Leipzig kann einen schon auf seltsame Gedanken bringen. Mindestens ein Mal im Jahr verwandelt sich die alte Buchstadt in ein seltsames Pflaster: Dann strömen zu Tausenden seltsame Menschen nach Leipzig, die nichts anderes im Kopf haben als Geschichten. Absurde, wilde, romantische, fantastische. Es ist die Feier der menschlichen Fantasie.

Und nicht einmal ein verspäteter Winter, der Leipzig zur Buchmesse in Schnee und Eis taucht, kann diese Leute davon abhalten, in die Stadt der Passagen zu pilgern. Wo es unter gläsernen Kuppeln zu den seltsamsten Begegnungen kommen kann. So wie in diesem Roman von Michal Ajvaz.

Michal Ajvaz, gebürtiger Prager, gehört zu jenen tschechischen Autoren, die in der Zeit der kommunistischen Regierung nicht veröffentlichten, sondern in der „inneren Emigration“ lebten. Aber er schrieb trotzdem weiter. Er ist so einer, der nicht anders kann. Sein neuer Roman erzählt im Grunde von lauter Menschen, die gar nicht anders können.

Die in Geschichten leben. Und sich in Geschichten verlieren. Die sich aber auch bewusst sind, dass wir alle in Geschichten unterwegs sind, die miteinander vernetzt sind. Und wo wir beim Lesen ganzer Bücherwelten in Regionen landen, in denen alle Geschichten, die Menschen sich erzählen, miteinander verbunden sind.

Aber wie erzählt man so etwas?

Der Erzähler, den Michal Ajvaz bei dieser einen verschneiten Buchmesse in die Leipziger Passagen schickt, hat natürlich eine Menge vom Autor selbst. Er sieht Geschichten, wenn sie vor seinen Augen passieren. So wie die seltsame Begegnung zweier Herren, die irgendwie selbst nach Messebesuchern aussehen, die sich mitten in einer der stilleren Leipziger Passagen treffen und – wie in einem Ritual – gleich aussehende Taschen tauschen.

Geschichten brauchen Zuhörer

Das könnte schon ein ganzes Kopfkino auslösen. Und tut es auch. Und würde in völlig andere Welten führen, würde der Erzähler nicht wenig später die beiden Herren durch die Fensterscheibe in einem Leipziger Café sitzen sehen. Und wie das so ist mit unfertigen Geschichten im Kopf: Jetzt will er wissen, was es mit den beiden Herren und ihren Taschen auf sich hat, geht hinein und stellt sich vor. Und das Überraschende: Die beiden freuen sich über seine Neugier und bitten ihn, sich zu ihnen zu setzen.

Denn sie wollen ihre Geschichten erzählen, die hinter dieser eigenartigen Begegnung in der Passage stecken. Und dazu brauchen sie einen Zuhörer, eine Art Schiedsrichter. Denn irgendwie scheinen sich beide Geschichten auf seltsame Weise zu ähneln. Jetzt stehen auch die beiden erstaunlichen Schatullen auf dem Tisch, eigentlich Zuckerdosen, in die aber locker ein Stapel A5-Blätter passt.

Das Seltsamste daran sind die beiden Figuren, die als Henkel fungieren: kämpfende Gladiatoren, die aber Taucherhelme tragen. Figuren, die irgendwie an Gestalten des italienischen Malers Giorgio de Chirico erinnern.

Natürlich auch nicht zufällig. Wer de Chiricos Bilder kennt, weiß, dass sie seltsame Geschichten erzählen. Geschichten, in die man eintauchen kann. Und sich am Ende wundert, wo man dabei herauskommt. Und um de Chirico geht es gleich in der ersten Geschichte, die Carlo erzählt. Der an einem großen, ultimativen Werk just über de Chirico arbeitete, aber nicht fertig werden wollte, weil ein einziger Hinweis des Malers auf weitere Bilder verwies, die aber nirgendwo dokumentiert waren.

Und dann flattert ihm beim Kaffeetrinken in einer Passage in Turin eine Zeitschrift vor die Füße, mit einem Foto vom Marktplatz einer kleinen italienischen Stadt, auf dem auch über einem Café ein offenes Fenster zu sehen ist, in dem wiederum – erstaunlich deutlich – ein Bild mit kämpfenden Gladiatoren mit Taucherhelmen zu sehen ist.

Wie man in eine Geschichte gerät

Logisch, dass einer wie Carlo sich da in den nächsten Zug setzt, das Café aufsucht und mit der jungen Kellnerin, die er dort trifft, auch die Geschichte des Bildes erfährt. Und die jener seltsamen Schatulle, in der lauter Blätter liegen, auf denen nur noch verwischte Tintenspuren zu sehen sind. Es ist dieselbe Schatulle, die in Leipzig nun in doppelter Version auf dem Kaffeehaustisch steht. Und wer denkt, damit wäre die Geschichte schon erzählt, der irrt.

Denn die Blätter führen in eine weitere Geschichte, die eines Venezianers Postangestellten namens Angelo, der in seinem Lehnsessel in einer eher feuchten Wohnung sitzt und aus dem Fenster den gegenüberliegenden Garten betrachtet, der sich vor seinen Augen verwandelt in ein Zimmer mit Büchern, in denen weitere Geschichten stecken. Ein ganzes Bauwerk entsteht vor seinen Augen, in dem der stille Betrachter Tag für Tag unterwegs ist. Nicht einmal staunend. Völlig ungerührt. Ein seltsamer Mensch.

Ein seltsamer Mensch?

Er sieht sich selbst so. Und trotzdem entfalten sich vor seinen Augen/in seinem Kopf lauter Geschichten und Geschichten in Geschichten, die einem geübten Leser nur zu vertraut vorkommen. Nicht weil er sie schon kennt. Denn man kennt ähnliche Geschichten, ähnliche Stimmungen, Situationen, Begegnungen.

Das seltsame Bauwerk wird für diesen einsamen Betrachter zum Bild dieser Geschichtenwelt, in der er sich verliert. Und die auch nicht an den venezianischen Garten gebunden ist.

Welten neben Welten

Und um ein ganz ähnliches Abtauchen in die Welt der Geschichten geht es auch in der Geschichte, die Max erzählt, dessen große Leidenschaft die Dichter des Südens sind. Also all jene Dichter und Autoren des Nordens, die im Süden Europas – vor allem in Italien – ihre Inspiration gefunden haben. Darüber dreht er für den ORF publikumswirksame Sendungen, in denen er die Orte dieser Dichter aussucht, die sie inspirierten für ihr Werk.

Und diesmal ist es keine Passage, in der die Geschichte beginnt, sondern ein Wiener Café mit zwei Ausgängen, in dem Max quasi direkt mit dem Auslöser seiner Geschichte zusammenstößt, der ihn auf die Spur eines eigentümlichen Chomatometers führt, den einst der junge Robert Musil konstruiert haben soll.

Womit man dann als Rezensent auch gleich erlebt, wie sich das anfühlt, wenn sich das eine Buch auf einmal mit einem verbindet, das man gerade erst rezensiert hat. In diesem Fall „Robert Musik, mein Vater und ich“ von Gottfried Böhme, in dem es natürlich auch ums Geschichtenerzählen geht. Und es ist nicht zu viel verraten, wenn dabei schon eins der nächsten Bücher anklingt, das hier besprochen werden wird. Da geht es dann um Nietzsche, der seine Anregungen ja bekanntlich auch in dem von ihm geliebten Italien fand.

Die Geschichte von Max führt die Leser nach Klagenfurt, wieder in ein Café. Auch dort ist es eine begabte junge Künstlerin, die die Gäste bedient. Und die sich sogar als Schöpferin der seltsamen Schatullen entpuppt, die in Leipzig zu der kleinen Vertauschungskomödie geführt haben. Aber auch in Klagenfurt führt die Geschichte weiter in eine Geschichte in der Geschichte. Und wieder dürfen viel gereiste Leser sich angestupst fühlen, weil auch diese Geschichte-in-der-Geschichte zahllose literarische Welten berührt.

Die Welt der lesenden Menschen

Und wer das kennt, weiß auch, dass der literarische Kosmos, in dem lesende Menschen leben, tatsächlich so ist. Irgendwie wie ein geheimnisvolles Bauwerk mit unzähligen Eingängen und Verzweigungen. Oder wie ein surrealer Film, der sich beim Lesen vor unserem inneren Auge abspult (den in dieser Geschichte ein junger Künstler gezeichnet hat, der damit seiner jüngsten tragischen Liebeserfahrung Herr zu werden versuchte).

Und dabei tauchen nicht nur gespenstische Szenen auf, seltsame Bilder und Gestalten, sondern auch kleine Verweise und Zeichen, die einen an andere Geschichten erinnern, die sich im großen Kosmos der erzählten Geschichten berühren, verflechten.

Manchmal so unverhofft, dass man staunt, wie fließend die Übergänge sind. Und im Grunde versucht Michal Ajvaz genau das bildhaft zu erzählen. Samt der nicht zufällig an James Joyce erinnernden Lust, von einer Geschichte überraschend in die nächste zu geraten und dabei trotzdem immer im Hinterkopf zu behalten, aus welcher Geschichte man da eigentlich hierhergeraten ist.

Aber wo Menschen ohne diesen Sinn für Geschichten eiligst versuchen, wieder zurückzukommen auf die platte Ebene Nr. 1, zucken Menschen, die ein Gespür für die Welt der miteinander kommunizierenden Geschichten haben, nur mit den Schultern und sind einfach neugierig, wie es da unten, da drinnen, da draußen weitergeht. Ob es noch eine Tür gibt, die sich öffnet.

Oder ob man auf einmal mit Fragmenten und Bruchstücken zu tun bekommt, die die aufmerksam Lauschenden nur noch versuchen können zu entziffern. Und zu vervollständigen.

Unterwegs in Passagen

Und das alles so dicht ineinander gepackt, dass man wohl zu Recht bezweifelt, dass Carlo und Max all das dem aufmerksamen Erzähler in drei Leipziger Tagen hätten erzählt haben können. Denn das wäre Erzählstoff mindestens für eine Woche. Oder Lesestoff für alle, die ohnehin ein Gefühl dafür haben, wie sich in der Welt der Bücher alles mit allem verbindet.

Ein Gefühl, das man auch als Passant in Leipziger Passagen bekommen kann, bei denen man – zumindest wenn man nur mal kurzzeitig Gast ist – nicht immer weiß, wo sie einen hinführen. Und damit stehen natürlich die Passagen mit ihren Glaskuppeln auch für das Bild einer durch und durch literarischen Welt, in der sich all jene wohlfühlen, für die auch das gelebte Leben voller Geschichten, Abschweife, unverhoffter Begegnungen und faszinierender Umwege ist.

Und mit den Turiner Passagen werden natürlich hochkarätige Verwandte des Leipziger Passagensystems aufgerufen. Und man ahnt, wie fasziniert Michal Ajvaz von diesen Passagen sein muss und wie er – wie sein Erzähler – tagelang darin unterwegs war, jedes Mal überrascht von den Verzweigungen und neuen Übergängen.

Und am Ende wohl auch den Leipziger Cafés, in denen man – nicht nur zu Buchmessezeiten – anfangen kann zu träumen und sich Geschichten auszudenken über all die Leute, die draußen eilig oder sinnend vorüberströmen. Zwei Herren etwa, die sich dort auf einmal begegnen und die gleichen Beutel bei sich tragen und so etwas wie einen rituellen Tanz aufführen.

Und schon ist man drin in einer Geschichte, die einen gleich weiter in die nächste Geschichte führt. So, wie das beim Lesen von Büchern immer wieder passiert. Egal, wo man gerade sitzt und liest. Und mit dieser Übersetzung von Veronika Siska schreitet man ja noch durch eine weitere Tür: in die benachbarte Welt der tschechischen Literatur, die einem auf einmal genauso vertraut vorkommt wie die deutsche.

Auch weil sie natürlich in derselben großen Literaturwelt ihren Platz hat, einer Welt, in der Geschichtensammler wie Ajvaz genauso in den Strömungen der ganzen europäischen Literatur zu Hause sind.

Jenem filigranen Bauwerk aus Carlos Geschichte, in dem sich nicht nur Erzählungen miteinander verweben, sondern ganze Literaturen. Und dafür sorgen dann liebevolle Übersetzerinnen wie Veronikas Siska. Die uns Türen öffnen, durch die wir dann staunend gehen dürfen, verblüfft darüber, wie vertraut einem die Welt ist, die eben noch durch eine andere Sprache unerreichbar schien.

Michal Ajvaz: Passagen unter Glas, Allee Verlag, München 2026, 30 Euro.

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