Es gibt Themen in der deutsch-deutschen Erinnerung, die existieren scheinbar gar nicht. Sie werden ignoriert, ausgeblendet, für nicht so wichtig erachtet. Das fällt sogar Galeristen auf – wie Tobias Wachter, der die Verkaufsgalerie Irrgang Fine Arts in Berlin betreibt. Ihm hatte der Leipziger Architekt und Grafiker Bernd Sikora seine alten Zeichenmappen zur Begutachtung anvertraut.
Darin auch die zwischen 1962 und 1989 entstandenen Zeichnungen, die von einem Thema erzählen, das mit Blick auf die DDR kaum einmal wahrgenommen wird. Da wollte Wachter schon gern Genaueres wissen: Wie war das eigentlich mit dem Schwulsein in der DDR?
Darüber kann Sikora erzählen. Denn das war ja sein Leben. Und da ihn Wachter bat, darüber ein Buch zu schreiben, hat er es getan. Nicht allumfassend. Denn erzählen kann man ja nur, was man selbst erlebt hat. Deswegen spielt Leipzig in diesem Buch die Hauptrolle. Und dabei nicht einmal die Schwulenszene selbst, die mit ihren Treffpunkten und Lieblingsbars freilich am Rande auch auftaucht.
Orte, die – wie auch Sikora bald merkte – unter aufmerksamster Überwachung standen. Weshalb er sich meistens lieber davon fernhielt. Denn die eigene sexuelle Veranlagung konnte schnell zum Mittel der Erpressung werden. Da kannte die allgegenwärtige Stasi keine Skrupel.
Stimmt: Sie taucht wieder einmal auf. Sie rückte dem jungen Architekten und freischaffenden Künstler auch direkt auf die Pelle, drohte, lockte, deutete an. Auch wenn Homosexualität – anders als im Westteil Deutschlands – in der DDR nicht strafbar war. Das wurde sie erst, wenn sich entsprechend veranlagte Männer an Minderjährigen vergriffen.
Etwas, was Sikora am Beispiel übergriffiger Trainer, aber auch gewalttätiger Väter ins Bild bringt. Väter, die das Schwulsein ihrer Söhne damit bestraften, dass sie sie vergewaltigten. Auch das gab es.
Auf sich allein gestellt in Leipzig
Aber es wird trotzdem deutlich, dass sich die Schwulenszene im Osten spürbar von der des Westens unterschied. Und damit auch Spiegelbild eines durchaus anderen, freieren Verständnisses von Sexualität war. Trotz allem. Auch wenn das Mobbing und Verleumdung nicht ausschloss, wie der Held der Geschichte, den Sikora Sebastian Berger genannt hat, am Beispiel seiner Zeit in der Grafikklasse der HGB schildert. Aber man merkt dabei schon, dass das ein schlichtweg historisches Erbe ist, das auch unsere Gegenwart noch kennt.
Denn um die andere Sexualität seiner Mitmenschen zu respektieren, braucht es ein gewisses Selbstbewusstsein. Das viele Mitmenschen einfach nicht haben. Sie verwandeln ihre Verunsicherung in Misstrauen, Verachtung und Aggression.
Sodass Sebastian sehr schnell merkt, wie man ausgegrenzt und mit Gerüchten überzogen wird, wenn diese Typen Lunte riechen. Gleichzeitig steckt er ohnehin mehrfach in einem Zwiespalt, denn da hat er gerade seine Arbeit als Architekt an den Nagel gehängt, seine Familie ist in den Westen geflohen. Er muss jetzt also allein zurechtkommen.
Und dann ist da noch die Suche nach einem richtigen Freund und Lebensgefährten. Dass er seine Leidenschaft für hübsche Männer ausgerechnet in der Straßenbahn entdeckt, lässt schon ahnen, dass das kein wirklich leichtes Unterfangen ist, auch wenn die entsprechenden Kapitel gespickt sind mit erotischen Abenteuern. Begegnungen, die alles versprechen und dann doch ins Leere laufen.
Bis Hans in sein Leben tritt, mit gepacktem Koffer, und einfach einzieht und bleiben will. Letztlich geht es da den Schwulen nicht anders als den Heterosexuellen: Bis man den Richtigen gefunden hat, läuft man durch alle Höhen und Tiefen der Gefühle. Manchmal wird eine Freundschaft fürs Leben draus, manchmal eine Riesenenttäuschung, ein wortloser Abbruch. Manchmal ein gemeinsames Lebensprojekt.
Und gleichzeitig nimmt Sikora die Leser mit in die durchaus zwiespältigen und kontroversen Jahrzehnte, in denen die DDR ein zugemauertes Land war. Ein „System, das keine Freiheit kennt“, wie es im Klappentext heißt. Was so nicht stimmt. Das Buch selbst widerlegt es.
Freiheit bekommt man nicht geschenkt
Denn auch in der DDR suchten und fanden Menschen Räume der Freiheit, schufen sie aus eigener Kraft, wie eben Sebastian, der ganz bewusst auf eine Rückkehr in eine Anstellung verzichtete und sich ein Netzwerk aus Vertrauten und Bekannten schuf, in dem er seinen künstlerischen Neigungen nachgehen konnte. Jahrelang begleitete ihn auch ein Buchprojekt, das er gemeinsam mit Hans vorantrieb – ein Buch über die zerstörerischen Folgen des Bergbaus im Süden von Leipzig. Gutachter und Zensoren verzögerten die Publikation immer wieder, bis das Buch doch noch erschien.
Freiräume boten auch die vernachlässigten Gebäude in der Stadt. Die dem Verfall preisgegebenen Häuser waren oft die Chance für junge Leute, sich ein selbstbestimmtes Leben zu organisieren. Bis dann nach der „Wende“ die alten Besitzer kamen und die Mieter herausklagten.
Auch das wird am Ende noch Thema. Denn bevor die Deutsche Einheit die Rückkehr der alten Besitzer (und neuen Käufer) ermöglichte, hatten die städtischen Planer auch das Waldstraßenviertel zum Abriss vorgesehen und zur Neubebauung mit den auf der Schnellstraße entstandenen Typenbauten. Was einer der Urprünge jenes Protests war, der 1988 und 1989 Gestalt annahm: der Kampf gegen die „sozialistischen“ Abrisspläne und um den Erhalt der einmaligen geschlossenen Gründerzeitbebauung.
Höhepunkt war ja die 1. Volksbaukonferenz im Januar 1990 in Leipzig. Der folgte zwar keine 2. Volksbaukonferenz. Die noch verantwortlichen Planer wollten sich von ihren alten Plänen nicht abbringen lassen.
Mit der Deutschen Einheit war das Thema freilich sowieso entschieden. Jetzt bestimmte das Geld und das Waldstraßenviertel wurde zu einem echten Gründerzeitjuwel – mit freilich entsprechend höheren Mieten. Da mussten auch Sebastian und Hans sich eine neue Bleibe suchen.
Uralte Vorurteile
Sikora erzählt die ganze Geschichte sehr detailliert. Denn sie ist ja eng an seine eigene Biografie angelehnt, auch wenn er die meisten Personen in dieser Erzählung umbenennt, außer die bis heute Berühmten. Es wird trotzdem mehr als eine persönliche Geschichte, denn mit jedem Zeitabschnitt werden auch die Lebens- und Überlebensbedingungen in Leipzig greifbar, bekommt man Einblicke in den Kulturbetrieb, in die oft sehr rudimentären Wohnbedingungen, aber auch in die Selbstbehauptung der Menschen, die sich auch wegen ihrer sexuellen Orientierung nicht einschüchtern ließen.
Und da Sikora auch Sebastians Reisen nach Ostberlin schildert, wird auch deutlich, dass es die eine, heterogene Schwulenszene in der DDR gar nicht gab, dass man sich als junger Schwuler aus Leipzig in der Berliner Szene regelrecht fremd und abgewiesen fühlen konnte.
Anders fremd, als es in der südlichen Provinz der Fall war. Denn je kleiner ein Kaff, umso eher wurde ein junger Schwuler ausgegrenzt, bekam alle provinziellen Vorurteile zu spüren und musste auch mit entsprechenden Übergriffen rechnen. Was auch ein Grund dafür war, dass junge Homosexuelle lieber in die Großstädte abwanderten. Was Dramen um Liebe und Vertrauen nicht ausschloss. Im Gegenteil. Von einigen wird auch in diesem Buch erzählt. Auch von einigen Schicksalen, die tragisch endeten, weil die jungen Männer in ihrer Suche nach Liebe scheiterten.
Räume der Freiheit
Aber Sikora schildert eben auch Freundschaftskreise, in denen das gegenseitige Verständnis für die zuweilen prekäre Lage der Andern lebte, wo man sich half und unterstützte. Zuspruch gab. Und damit wird eben auch ein Aspekt von Freiheit in der DDR sichtbar, der mit den immer wieder neu kolportierten Erzählungen vom Überwachungsstaat ignoriert wird: dass Freiheit nicht auf der Straße liegt, sondern geschaffen und erobert wird durch Menschen, die sich diese Freiräume bauen.
Freiheit ist kein passives Geschenk, auch wenn das einige Leute nur zu gern glauben und dann enttäuscht an der Kasse stehen. Freiheit ist der Mut, das eigene Leben – gegen alle Widerstände – selbst zu gestalten. Eine Freiheit, die viele junge Leute in der (späten) DDR für sich in Anspruch nahmen – in völlig verschiedenen Szenen, die sich oft nicht einmal überschnitten.
Aber genau aus diesen Szenen und Netzwerken wuchs der Mut von 1989, sich von der misstrauischen Staatsmacht nichts mehr gefallen zu lassen. Was ununterbrochen mitschwingt, auch wenn das in den Jahrzehnten vor 1989 so noch nicht öffentlich spürbar war. Es sei denn, man suchte sich diese Netzwerke und Freundeskreise, wo man auf Gleichgesinnte traf. Und wo man einen Teil dessen ausleben konnte, was einem persönlich wirklich wichtig war. Dass das auch für Schwule in Leipzig so möglich war, erzählt diese Geschichte.
Und so mancher Leser im Westen wird vielleicht sogar staunen, dass das so möglich war. Aber das ist vielleicht die Lektion, die irgendwann verstanden werden müsste: dass man den Staat nicht mit den Menschen verwechseln darf, die darin lebten und ihre Räume der Freiheit selbst erschaffen mussten.
Bernd Sikora „Aufgewacht“, Vergangenheitsverlag, Berlin 2025, 20 Euro.
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