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Die Präparatorin: Ausgestopfte Tiere, verdrängte Erinnerungen und der lange Schatten der Vergangenheit

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    Was hat dieser Mann eigentlich in Leipzig studiert? Kriminologie? Nein: Geschichte. Und dann hat er das Familienweingut in Essenheim bei Mainz übernommen und wurde zum wohl ersten erfolgreichen Winzer, der auch noch wirklich starke Kriminalromane schreibt. Und zwar nicht nur einen oder zwei. Zwölf sind es inzwischen. In den letzten drei ließ er sogar einen Winzer zum Ermittler werden. Und seine Präparatorin Felicitas Booth im neuen Buch hat eigentlich keine Neigung zum Detektivspiel.

    Aber sie kann gar nicht anders. Sie muss sich mit ihrer Familiengeschichte beschäftigen, vor der sie jahrelang geflohen ist. Selbst als ihre Mutter zum Pflegefall wurde und freiwillig ins Heim zog, hat sie sich in ihrem ehemaligen Kinderzimmer nur provisorisch eingerichtet. Die Werkstatt ihres Vaters, der schon in ihrer frühen Kindheit ermordet wurde, hat sie sowieso längst übernommen.

    Doch den Tag, als sie als Kind Zeugin dieses Mordes wurde, hat sie verdrängt. Nicht ahnend, dass Jahrzehnte später alles wieder hochkommen würde. Mitsamt den Zeugnissen aus dem Leben ihres Vaters, die sie so noch nicht kannte.

    Die sie erst nach dem Tod ihrer Mutter in die Hände bekommt, ein Tod, der selbst schon zum Zweifeln anregt: Läuft denn in diesem Pflegeheim nicht einiges falsch? Wird das jetzt zum bitterbösen Roman über die schwarzen Seiten des deutschen Pflegesystems?

    Wird es nicht. Denn je tiefer sich Felicitas in die Geschichte ihres Vaters und seine seltsame Afrika-Reise mit einigen geschäftstüchtigen Herren aus der Mainzer Nachbarschaft vertieft, umso schneller geraten Ereignisse in Gang, die sie anfangs nicht wirklich einordnen kann. Angefangen mit mysteriösen Einbruchsversuchen in die Präparatorenwerkstatt und dem Tod des Bestatters, der eben noch schweißgebadet vor der Haustür stand, weil er sich um den Ruf seines Hauses fürchtete.

    Auch wenn Felicitas die traumatischen Erlebnisse ihrer Kindheit verdrängt hat, ist sie kein ängstlicher Mensch geworden. Im Gegenteil: Ohne viel nachzudenken stürzt sie sich in Situationen, für die Filmemacher in der Regel hochdramatische Musik und minimalste Beleuchtung verwenden, mit kurzen Schnitten dazwischen, die andeuten, dass da irgend ein Unheil im Dunkeln lauert, das geradezu darauf wartet, über die Heldin herzufallen.

    In naiveren Krimis aus einem anderen Jahrhundert wäre die Heldin zur Polizei gegangen und hätte gehofft, auf einen brummigen übelgelaunten Kommissar zu stoßen, der nun mit der Hartnäckigkeit eines echten Ermittlers den ganzen Knoten auffitzt und die dubiosen Leute erwischt, die da im Dunkeln mauscheln.

    Aber auch der deutsche Krimi wird zusehends realistischer. Felicitas jedenfalls verlässt sich lieber auf ihr eigenes mulmiges Gefühl und ihre Fähigkeit, aus all den seltsamen Vorfällen, die ihr passieren, nach und nach ein klares Bild zu gewinnen von dem, was da vor über 40 Jahren passiert sein muss.

    Da spielen die Reisegefährten ihres Vaters auf der Safari in Afrika ganz sicher eine Rolle. Und natürlich auch all die Tiere, die ihr Vater auf der Safari präpariert hat. Aber nicht nur. Was aber da so wichtig war, dass nach dem Tod ihrer Mutter auf einmal seltsame Gestalten aktiv werden, das entschlüsselt sich auch für Felicitas erst nach und nach.

    Aber es passiert nicht zufällig: Andreas Wagner hat seiner Heldin ein rational arbeitendes Gehirn verpasst. Das klingt jetzt sehr trocken, erinnert auch ein bisschen an Sherlock Holmes. Aber wer mit Arthur Conan Doyle hinabtaucht in jene Frühzeit des englischen Polizeiwesens, in der der seinen Superdetektiv handeln lässt, der weiß, dass sein Ermittlerduo Holmes/Watson gerade deshalb Ermittlungserfolge hat, weil die beiden ihre Fälle rational lösen und sich auch von Stand und Geld nicht blenden lassen.

    Im Grunde waren ja die Holmes-Romane auch ein Appell an die Leser, sich auch in ihrem Alltag nicht von Mythen, Märchen und Vorurteilen blenden zu lassen, sondern ihre Ratio anzuwenden, um logische Lösungen für nur äußerlich unbegreifliche Rätsel zu finden.

    Eine Lektion, die unsere westlichen Gesellschaften bis heute nicht gelernt haben und die auch in unseren Schulen nicht vermittelt wird. Und nach der oft auch Ermittler nicht handeln, weil sie aus dem Gewirr ihrer Ängste, Vorurteile und Denkstereotype nicht herauskommen.

    So gesehen, wäre natürlich diese Felicitas Booth auch eine erstklassige Ermittlerin. Nur wäre sie wohl bei der Polizei schrecklich falsch aufgehoben. Sie würde dort wohl noch viel schneller verzweifeln als so viele andere Kriminalkommissare, die die heutigen Krimis bevölkern.

    Andererseits hat sie es auch mit Leuten zu tun, die schnell und skrupellos agieren, angefeuert von blanker Gier. Gier arbeitet nun einmal in der Regel schnörkellos und zielstrebig, trampelt alles nieder, was zwischen der Hoffnung auf schnellen Reichtum und dem Glanz der Beute liegt. Da zählen Menschenleben nicht viel. Und der Leser fragt sich natürlich: Ist das realistisch?

    Wahrscheinlich schon. Nur dass für gewöhnlich gewöhnliche Leute anfangen, einen Riesenbogen zu machen, wenn sie es mit diesen Gierigen und Rücksichtslosen zu tun bekommen. Nur diese Felicitas eben nicht, die auch auf eigene Faust loszieht, um ihre Vermutungen zu überprüfen, und damit erst recht den Pitbull aufscheucht. Sodass die Geschichte dann regelrecht im Schnee in der rumänischen Wildnis kulminiert.

    Und da Andreas Wagner nicht herumschwafelt, sondern die Leser sehr anschaulich immer wieder mitnimmt auch in die (Alb-)Träume seiner Heldin, dürfte so manch ein Krimiliebhaber an der Stelle erschrocken auf den Wecker auf dem Nachttisch schauen und vor der Wahl stehen, den Rest der Nacht zu opfern oder vor lauter Spannung, weil er den Ausgang noch nicht kennt, trotzdem nicht in den Schlaf zu finden.

    Andreas Wagner Die Präparatorin, Emons Verlag, Köln 2020, 16,50 Euro.

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