Armee. Sein Versuch, den von Hindenburg nach Berlin zurückbeorderten General Blomberg zu arretieren, scheiterte, weil Hindenburgs Sohn Oskar den den Nazis nahestehenden General persönlich am Bahnhof abholte. Damit kam es dann auch nicht mehr zum Putsch der Armee, die – im Gegenteil – willfährig den Kurs der Nazis aufnahm. Und damit ging eine der letzten wirklichen Chancen vorbei, Hitler zu verhindern.

Kurt von Schleicher wurde 1934 im Zusammenhang mit dem Ereignis ermordet, das meist als „Röhm-Putsch“ verkauft wird. Und Quintus hat wieder Glück. Ihm gelingt es mit seiner kleinen Familie, die er sich mit geradezu väterlicher Geduld zusammenorganisiert hat, in die Schweiz auszuwandern, wo er als Geschichtsprofessor den Krieg und die Nazi-Zeit übersteht. Und vielleicht auch die Biografien der diversen Reichskanzler geschrieben haben könnte, denen er über all die Jahre nah war. Zumindest räumlich und zeitlich. Wobei er seine Abneigung gegen Franz von Papen, der die Installation der Hitlerregierung hinter den Kulissen einfädelte, nicht verbergen kann.

Quintus hat dabei mehrere durchaus rührende Liebesbeziehungen, zeigt aber ein enormes Talent dabei, immer wieder an Frauen zu geraten, die er gar nicht wirklich erobern kann. Am Ende ist ihm dann doch noch sein großes Glück beschieden, nachdem sein burschikoser Onkel Willi so manches Mal mitgefiebert und gebangt hat, ob der Junge es jemals schaffen wird, die Frauen zu durchschauen.

Gerade Willi bringt eine kräftige Portion Berliner Humor und Lebensphilosophie in die Geschichte, die davon lebt, dass Persdorf das kurze, pointierte Erzählen liebt. Er malt nicht aus, melodramatisiert nicht, liebt eher den knappen Zeitungsstil, herzhafte Dialoge, Figurenzeichnung über derbe oder auch preußisch-knurrende Sprache (wie bei Kurt von Schleicher). Er idealisiert die Zeit auch nicht, schafft zum durchaus privilegierten Leben des Helden auch von Armut gezeichnete Gegenbilder (aus denen dann die beiden Adoptivtöchter Marie und Lotte-Marie kommen).

Da lenkt der Buchtitel eher ab, der suggeriert, man habe es hier eher mit einem Buch zu tun, das die historischen Ereignisse als biblische Apokalypse zeichnet. Aber das Bild vom Feuerreiter plagt vor allem Kurt von Schleicher, der sehr wohl weiß, was mit dieser von Streit und Machtgerangel zerrissenen Republik passieren wird, wenn die Hitlertruppe an die Macht gelangt. Es ist ja nicht so, dass diese Leute nicht schon vor ihren großen Wahlerfolgen 1932 laut genug herausposaunt hätten, was sie vorhatten.

Das Bedenkliche dabei ist – das kennen wir ja auch aus der Gegenwart –, dass sich die Nazis plakativ die soziale Agenda der anderen Parteien zu eigen gemacht hatten, in die sie ihre Kriegspläne und ihren Judenhass eingewickelt hatten. Sie beherrschten alle Register der Propaganda und profitierten auch von der Gewalt, die sie mit ihren Schlägertrupps auf den Straßen verbreiteten, während sich im Reichstag die Fraktionen nicht mehr auf eine gemeinsame Regierung einigen konnten. Man verschwendete lieber unheimliche Energien, um sich als Partei zu profilieren – und selbst das kommt einem sehr heutig vor.

Denn dieser Parteienzoff und die Lust daran, starke politische Persönlichkeiten zu zerstören und kaputtzuschreiben, die haben auch heutige Kommentatoren, die den Lesern (und Zuschauern) suggerieren, das habe etwas mit unabhängiger Berichterstattung zu tun. Und Demokratie sei eine Art Dauerzirkus, in dem aus lauter Lust am Spektakel die gewählten Helden gestürzt und aus der Manege gejagt werden, ohne auch nur einmal ernsthaft auf ihre Lösungsvorschläge einzugehen.

Da hat sich irgendwie wenig geändert. Was unsere Demokratie so gefährdet wie vor 90 Jahren. Medien spielen sich als Scharfrichter auf, schreiben Karrieristen groß und fahren regelrechte Kampagnen gegen Politiker/-innen, die ihnen nicht gefallen. Völlig ohne einen Gedanken daran, was das eigentlich anrichtet mit dem Denken der Bürger über ihre Demokratie.

So gesehen ein sehr lebendiges, auch kurzweiliges Buch über eine Stück unserer Geschichte, das uns zu denken gibt. Und zu denken geben sollte. Denn während diverse Medien genüsslich die Filetierung von Parteien und Politiker/-innen zelebrieren, sind immer diverse „Feuerreiter“ am Werk, die nur zu gern wieder alle Macht an sich reißen würden und mit wahnwitzigen Ideen zum nächsten Weltenbrand aufgaloppieren würden. Oder ist das jetzt übertrieben?

Auch Quintus findet manche Szenen mit seinem Chef irritierend, mag das Bild vom Feuereiter so nicht nachvollziehen, bewundert aber dessen klaren Blick auf die politischen Ränkespiele. Ränkespiele, die für den mit Skandalgeschichten zugeschütteten Wahlbürger meist erst viel zu spät oder auch gar nicht sichtbar werden. Der hält dann so etwas wie den Sturz ins Nazi-Reich für eine Art Schicksal, die zwangsläufige Folge all dessen, was die Weimarer Republik nicht zustande gebracht hat.

Aber wer zog wirklich die Fäden? Wer traf sich in Hinterzimmern? Und wie ernsthaft stand der greise Präsident tatsächlich zur Republik? Alles Fragen, die im Buch zumindest berührt werden, indem die Lebensgeschichte des Quintus Schneefahl immer fein säuberlich neben der politischen Geschichte der Weimarer Republik herläuft, da und dort mit unterhaltsamen Varieté- und Opernszenen angereichert, in denen sich der streng erzogene Quintus so gründlich fehl am Platze fühlt.

Am Ende, wo man schon beinah hofft, man erlebt den alt gewordenen Quintus noch in den Wirren der neuen Republik in Bonn, lässt ihn Persdorf freilich jung sterben. Verlässt uns der Hochbegabte und wir müssen mit ein paar ausführlicheren Noten im Anhang vorlieb nehmen, die einige dieser Stellen in der Geschichte erläutern, die im üblichen Plappern über die Weimarer Republik nie vorkommen, weil sie nicht passen in die übliche platte Erzählung über das, was dann als Geschichte verkauft wird.

Thomas Persdorf Quintus und der Feuerreiter, Shaker Media, Düren 2019, 14,90 Euro.

 

„Das V der Kraniche“: Im zweiten Band der Trilogie verschlägt es Quintus Schneefahl nach Oberschlesien, Rapallo und in das Berlin der goldenen Jahre

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