Das Trollen in der politischen und medialen Realität

Natürlich haben wir auch über Trolle nachgedacht. Eine Menge Leute hat ja in diesem Jahr so getan, als seien Trolle eine neuzeitliche Erfindung. Und keiner hätte damit rechnen können, dass sie im Internet auftauchen, diesem komischen „Neuland“, wie unsere Bundeskanzlerin einmal sagte. Aber je länger man sich die Biester anschaut, umso vertrauter kommen sie einem vor.
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Was man auch merkt, wenn man den Wikipedia-Artikel dazu liest. Wo man die Trolle so definiert:

„Trolle agieren absichtlich, wiederholt und schädlich (intentional, repetitive and harmful).
Trolle ignorieren und verletzen die Grundsätze der Community.
Trolle richten nicht nur inhaltlichen Schaden an, sondern versuchen auch, Konflikte innerhalb der Community zu schüren.
Trolle sind innerhalb der Community isoliert und versuchen ihre virtuelle Identität zu verbergen, etwa durch die Nutzung von Sockenpuppen.“

Mal vom vierten Satz abgesehen – tun sie das nicht auch in der Realität?

Was man natürlich nicht gleich merkt, wenn man die Realität nicht so ernst nimmt und dort ein unfriedfertiges Sprechverhalten sogar toleriert oder sogar belohnt. Denn wer ein bisschen aufgepasst hat, hat ja gemerkt, dass das Trollverhalten im Internet nichts Neues ist. Es hat nur die verzogenen Bürschlein aus dem Silicon Valley überrascht. Irgendwie waren die Propheten des Internets die ganze Zeit der Meinung, man habe sich doch 1990 auf eine für alle gültige Netiquette geeinigt. Und wer im Internet unterwegs ist, respektiert das einfach und benimmt sich wie ein anständiger Mensch.

Nur scheint das eine Menge Leute nicht zu interessieren. Viele von denen sind mit dem Aufblühen der sogenannten „social media“ erst so richtig munter geworden und haben ihre Freude daran, wie schön man in diesen Foren herumtrollen kann. Und vor allem: Wie viel Aufmerksamkeit man dafür bekommt, wie viele Schreie und Empörungen. Ein herrlicher Tummelplatz für Trolle.

Früher gab es sie vor allem im Wirtshaus. Man merkte schon, wenn sie die Tür aufstießen, dass sie auf Stunk und Ärger aus waren. Und kluge Wirte haben sie nach den ersten dummen Sticheleien am Kragen gepackt und vor die Tür gesetzt. Was ja im „social media“-Reich so nicht passiert. Jahrelang hat man die Trolle trollen lassen, denn sie haben ja vor allem eines erzeugt: Aufregung, heftige Saalschlachten und jede Menge Aufmerksamkeit.

Das ist das Lebenselixier nicht nur für „smarte neue Unternehmen“, sondern auch für Trolle. Nach Wikipedia suchen sie genau das:

„Langeweile, Suche nach Aufmerksamkeit, Rache, Spaß und Unterhaltung (verbunden mit dem) Wunsch, der Community möglichst großen Schaden zuzufügen.“

Nur dass Wikipedia glaubt, dass es diese Verhaltensmuster nur im Internet gibt, verblüfft. Ist der Blick auf die Realität so verstellt? Oder kam nach dem US-Präsidentenwahlkampf nur niemand dazu, das Stichwort zu aktualisieren? Denn unübersehbar gehört das Trollen nicht nur in digitalen Welten zur Wirklichkeit, sondern auch in der politischen Realität. Was eine Menge mit der heutigen medialen Darstellung von Politik zu tun hat. Wir sind eine Aufmerksamkeitsdemokratie. Wer es schafft, in allen verfügbaren Medien für so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu sorgen, der kann seine Forderungen durchboxen. Zumindest schafft er damit ein Bild, als seien seine Forderungen berechtigt – denn alle reden ja drüber und jeder Kanal vervielfältigt die Forderungen, die sich erstaunlicherweise nicht erschöpfen.

Woran einen ein „Spiegel“-Artikel vom 29. Dezember erinnerte. Denn was ist das eigentlich, wenn der Chef einer mitregierenden Partei die amtierende Bundeskanzlerin immer wieder brüskiert, beschämt, mit Forderungen und Ultimaten konfrontiert? Und auch gleich noch damit droht, Absprachen und Termine aufzukündigen?

Es sieht wie ein fortgesetztes Trollen aus. Was natürlich auch schiefgehen kann. Nämlich wenn die Gepiesackte das Spiel nicht mitspielt und nicht zurückpoltert. Sondern friedlich bleibt und weiter freundlich auf die Suche nach Kompromissen und einer gemeinsamen Gesprächsbasis sucht. Wofür ja unsere Bundeskanzlerin bekannt ist. Aber was passiert dann?

Hat der Troll da nicht ein Problem, wenn seine Ultimaten nicht erfüllt werden? Zwei Möglichkeiten bleiben ihm: Entweder setzt er auf die komplette Erfüllung seiner Forderungen – selbst dann, wenn er anfangs nur mit dem möglichst schlimmsten Szenarium gedroht hat – dann mündet sein Drohen in eine Eskalation, bei der im Wirtshaus nichts heil bleibt.

Oder er merkt, dass er mit seinem Trotz nicht durchkommt – und kneift den Schwanz ein. Beides ziemlich peinlich.

Wir wissen nicht, ob unsere Kanzlerin wieder freundlich bleiben wird und dem Burschen sagt, dass er sich friedlich an den Tisch setzen und die Meinungen der anderen im Raum akzeptieren soll.

Aber diese Art, im politischen Wirtshaus die große Keule zu schwingen, erinnert daran, wie sehr diese Verhaltensweisen mittlerweile in der Politik um sich gegriffen haben – befeuert von einem medialen Zirkus, der solche Zerstörungen des demokratischen Disputs auch noch belohnt: mit jeder Menge Aufmerksamkeit, von dem, was Trolle sich wünschen. Aber das verändert eine Gesellschaft. Genauso, wie ein wütender Auftritt im Wirtshaus dort in wenigen Minuten die Stimmung eskalieren lässt, wenn der Wirt nicht eingreift.

Denn testosterongesteuerte Aggression sorgt nicht nur im Internet für eine schnelle Eskalation, die niemand mehr kontrollieren kann. In der Wirklichkeit tut sie es eben auch und auch schon lange. Mit in der Regel fatalen Folgen – und einer zunehmenden Destabilisierung von Gesellschaften, die jahrzehntelang sehr viel Energie in die Stabilisierung eines gemeinsamen Konsenses gesteckt haben.

Ein brandgefährliches Spiel in einer Gesellschaft, in der gerade die Störer im demokratischen Gespräch die meiste mediale Aufmerksamkeit bekommen. Genau das, was Trolle sich wünschen.

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