Burgen und Sagen im Harz: Höchste Zeit, die alten Gemäuer zu entmystifizieren

Für alle LeserEs ist diesmal kein Sagenband, auch keine Einladung zu Wanderungen an mystische Orte. 2018 luden der Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e. V. und die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt ins Kloster Ilsenburg zu einer Jubiläumstagung ein. Denn 1868 wurde der Harzverein für Geschichte und Altertumskunde gegründet, dessen Initiator Graf Botho zu Stolberg-Wernigerode war. Der hatte sich das Kloster in Ilsenburg zu seinem Refugium ausgebaut und interessierte sich intensiv für Burgen und Sagen.
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Logisch, dass sich die Vortragenden zu dieser Tagung genau mit diesen Themen beschäftigten. Die – so aus der Sicht von Freunden schöner Sagen – irgendwie zusammengehören. Burgen – da denkt man an Ritter, Burgfräulein, Verliese, Schatzkammern, vergrabene Schätze und dergleichen. Nur: Das hat mit der tatsächlichen Geschichte der Burgen nichts zu tun. Was auch dieser emsig forschende Graf Botho wusste. Er hat zeit seines Lebens nicht nur selbst eifrig alte Burgen gezeichnet, sondern auch Künstler beauftragt, ihm eine ganze Liste von Burgen zu konterfeien.

Diese Sammlung von Burgenbildern liegt heute im Germanischen Museum in Nürnberg und bildet auch den Inhalt eines der Vorträge, die nun in diesem Band versammelt sind. Die Vorträge sind reich bebildert. Die Leser bekommen also eine gute Vorstellung nicht nur vom Thema, über das jeweils referiert wird, sondern auch vom Stand der Burgenforschung zu Bothos Zeiten. Samt der Art, Burgen zu sehen und zu zeichnen, die bis heute die Bebilderung alter Sagenbände prägt.

Denn der sagenhafte Blick auf Burgen ist ja nicht verschwunden. Noch heute zieht es die Touristen gerade zu den sagenhaftesten und geheimnisvollsten Burgen – exemplarisch in diesem Band am Falkenstein demonstriert – und zwar nicht nur in einem Vortrag zur Geschichte der Burg und ihrer Besitzer, sondern auch in Bezug auf die Sagen, die sich mit dem Falkenstein verbinden und die auch Eingang in die wichtigsten Sagensammlungen des 19. Jahrhunderts gefunden haben, auch in die der Grimms.

Es sind sogar gleich mehrere Vorträge, die sich mit der Entstehung und der Sammlung von Sagen beschäftigen – zwar exemplarisch mit den Harzsagen. Aber schon die Brüder Grimm stutzten ja, als sie ihre Sagensammlung zusammenstellten, denn viele Sagenmotive ähnelten sich verblüffend, kamen fast im selben Gewand in den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands vor und auch in Bezug auf die verschiedensten Burgen.

Typisch dafür ist die Sage von der Blauen Blume, die sich auch eng mit dem Falkenstein verbindet und die regelrecht zum Symbol der deutschen Romantik geworden ist, dieser Literatur gewordenen Sehnsucht nach einem als heil und idyllisch empfundenen Mittelalter. Und da wird es spannend. Denn Kathrin Pöge-Alder findet zwar uralte Sagenmotive („Sie konnten zueinander nicht kommen“ – das uralte Hero-und-Leander-Motiv) schon in der römischen Spätantike.

Aber wenn man die diversen Vorträge zu den frühen Nachweisen von Sagen und auch Harzsagen liest, stolpert man natürlich darüber, dass die frühesten Sammlungen nicht weiter zurückreichen als bis ins 17. Jahrhundert. Spätere Sammlungen (auch die der Grimms) haben keineswegs beim Volke gelauscht, ob da noch mehr unentdeckte Sagen zu finden wären.

Immer wieder wurden alte Sammlungen neu kompiliert. Und irgendwie landet man – anders als bei den Märchen – nie wirklich bei volkstümlichen Erzählern, Hirten oder sonstigem erzählfreudigen Volk, sondern bei gelehrten Autoren, die das Volkstümliche mit dem Belehrenden und Moralischen verbanden. Kaum eine Sage kommt ohne eine kräftige Portion moralischer Belehrung aus.

Kathrin Pöge-Alder schreibt denn auch die so gern als volkstümlich beschriebenen Volkssagen so: „Volks“sagen. Denn vieles an ihnen deutet darauf hin, dass ihre Erfinder von Anfang an eine sehr christliche Botschaft hineinverpackten. Deswegen kommt ja auch der Teufel so häufig vor – und wird von cleveren Christen ordentlich ausgetrickst.

Und noch etwas fällt auf: Die meisten Sagen entstanden, als die Burgen ihre alte Funktion verloren hatten, viele sogar längst Ruinen waren, so wie ein Großteil der alten Reichsburgen aus der Zeit Heinrich IV., worauf Jan Habermann in seinem Vortrag eingeht. Denn vielen Harzreisenden ist gar nicht bewusst, dass der Harz einst Königsgut war und der König ein zentrales Interesse daran hatte, dieses Königsgut zu bewachen und gegen Begehrlichkeiten der umliegenden Landesherren zu verteidigen.

Etliche der Ministerialen, die er auf den Burgen einsetzte, wurden später zu den bekannten Harzgrafen-Geschlechtern. Aus Reichsburgen wurden Herrensitze, die freilich ebenso als Wirtschaftseinheiten, Kontrollstation und nun auch Wohnsitz funktionierten. Aber all das waren Funktionen, die mit dem Bild von Burg in den Sagen nicht viel zu tun hatten.

Zu Recht wird also auch festgestellt – so wie es Joachim Schymalla zum Falkenstein tut – dass die Burgen ohne den angesammelten Sagenschatz eigentlich keine eigene Geschichte hätten, dass die Sagen den Burgen erst jenes erzählte Etwas gaben, was ihr Bild in der modernen Literatur bis heute prägt. Und natürlich auch haufenweise Touristen anlockt, die unbedingt die Schatzkammer und die Folterkammer sehen wollen, die Geheimkammern und die Zimmer, wo die Weiße Frau gesehen worden sein soll.

Manche merken nicht einmal, dass oft ziemlich modernes Mobiliar in den museal ausgestatteten Räumen steht und dass die Burgen entweder schon in der Renaissance kräftig zum Wohnschloss umgebaut wurden (mit der einstigen Ritterburg, die oft nur ein winziges Kastell war, also nicht mehr viel gemein hatte) oder im romantischen und historisierenden 19. Jahrhundert auf Mittelalter umgebaut wurden.

Natürlich ist die Baugeschichte der Burg selbst spannend, wenn sie richtig erzählt wird. Und einen gewissen Keim zu einer wirklich modernen Erzählung bietet Jan Haberman ja an, auch wenn er feststellen muss, dass gerade das Kapitel Reichsburgen bislang sehr unterbelichtet und in Dokumenten sehr dünn belegt ist. Und wenn es belegt ist, dann meist sehr parteiisch.

Auch das ein aufregendes Thema: Wie mittelalterliche Chroniken systematisch genutzt wurden, Public Relations für den jeweiligen Landesherrn zu machen – eine sehr einseitige Geschichtssicht also, die dann freilich auch wieder die offizielle Geschichtsschreibung vergangener Tage beeinflusst hat. Und natürlich die neuzeitliche Sicht auf Burgen. Denn wenn die Chroniken von Raubrittern und ihren wilden Übergriffen auf brave Händler und Bauern erzählen, muss das doch stimmen, oder?

Manchmal schreiben eben nicht die Sieger die Geschichte, sondern die, die die erfindungsreichsten Chronisten in ihren Diensten haben. Es überrascht also auch nicht, dass etliche Sagen ihren Ursprung in solchen Chroniken haben. Und weil das den Sagenerzählern oft noch nicht spannend genug war, haben sie immer wieder kräftig dazuerfunden.

Aber eines hat die Tagung eigentlich recht deutlich gemacht: Dass beide Forschungsfelder noch immer sehr rudimentär beackert sind. Bei den Sagen ist das möglicherweise so, weil sie gerade im 19. Jahrhundert erst ihre richtige Blüte erlebten und seither die Bücher mit Sagen aus dem Harz wie Pilze aus dem Boden schossen, damit natürlich beliebte Lektüre bei Menschen, die das Geheimnisvolle und Sagenhafte lieben.

Und von denen war das 19. Jahrhundert in Deutschland voll. Denn der mit industrieller Wucht hereinbrechenden Moderne begegnete das deutsche Bürgertum mit der Romantik beginnend in einem geistigen Fluchtreflex zurück in als heil und moralisch eindeutig empfundene Zeitalter. Das ganze 19. Jahrhundert ist eine einzige Verklärung des Mittelalters. Und es würde wahrscheinlich auch nicht überraschen, wenn 90 Prozent aller Sagen, von denen ihre Erzähler behaupteten, sie seien uralt, alle auf dem romantischen Humus des 19. Jahrhunderts gewachsen wären.

Genauso wie Wilhelm Hauffs große Hohenzollern-Legenden. Das Sagenschema eignet sich ja nicht nur ideal zur märchenhaften Verklärung, sondern auch zur Verortung. Was den nächsten Aspekt deutlich macht: die Art, wie sich die Autoren der Neuzeit Geschichte zurechtkonstruierten. Da lag es nahe, in den Sagen auch einen historischen Kern zu vermuten, sie also in die Nähe ernsthafter Geschichtserzählung zu rücken.

In den hier versammelten Vorträgen freilich gibt es eine Menge Beispiele, in denen selbst die bekannteren Sagen dem prüfenden Blick nicht standhalten. Man findet zwar die Bausteine aus der tatsächlichen Geschichte, die phantasievoll zusammengebaut wurden, meistens sogar so, dass man vermuten könnte, die einfachen Leute in den Hütten am Fuße des Burgbergs hätten sich die Geschichte der Adligen oben in der Burg aus ihrer halb mystischen Sicht so zusammengereimt.

Aber dazu sind die redaktionellen Bearbeitungen des Stoffes oft zu deutlich. Auch in den sogenannten Wandersagen, die nicht so heißen, weil sie von Wanderern gern erzählt wurden, sondern weil das Motiv quer durch Deutschland und oft sogar Europa gewandert ist – in einem markanten Beispiel sogar in die „Erzählungen aus tausendundeiner Nacht“.

Was eher von der Begeisterung gebildeter Autoren erzählt, besonders erfolgreiche Erzählmotive immer wieder anzuwenden und nur die Schauplätze und Handelnden auszutauschen. So bekamen auch Burgen und wüste Orte eine Geschichte verpasst, die sich dann spätestens ab dem 17. Jahrhundert auch touristisch vermarkten ließ. Denn so alt sind nicht nur die frühen Reiseführer zu sagenhaften Burgen und Orten im Harz, so alt sind auch die Hinweise darauf, dass sich einige Leute vor Ort als Gästeführer betätigten und auch die dazugehörenden Sagen erzählten.

Sagen, die heute – in immer neuen Abwandlungen – immer noch zum Marketing-Repertoire der Touristiker gehören und das touristische Angebot vor Ort kräftig überformen – man denke nur an die Inszenierungen von Hexentanzplatz und Mythenweg in Thale oder den bis heute eigentlich frivolen Umgang mit der Hexe als Werbemotiv für den Harz. Der Tagungsband wirkt wie ein Schlussstrich unter den bislang recht laxen Umgang mit dem Doppelthema Burgen und Sagen.

Denn auch die Verweise auf die Sagenveröffentlichungen im 20. Jahrhundert und den Umgang mit scheinbar volkstümlichen Moritatengesängen hinterlässt den irritierenden Eindruck, dass man es eben nicht mit einer Erzähltradition des Volkes zu tun hat, sondern mit einer literarischen Kunstform, deren Anfänge sich in den phantasievollen Sammlungen des 17. Jahrhunderts finden lassen.

Was ihnen nichts von ihrer Faszination nimmt. Keine Frage. Aber wahrscheinlich ist längst die Zeit gekommen, die Spreu vom Weizen zu trennen, die realen Burggeschichten von den drumherum gestrickten Sagen. Und der Sage einen anderen Platz in der Literaturgeschichte zuzuweisen, als das bislang üblich war – näher an den Kunstmärchen des 19. Jahrhunderts und dem Wunsch eines geschichtslosen Bürgertums, sich eine märchenhafte Vergangenheit zu erzählen, wo der Alltag längst von Ruß und Rauch und Lärm geprägt war und einer Profanierung der Lebensräume, in denen für Geister, Gespenster, saufende Ritter und geheimnisvolle Mönche kein Platz mehr war.

Landesheimatbund Sachsen-Anhalt Burgen und Sagen im Harz, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2020, 25 Euro.

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 81: Von verwirrten Männern, richtigem Kaffee und dem Schrei der Prachthirsche nach Liebe

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