Leipzig an den beiden Kriegstagen 24. und 25. Mai 1918

Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug aus der Ausgabe 55Es ist Krieg auf der Welt. Weltkrieg. Der erste, den man damals natürlich noch nicht so nennt und der hinter dem zweiten fast verblasst. Es ist der erste große Krieg, der kein Ende nehmen will und er tobt nun seit fast vier Jahren. Wie viele Zeitungsseiten schon mit Todesanzeigen randvoll bedruckt worden sind seitdem am 1. August 1914 der Kampf begann? Niemand wird es je gezählt haben. Es werden aber noch über fünf Monate ins Land gehen, bis Todesannoncen kein Eisernes Kreuz mehr haben. Die, über die das „Leipziger Tageblatt“ am 24. Mai 1918 berichtet, haben vorerst Glück gehabt.
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„Gefangenenaustausch mit Italien“ titelt die Zeitung. Die Meldung: „Der Abendbericht, Berlin, 23. Mai abends (Amtlich): Von den Kriegsschauplätzen nichts Neues“. Die meisten Leipziger werden darüber enttäuscht sein, der Glaube an den Sieg ist noch da, auch wenn Mangelernährung und Kriegsmüdigkeit in immer mehr Haushalte Einzug halten. Eine Niederlage ist jedenfalls noch nicht eingepreist, nicht für die Opfer, die schon erbracht worden sind: Kriegsanleihen, Frauen in der Rüstungsindustrie und natürlich auch die Toten in der Familie.

Und obwohl es nichts Neues gibt, folgt nun ein schriftlicher Blumenstrauß an Meldungen aus der Kriegswelt im „Leipziger Tageblatt“ (LT). „In der Nacht vom 21. zum 22. Mai wurde durch Bombenabwurf das große feindliche Munitionslager 8 Kilometer von Abbeville unter ungeheuren Explosionen in die Luft gesprengt. In Les Bourges wurden zehn lange Schuppen in Brand gesteckt.“ Zehn lange Schuppen scheinen einen Bericht wert zu sein, man steht sich seit Monaten in einem sinnlosen Abnutzungskrieg in Frankreich gegenüber, jeder noch so kleine Vorteil wird gezählt.

„Amsterdam, 23. Mai (Eigener Drahtbericht): Unter dem Titel ‚Die Schlacht kommt erst‘ schreibt der frühere Minister Kuyper im ‚Standard‘: Alles wartet nun auf die Schlacht, die im Westen die Entscheidung wird bringen müssen. Die Initiative brachte auch jetzt wieder Hindenburg an sich, und der erste Anlauf übertraf weit alles, was man zu hoffen gewagt hatte. Mit einem fast beispiellosen Erfolge rückt die deutsche Armee immer weiter auf ihrem gewählten Kriegspfade, daß man zuweilen schon den Eindruck hatte, als ob man die Hauptschlacht bereits hinter sich hätte.“

Kriegspropaganda – der I. Weltkrieg ist längst erstarrt, die Frustration spürbar im LT: „Doch alle derartigen Gedanken sind nichts als Selbstbetrug. Was augenblicklich im Gange ist, besteht aus drei Teilen. Zuerst kommen die Vorbereitungen, die die Hauptschlacht ermöglichen sollen, dann folgt die Hauptschlacht selbst, die die Entscheidung bringen muß, und läuft diese Hauptschlacht in günstigtem Sinne aus, dann wird man schließlich vor der dritten Frage stehen, vor der Frage nämlich: Wie ist nun der Friede einzuleiten?

Vier Monate später wird General Ludendorff zu Kaiser Wilhelm II gehen und ihm vorschlagen, den Waffenstillstand im Westen zu suchen. Im Osten wird seit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 nicht mehr gekämpft. Der Diktatfrieden wird allerdings nicht lange Bestand haben.

Und die Gefangenen?

„Am 15. Mai ist in Bern aufgrund von Verhandlungen zwischen Vertretern der deutschen und der italienischen Regierung eine Vereinbarung über Kriegsgefangene und Zivilpersonen unterzeichnet worden. Nach den Bestimmungen dieser Vereinbarung sollen insbesondere die beiderseitigen Schwerverwundeten und schwerkranken Kriegsgefangenen sowie das Sanitätspersonal in die Heimat entlassen werden.“ Aber das ist noch nicht alles. „Darüber hinaus wird aber auch ein erheblicher Teil der in italienischen Händen befindlichen gesunden deutschen Kriegsgefangenen befreit werden. Es sollen die über 34 Jahre alten und diejenigen Kriegsgefangenen, die im Alter zwischen 40 und 45 Jahren stehen und Väter von drei oder mehr Kindern sind sowie eine Anzahl deutscher Kriegsgefangenen, die sich über 14 Monate in Gefangenschaft befinden, Kopf um Kopf ausgetauscht werden.“

Die Schweizer Regierung vermittelte zwischen beiden Parteien. Ein ähnliches Abkommen hat es zuvor mit Frankreich gegeben. Wie viele Kinder und Ehefrauen werden ob dieser Zeile erwartungsfroh gerufen haben: „Papa kommt nach Hause?“

Aber der Krieg ist nicht alles

Auf der Titelseite des Leipziger Tageblatts findet sich auch ein Offener Brief von Universitäts-Professor Dr. Biermann an Herrn Dr. Peter Reinhold über die Erweiterung der Erbausfallsteuer.

Ohne in wirtschaftstheoretische Abläufe abzugleiten ein kleiner Einblick in die Thematik: „Hochverehrter Herr Doktor! In Ihrem dankenswerten Bestreben, den fehlenden sozialen Ausgleich zu den neuen Steuervorlagen zu finden, schlagen Sie eine Erweiterung der Reichserbschaftsbesteuerung vor. Damit dürften sich grundsätzlich fast alle Finanztheoretiker einverstanden erklären. Aber die Besteuerungsform der Nachlaßsteuer, die Sie in erster Linie einführen möchten, gibt zu mannigfachen Bedenken Anlaß, denen ich in Kürze Ausdruck verleihen möchte. Sie berufen sich auf die englische estate duty ohne die wechselhafte Geschichte der englischen Erbschaftsbesteuerung näher zu schildern. Sie ist, wie Schanz (Finanzarchiv, 1901, S. 553 ff.) gezeigt hat, aus zwei verschiedenen Stempelabgaben herausgewachsen, aus einem 1684 eingeführten und dann mehrfach erhöhten Stempel auf Nachlaßverzeichnisse und aus einem seit 1780 bestehenden Stempel…“

Das und die Klärung, dass man sich sogar in Kriegszeiten über eine echte Erbschaftssteuer genauso wie heute streiten kann, sollte fürs Erste reichen. Auch, dass es damals schon ebensolche Ablenkungsversuche davon gab. Denn das Kapital wandert auch damals schon um die Welt

Und deshalb geht es pekuniär weiter, denn die „Times“ melden eine bemerkenswerte Behauptung über deutsches Vermögen im Ausland. In New York hat Mitchel Calmer, der Verwalter feindlicher Güter in Amerika, erklärt, „daß er zurzeit Eigentum feindlicher Staatsangehöriger im Werte von 400 Millionen Pfund Sterling verwalte“. Allein schon, dass ein Amerikaner feindliches, also deutsches Vermögen verwaltet, ist heutzutage unvorstellbar. Könnte man glauben.

Noch interessanter ist nämlich seine Behauptung, zu welchem Zweck Deutsche und damit auch die damals reichen Leipziger so viel Geld im Ausland haben. „200 deutsche Körperschaften hätten diese Gelder und Werte in der Absicht zusammengebracht, um dadurch die politische und wirtschaftliche Macht über die Vereinigten Staaten an sich zu reißen“, soll Calmer laut „Times“ in einer Rede in Detroit gesagt haben. „Zu diesem Zwecke hätten die Deutschen überall in den Vereinigten Staaten eine ausgedehnte Organisation von Handels- und Industrieunternehmungen ausgebaut, die sich, bereits über Puerto Rico, Virginia, Hawaii und die Philippinen ausdehnten.“

Und was ist in Leipzig selbst los in diesem Mai 1918?

Ein Leserbrief gibt Auskunft über eine Sorge in der Stadt. Vor wenigen Tagen berichtete das Tageblatt, dass die Bronzedenkmäler in der Stadt zu Rüstungszwecken eingezogen werden sollen. Der Leser, abgekürzt „Dr. G. Fr.“, hat dazu ein paar Anmerkungen. „Da über die Reihenfolge selbst nichts verlautete und auch die gewiß berechtigte Frage, ob bei dieser Angelegenheit sachverständige, künstlerische Berater zugezogen worden sind, offengeblieben ist, hat die Oeffentlichkeit einen Anspruch, zu dieser wichtigen Frage Stellung zu nehmen. In dieser Richtung seien hier einige Anregungen gegeben.“ Nämlich dahingehend, auf welche Denkmäler Dr. Fr. selbst am ehesten verzichten kann und auf welche nicht.

Im Leipziger Tageblatt 1918 zur Einschmelzung für den Krieg wegen „Schwülstigkeit“ empfohlen: Der Mendebrunnen in Leipzig. Das Kriegsende kam 1918 also gerade noch rechtzeitig. Foto: Michael Freitag

Im Leipziger Tageblatt 1918 zur Einschmelzung für den Krieg wegen „Schwülstigkeit“ empfohlen: Der Mendebrunnen in Leipzig. Das Kriegsende kam 1918 also gerade noch rechtzeitig. Foto: Michael Freitag

Vorschläge liefert er gleich mit: „Vor allen eigentlichen Denkmälern dürfte jedenfalls die Ablieferung der mächtigen Bronzesockel der Fahnenmasten auf dem Augustusplatze und damit zugleich deren endliche gänzliche Beseitigung zu empfehlen sein. Selten wohl ist eine ‚Verschönerung‘ des Stadtbildes so einmütig von allem künstlerischen Empfinden abgelehnt worden, wie diese Verunstaltung eines der schönsten neuzeitlichen Großstadtplätze, und es würde eine segensreiche Folge der Metallbeschlagnahme sein, wenn sie dazu führte, den mit Annahme jener gutgemeinten Schenkung begangenen Irrtum wieder gutzumachen.“

Es scheint sich hier offenbar um die Milchtöpfe des frühen 20. Jahrhunderts zu handeln. Aber Dr. Fr. ist noch nicht fertig mit seinem Forderungskatalog wider des schlechten Geschmacks für den Krieg. „Das gleiche Schicksal kann man wohl auch den schwülstigen Figuren am Mendebrunnen wünschen. Es ergäbe sich dabei für unsere Künstler die dankbare Aufgabe, zu Unterbau und Spitzsäule des Brunnens später eine neue figürliche Ausgestaltung zu entwerfen.“

Und einmal in Fahrt, breitet Dr. Fr. seine gesamte Liste unerwünschter Denkmäler aus. „Von den sonstigen Bronzedenkmälern können schmerzlos auf Nimmerwiedersehen das Thaer- und Hahnemann-Standbild verschwinden, Bismarck und Leibniz können ebenfalls mit an erster Stelle abgeliefert und später nach dem Kriege nach einstweilen genommenen Abgüssen in alter Form wiederhergestellt werden, wobei hinsichtlich des ersteren zu erwägen wäre, ob nicht die verschiedenen Fehler der Hauptgestalt und die pathetische Haltung des Arbeiters geändert werden könnten.“

Es ist allerdings nicht alles schlecht. „Dagegen ist eine möglichst lange Erhaltung des Luther-, Goethe- und Bachdenkmals zu befürworten, denn hier handelt es sich um Originalwerke von beträchtlichem Kunstwert, mögen sie auch aus neuerer Zeit stammen.“

Und, wer hätte es für möglich gehalten, Dr. Fr. mag auch die Naschmarktlöwen, diesen wird in „besonders warmem Wort“ versichert: „hier handelt es sich um gleichmäßig unersetzlichen Kunst- und Altertumswert.“ Wer hätte diese Wendung erwartet?

Wie sich die wirtschaftliche Lage in der Stadt Leipzig seit Kriegsbeginn verändert hat, erklärt ein Blick auf die Zahlen der Ortskrankenkasse. Am 31. Juli 1914, einen Tag vor Kriegsbeginn, waren 128.615 Männer und 76.893 Frauen bei ihr versichert. Binnen vier Jahren sank der relative Anteil der Männer von 64,5 auf 46,9 Prozent und der Anteil der Frauen stieg von 35,5 auf 53,1 sodass Mitte März 1918 90.355 Frauen versichert waren, aber nur noch 79.679 Männer.

„Dieser Umschwung legt Zeugnis davon ab, in wie hohem Maße unsere Industrie jetzt mit weiblichen Arbeitskräften die an sie herangetretenen Aufgaben erfüllen muß“, heißt es in dem Artikel, der auch Einblick in die Verdienstverhältnisse der Zeit gibt. 36.470 Mitglieder (darunter 2.200 Frauen) verdienten demnach 57 Mark und mehr pro Woche. Interessant bis heute auch: Je niedriger der Verdienst wird, desto höher wird der Frauenanteil.

Die letzte aufgeführte Gruppe verdiente 21 Mark und weniger pro Woche. Unter den 42.000 Mitgliedern, die das betraf, waren 32.000 Frauen.

Dazu kommt der strukturelle Umschwung. In der Metallverarbeitung und Maschinenherstellung, den Zweigen, die für die Kriegsindustrie am wichtigsten sind, arbeiteten 1911 nur rund 36.000 Personen, darunter 4.009 Frauen, also ein Neuntel. 1917 waren es noch 33.000 Mitglieder, darunter ein Drittel Frauen. Dafür liegt die Textilindustrie, lange Jahre ein Leipziger Aushängeschild, im Krieg fast brach. 1911 arbeiteten noch 9.350 Versicherte (6.880 Frauen) in diesem Bereich, sechs Jahre später mit 3.740 Personen nicht mal mehr die Hälfte und vor allem nur noch 680 Männer.

Ebenso leidet auch die Gastronomie in Zeiten fehlender Nahrungsmittel doppelt. Einstmals waren hier 5.315 Versicherte beschäftigt, nun sind es nur noch 2.434. Handel und Verkehrsgewerbe haben dagegen einen Aufschwung erfahren, hier hat sich der Frauenanteil mehr als verdoppelt. „Mit anderen Worten, die Frau dominiert im Handel und Verkehr vollständig.“ Die Frau als Arbeiterin in Industrie und Handel ist trotz ihrer Tatkraft für die Männergesellschaft dieser Zeit dennoch nur ein leidiges Übel: „Ob nach Beendigung des Krieges das frühere, doch mehr auf natürlicher und deshalb auch gesunderer Grundlage beruhende Verhältnis wiederkehren wird, erscheint sehr fraglich.“

Trotz der hier deutlich werdenden alter Herren Leidigkeit, die Prognose trifft zu: am 19. Januar 1919 findet die erste Wahl zur Deutschen Nationalversammlung statt, bei der Frauen das aktive und passive Wahlrecht besitzen, beschlossen schon am 12. November 1918 von der SPD- und USPD-geleiteten Regierung. Der nächste Schritt dauert in West länger: Erst ab 1. Juli 1977 gestattet die BRD den Frauen zu arbeiten, ohne dass ein Ehemann das Arbeitsverhältnis kündigen darf. In der ehemaligen DDR waren Frauen und Männer ab 1950 gleichgestellt.

Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

Der Leipziger Osten im Jahr 1886

Der Leipziger Westen im Jahr 1886

Westlich von Leipzig 1891

Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

Leipzig in den „Goldenen 20ern“

Alle Zeitreisen auf einen Blick

Leipziger Zeitung Nr. 55, seit Freitag, 25.05.2018 im Handel: Verweigerte Verantwortung, gefährliche Jahnallee, verkorkstes Bildungswesen und Leipzig im Weltkrieg

 

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