Warum auch mehr Gehalt nichts daran ändert, dass Schulleiterstellen im vormundschaftlichen Sachsen völlig unattraktiv sind

Was passiert eigentlich in einem Bildungssystem, in dem Verantwortung nicht wirklich honoriert wird und die Regierung das angestellte Lehrpersonal auch genau so behandelt? Die Lehrer winken lieber ab, wenn es um höhere Aufgaben geht. Denn wirklich entlastet werden sie dabei nicht. Und wirklich neue Freiräume für bessere Schule bekommen sie auch nicht. Und so funktioniert auch das jüngste Notkoffer-Programm der Bildungsministerin nicht.
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Dazu gehörte eigentlich auch eine bessere Entlohnung für jene Lehrerinnen und Lehrer, die bereit sind, die Schulleitung zu übernehmen. Doch auch mehr Geld kann die Begeisterung für diesen Verwaltungsjob nicht erhöhen, in dem die Schulleiter zwischen Baum und Borke stecken, im Grunde nur subalterne Erfüllungsgehilfen für die sächsische Bildungspolitik sind, ohne dass sie wirklich Freiräume haben, die Schule mit ihren Lehrern, Schülern und Eltern zu profilieren.

Ergebnis der jüngsten Anfrage der Grünen zum Thema: An insgesamt 72 Schulen (davon 55 Grundschulen) waren die Schulleitungsstellen in Sachsen zum Stichtag 1. April 2017 nicht besetzt. So geht es aus der Antwort von Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Petra Zais (Grüne) hervor.

„Vor allem die Grundschulen im Bereich der Regionalstelle Chemnitz der Sächsischen Bildungsagentur sind davon betroffen“, kritisiert Petra Zais, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag. „Das ist besonders misslich, sind die Schulen im Bereich der Regionalstelle Chemnitz ohnehin schon arg gebeutelt. Hier erreicht in den Grund- und Oberschulen die Anzahl der Seiteneinsteiger ohne grundständige Lehramtsausbildung sachsenweit mit den höchsten Wert.“

Auch das Seiteneinsteigerprogramm gehört ja zu den Notpflastern, mit denen Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) versucht, den zunehmenden Lehrermangel an Sachsens Schulen irgendwie in den Griff zu bekommen. Doch Seiteneinsteiger sind meistens pädagogisch noch nicht vorgebildet, müssen die nötige Qualifizierung noch in den ersten Schulmonaten nachholen und brauchen deshalb auch verstärkte Unterstützung durch die gestandenen Pädagogen.

Davon, dass das sächsische Bildungssystem sich in irgendeiner Weise wieder stabilisiert und vor allem in Selbstorganisation auch wieder von der Bevormundung durch die höhere Kultusbürokratie befreit wird, ist keine Rede. Kaum ein Arbeitsfeld der regierenden CDU zeigt so deutlich, wie weltfremd die ganzen Reden vom „schlanken Staat“ sind.

Tatsächlich verbirgt sich dahinter nicht nur ein starres Sparprogramm, das sich längst in katastrophalen Auswirkungen zeigt. Es steckt auch eine gehörige Portion obrigkeitliches Misstrauen gekoppelt mit strenger Bevormundung dahinter.

Oder – um noch deutlicher zu werden: Der Freistaat behandelt seine Angestellten wie unmündige Kinder. Damit ist er deutschlandweit nicht allein. Aber genau in dieser obrigkeitlichen Geringschätzung steckt das, was den Lehrerberuf in den vergangenen 20, 30 Jahren in der Öffentlichkeit entwertet hat.

Es ist fast zwangsläufig, dass sich nur noch wenige Lehrer bereitfinden, in diesem vormundschaftlichen Staatssystem, das so frappierend an die abgewrackte DDR in ihrer Spätphase erinnert, Verantwortung zu übernehmen, die mehr persönliches Risiko beinhaltet, statt eigene Gestaltungsspielräume.

Deswegen bleiben Schulleiterposten verwaist und könnten eigentlich mit bildungsfernen Ministerialbeamten besetzt werden, wenn es denn für diese Resteverwertung von Bildungssouveränität überhaupt noch eine Stellenbeschreibung braucht.

„Die Zahl liegt im Bereich der Regionalstelle deutlich über dem Durchschnitt der sächsischen Grundschulen“, geht Petra Zais auf die Schulleitermisere im Chemnitzer Raum ein. „Sind es im Landesdurchschnitt rund 7,4 Prozent der Schulleitungsstellen, die an den Grundschulen nicht besetzt sind, so sind es in der Regionalstelle Chemnitz mehr als 15 Prozent. Damit hat fast jede sechste Grundschule keine Schulleiterin oder keinen Schulleiter. Im Gebiet der Regionalstelle Chemnitz (Erzgebirgskreis, Mittelsachsen und die Stadt Chemnitz) gibt es insgesamt 191 öffentliche Grundschulen – an 30 Grundschulen sind die Schulleitungsstellen nicht besetzt.“

Bei diesen Zahlen müssten im Kultusministerium längst alle Alarmglocken klingeln, stellt die Abgeordnete fest.

„Schulleitungen haben eine entscheidende und verantwortungsvolle Aufgabe und tragen die Gesamtverantwortung für die Schule“, versucht sie zu umschreiben, was mit dem Posten eigentlich noch verbunden ist. „Der Schulleitung unterliegen alle erforderlichen Leitungs- und Führungsaktivitäten im administrativen, pädagogischen und organisatorischen Bereich. Können diese Aufgaben durch das Fehlen einer Schulleitung nicht wahrgenommen werden, ist dies ein unhaltbarer Zustand. Ganz abgesehen davon, dass bestimmte Aufgaben von Lehrerinnen und Lehrern dann zusätzlich übernommen werden müssen. Dies ist neben dem Lehrkräftemangel eine weitere Belastung für die sächsischen Lehrerinnen und Lehrer. Hier müssen, auch im Interesse einer kontinuierlichen Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung, alle Schulleitungsämter zügig wieder besetzt werden.“

Nicht nur sie stellt sich die Frage, warum diese Stellen – trotz etwas besserer Honorierung – derart unattraktiv sind, dass Lehrerinnen und Lehrer sich darum nicht reißen, sondern lieber kollektiv Abstand nehmen.

„Vor dem Hintergrund der unbesetzten Schulleitungsämter ist es fraglich, ob die jetzt durchgeführten Anpassungen der Schulleitungsämter an den Grundschulen ausreichen, um diese Stellen attraktiv zu gestalten. Wenn Fachberater an den Grundschulen gleichwertig oder besser als Schulleitungen vergütet werden, wird es immer weniger Lehrerinnen und Lehrer geben, die Verantwortung für eine Schule übernehmen möchten“, konstatiert sie. Obwohl die Bezahlung allein nicht der Grund für die Abstinenz sein kann. „Die Bedeutung der Schulleitung sollte sich auch in der Ausbildung widerspiegeln. Wir unterstützen die Forderung des Sächsischen Schulleitungsverbandes, ein eigenständiges Berufsbild Schulleitung, mit der Wertschätzung und Eingruppierung die dieser verantwortungsvollen Aufgabe zukommt, zu etablieren.“

Was vielleicht ein paar junge Menschen, die Verwaltungsaufgaben lieben, für diese Posten begeistern kann.

Aber das eigentliche Thema ist nicht mal angerissen: Ist Sachsens Regierung bereit, Schulleitern mehr Kompetenzen und mehr Eigenständigkeit zu gewähren, oder bleibt man beim gängelnden System der Gegenwart, in dem über die „Bildungsagenturen“ Anweisungen und Vorschriften von oben nach unten durchgestellt werden, ohne dass in den Schulen selbst dadurch eigene Spielräume entstehen?

Logisch wäre, wenn man schon am obrigkeitlichen System festhält, dass man die Schulleiter einfach von oben ernennt.

Mit Geld allein wird man das nicht regeln. Das Denken und das Verständnis vom Lehrerberuf in Sachsen muss sich ändern. Die meisten jungen Pädagogen wandern ja nicht ab, weil die Bezahlung etwas schlechter ist als in den Nachbarländern, sondern weil sie schon bei der Bewerbung wie Bittsteller behandelt werden.

Aber analysieren wollte das ja die Kultusministerin nicht. Und laviert weiter, so ahnungslos, wie sie ins Amt gekommen ist.

Antwort von Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Petra Zais (GRÜNE) „Lehrermaßnahmenpaket – Anpassung der Schulleitungsämter“ (Drs 6/9338)

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