Wir leben in der besten aller möglichen Welten. Den Topos hat der Philosoph Gottfried Leibniz in die Welt gesetzt. Voltaire hat sich einst darüber lustig gemacht und seinen Candide durch diese beste aller Welten reisen lassen. Aber darum geht es Christine Pfammatter eigentlich gar nicht, auch wenn einer ihrer kleinen Texte tatsächlich so betitelt ist: „Die beste aller mögliche Welten“. Es könnte ein Garten sein. Wenn man einen hat.

Die Autorin jedenfalls hat keinen. Nicht mal einen Kleingarten, wie sie einst Karel Capek und Heinz Knobloch bewerkelten. Die hier nicht umsonst Erwähnung finden. Auch mit einem abgewandelten Knobloch-Satz: „Misstraut den Genre-Bezeichnungen.“ Denn was als Genre auf dem Titel eines Buches steht, stimmt oft nicht. Seltsamerweise. Aber das passiert in letzter Zeit immer häufiger, als wollten uns die Verleger bewusst verwirren.

Und in diesem Fall ist es richtig schade, denn natürlich sind die kleinen Texte, die die in Berlin lebende Schweizerin Christine Pfammatter in diesem sechsten im Leipziger Literaturverlag veröffentlichten Buch gesammelt hat, keine Erzählungen. Es sind Feuilletons. Im besten aller möglichen Sinne. Womit wir auch bei Knobloch und Capek wären, begnadeten Feuilleton-Schreibern, so, wie Pfammmatter ebenfalls eine begnadete Feuilleton-Schreiberin ist.

Und das ist etwas Seltenes in unseren Zeiten, da die Menschen immer weniger Zeitung lesen und Zeitungen gerade die nicht so alarmistischen Teile meist längst eingespart haben. 

Die Freude am Zeitverschwenden

Manche Zeitungen schreiben zwar noch Feuilleton über diverse Seiten, aber das ist nur eine Ressortbezeichnung. Ein Feuilleton als literarische Gattung muss da gar nicht zu finden sein. Aber dafür findet man es in diesem Buch, in dem sich Christine Pfammmatter als versierte Spaziergängerin, Beobachterin und Zeitverschwenderin offenbart. Eine, die kein Blatt vor den Mund nimmt, die ihre Erlebnisse beim Busfahren genauso in kleine, aufmerksame Stücke packt, wie den Abschied von einem Lieblingsbuch, die Überraschungen des Schlafes, die Faszination der Schnee-Weihnacht oder die Gedanken, die unvermittelt aufkommen, wenn sie über den Begriff „Dritte Welt“ stolpert.

Warum hatten alle Mädchen eine „beste Freundin“ in der Klasse und nur sie nicht? Und wie radikal verändert sich der Blick aus dem Fenster, wenn man weiß, dass man morgen auszieht? Das Leben ist voller Fremdheiten, die zu Befremdungen werden, Dingen, über die man staunt oder ins Grübeln kommt. Gute Feuilletons nehmen die Gelegenheit wahr, das Stutzen und Verwundertsein am Schopf zu packen, es nicht entkommen zu lassen.

Das ist das selten Gewordene in unserer Medienwelt. Als könnte die Leute nicht mehr staunen. Als wüssten alle schon alles und die Welt wäre nur noch öde, eben weil man schon alles weiß.

Kein Gespräch ist frustrierender als eines mit Leuten, die nicht mehr staunen und sich nicht mehr wundern können. Die auch nicht über Worte stolpern, die von ganz allein ganze Geschichte beinhalten – so wie das Wort Unbehaustsein oder das Wort Übermaß, welches Pfammatter dazu bringt, über die Freuden des Nichtshabens nachzudenken.

Und damit sicher vielen aus der Seele spricht, die eigentlich wissen, dass sie nicht zu denen gehören, die von allem nie genug haben und deshalb rennen und rammeln und lärmen. Aber nicht verstehen, was die Frau da in der Küche treibt die ganze Nacht. Die tut ja gar nichts!

Was so ins Auge springt

Dieser eingebaute Vorwurf einer sozial verlotterten Gesellschaft an Leute, die es fertigbringen, nicht permanent den Macher raushängen zu lassen, den Immerbeschäftigten, den die Arbeit auffrisst. Bei Pfammatter werden daraus so simple, schöne, einfache Sätze wie: „Ich bin das Gegenteil von Gates. Nichts habe ich. Ansonsten geht es mir gut. Ich lebe. Die Zeit ist mein grosser Fuss. Doch wäre es naiv zu glauben, mir könnte deshalb nichts geschehen.“

Manche Texte lesen sich wie geharnischte Antworten auf die Auftritte fossiler alter Männer, die sich medial zu Wort gemeldet haben. So wie der Professor in „Am Pranger“, der die Kritik an seiner Kritik am Gendern gleich umgemünzt hat: „Gendersprache sei gewalttätig. Sie führe zu Gewalt.“

Worauf Pfammatter die logischste aller Repliken findet: „Es springt schon ins Auge, wie ihr Männer es immer wieder schafft, den Spiess umzudrehen.“

Da könnte man sich gemeint fühlen, weil man ja eigentlich auch in die Kategorie gehört. Aber auch als Mann ist man ja immer wieder nur verblüfft, wie eitle alte Männer mit Worten zündeln und sich zum Opfer stilisieren. Ein kleiner Schritt beiseite, und die Wirklichkeit steht da, ziemlich schäbig zuweilen, etwa wenn unbescholtene Leute ohne das Talent zur Bestechung in Berlin eine Wohnung suchen.

Oder wenn Pfammatter versucht, einen Brief an ein gerade geborenes Mädchen zu schreiben und darin feststellen muss, was für eine kaputtgemachte Welt wir ihm eigentlich hinterlassen. So nebenbei taucht hier Leibniz wieder auf. „Was ist eine bessere Welt? Vielleicht eine, in der die Würde der Menschen nicht mit Füßen getreten wird. Und sicher eine, in der die Menschen weniger instrumentalisiert werden.“

Das Recht zum Wandern

Am Ende macht sie dem Kind Mut, Haltung zu zeigen im Leben. Wir müssen uns nicht so verhalten wie die anderen: „Aber fangen wir einfach mal damit an, egal was andere tun. Du wirst sehen, die Wirkung wird nicht ausbleiben.“

Da beschenkt sich eine Frau mit schmalem Portemonnaie selbst zum Geburtstag, ein Architekt kommt zu Wort, der felsenfest daran glaubt, man müsse „gegen die Natur arbeiten“, und Felix wundert sich beim Betrachten von Fotos, die nur wenige Jahre alt sind, wie sehr er sich verändert hat. Andere verzweifeln da, weil das Alter unbarmherzig zuschlägt. Felix staunt darüber: Er ist ein neuer Mensch.

Jeder Text lädt ein zum Spazierengehen der Gedanken – gar nicht ziellos, denn Spaziergänger sind nicht ziellos. Das sieht nur für Leute so aus, die immer irgendwelche „Termine“ abhaken müssen, weil sie sich wahnsinnig fürchten vor dem Moment, in dem sie einmal nicht wissen, was sie tun sollen.

Deswegen kommen sie auch nie zur Ruhe und wissen auch nicht, wann ihr Verstand einmal Ferien machen möchte. „Vielleicht ist es bloß dein Kopf, der sich ausruht. Dein ganzer, bis zum Rand gefüllter Kopf.“

Wer sich nicht mehr wundert über das Leben, der ist eigentlich schon tot. Und dem ist auch nicht zu helfen. Der wird Ausnahmezustände, Mauern und Grenzen verinnerlichen und nicht mal fragen, was daran falsch sein könnte. „Jeder hat das Recht zu wandern. Auch über Grenzen“, schreibt Pfammatter in „Wandern“. Das ist unerhört. Menschlich und so einfach, dass man sich selber wandern sieht.

Was treibt sie da eigentlich in der Küche?

Oder am Küchentisch sitzen, wie in „Sie arbeitete in der Küche“. Ein Text, in dem Pfammatter geradezu genüsslich all die Bilder demontiert, die Männer und andere Mitmenschen im Kopf haben, wenn sie so etwas hören. Was macht sie in der Küche?

Sie arbeitet. „Im Übrigen kann ich nur in der Küche denken. Weil nur in der Küche Ruhe herrscht. Weil es nur in der Küche still ist.“

So ist die Wirklichkeit dann wirklich, wenn man aufhört, in Schablonen zu denken und herumzurennen und immerfort nützlich und nutzbringend auszusehen. Sondern sich Nichtstun gönnt. Die Freude am Stillsein und an der Einsicht in das so Simple, das uns tatsächlich fühlen lässt, dass wir leben: „Schließlich sind wir Lebewesen, die aus Mangel eine Welt bauen.“ („Inventar“)

Glücklich, wer dann einen Garten hat, in dem er sich am wilden Kraut erfreuen kann. Wer keinen hat, dem bleibt die stille Küche. Die Freude am Nichtstun und Nichtshaben. Es sind die freundlichsten und wärmsten Feuilletons, die ich seit Langem gelesen habe. 

Christine Pfammatter „Die beste aller möglichen Welten“, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2022, 19,95 Euro.

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