Kirchenbauwerke gehören zu vielen Ortschaften. Sie sind bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke. Die Gotteshäuser haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfältige Bedeutung. Doch ihre Zukunft ist bedroht: Dutzende von ihnen haben ihre Funktion verloren, einige sind bereits spurlos aus dem Ortsbild verschwunden. Zeit zur Erinnerung an verschwundene Kirchen auch außerhalb von Mitteldeutschland – und was mit ihnen unwiderruflich verloren gegangen ist.

Die Jakobikirche von Rostock – oder auch Jacobikirche – war eine Hauptkirche Rostocks und ein Wahrzeichen der Stadt. Sie entstand nach den Kirchen St. Petri, St. Nikolai und St. Marien als vierte der großen Stadtkirchen und stand zwischen der Apostelstraße und der Pädagogienstraße.

Vermutlich wurde der Heilige Jakobus als Schutzpatron ausgewählt wegen dessen besonderen Ansehens in Spanien: Damals steuerten Rostocks Schiffer zunehmend Spanien an und brachten von dort rare und teure Güter mit. Nach Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg wurde bis 1960 das Gotteshaus trotz Wiederaufbaufähigkeit vollständig abgerissen.

Die Stadt Rostock bestand ursprünglich aus drei Teilstädten, der Alt-, Mittel- und Neustadt, in denen es jeweils einen Marktplatz und mindestens eine Kirche gab. Die Jakobikirche war die Pfarrkirche der Neustadt im Westen Rostocks.

Um 1280 gehörte ein erster Ziegelhof vor dem Bramower Tor zu St. Jakobi. Daher wird der Baubeginn der Kirche um das Jahr 1300 angenommen. Nach langer Bauzeit wurde St. Jakobi in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zum größten Teil fertiggestellt.

Bauwerk

Die Kaufleute in Rostock wollten – wie die in Wismar, Stralsund, Greifswald, Riga und Reval – der Pracht von Lübeck als Königin der Hanse nacheifern. So wurde als Bauform die Basilika gewählt – mit kleinen Zugeständnissen an das bürgerlich-volkstümliche Bauempfinden. Bündelpfeiler, Blendwerke nach westlichem Vorbild und ein rechteckiger Chor waren das Ergebnis.

Die Jakobikirche war eine dreischiffige Backsteinbasilika mit geradem Chorabschluss zur Pädagogienstraße. Als Zeichen für Reichtum und Ansehen der Hansestadt Rostock wurde das Gotteshaus prächtiger als die drei anderen Hauptpfarrkirchen Rostocks gestaltet.

Spitzzüngig formulierte der Volksmund zu den vier Kirchen: „Marien reich, Jakobi gleich, Nikolai arm, Petri Gott erbarm“. Die Laufgänge im Bereich der Seitenschiffe waren ein ungewöhnliches Element in der Backsteingotik, sie sind in Rostock auch in der Petrikirche zu finden. Das sechs Joch lange Gebäude war kreuzrippengewölbt und hatte keine Querschiffe. Ungewöhnlich war der rechteckige Chorschluss, der vom polygonalen Schluss im Gewölbe verschleiert wurde. An der Südseite gab es in der spätgotischen Zeit Kapellen.

Innenansicht vor der Zerstörung. Foto: Karl Eschenburg aus „Orgeln in Mecklenburg“, Hinstorff Verlag, Rostock 2008, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=81497245
Innenansicht vor der Zerstörung. Foto: Karl Eschenburg aus „Orgeln in Mecklenburg“, Hinstorff Verlag, Rostock 2008, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=81497245

Der rechteckige Chorschluss, der reich geschmückte Wandaufriss und die vielfach profilierten Pfeiler lassen Einflüsse der englischen Gotik vermuten.

Das Satteldach über Hochschiff und Chor sorgte architektonisch für die Betonung des langen und mächtigen Kirchenraums. In spätgotischer Zeit kamen an der Südseite Kapellen hinzu, deren prächtigste wohl Rostocks Kröpeliner Tor nahe der Kirche nachempfunden war.

Domkollegiatstift St. Jakobi

In der Zeit zwischen 1487 und 1571 war St. Jakobi als Domkollegiatstift ein nicht nur optisch herausragendes Gotteshaus. Diese Ernennung von Papst Innozenz VIII. sorgte für blutige Auseinandersetzungen, denn die städtischen Interessen kollidierten stark mit denen der mecklenburgischen Landesfürsten.

So kam es 1486 zur Domfehde, die mit der Niederlage Rostocks 1491 und der Hinrichtung der Rädelsführer endete. Rostock wurde 1487 mit dem Kirchenbann belegt, worauf die Universität die Stadt verlassen musste. Ein Jahr später kehrte sie in die Stadt zurück. Rostocks Frühhumanist Hinrich Boger verarbeitete die Fehde in einem seiner Gedichte – er wurde Domdekan und Pfarrer an St. Jakobi.

Geschichte im 20. Jahrhundert: Zeit des Zweiten Weltkrieges

Bei den britischen Bombenangriffen am 26. April 1942 wurden große Teile der Jakobikirche zerstört. Das Turmmassiv brannte völlig aus, und die Innenausstattung mit der von Rudolf Stockmann entworfenen Renaissancekanzel von 1582, das Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert, die Epitaphien aus dem 16. Jahrhundert und viele Gemälde ging verloren.

Die Dachkonstruktion wurde zerstört, das Gewölbe beschädigt – es stürzte aber nicht ein, wie es bei St. Petri und St. Nikolai geschehen war. 1943 wurde die Ruine von St. Jakobi statisch gegen Einsturz gesichert und bekam ein Notdach.

Turmhelm

Ähnlich der Petri- und Nikolaikirche war die Jakobikirche ursprünglich mit einem gotischen Spitzhelm bekrönt, der 1462 einstürzte. 1589 wurde der neue, geschwungene Kupferhelm mit zwei Galerien fertiggestellt. Der Turmhelm der Jakobikirche wurde bei den britischen Bombenangriffen Ende April 1942 zerstört.

Das Gotteshaus diente Generationen evangelischer Christen regelmäßig zur Andacht sowie zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten als Stätte festlicher Begegnung. Sie war vertrauter, heimatlicher Treffpunkt für Taufe und Konfirmation, für Trauung, Silberne und Goldene Hochzeit und für den Heimgang hunderter Bürger. Sie war Ort der Gemeinsamkeit für Andacht und Hoffnung, für Zuversicht und Freude, für Trauer und Leid.

Wiederaufbau blieb frommer Wunsch

Wie wohl in jeder anderen Kirchgemeinde mit dem gleichen Schicksal wünschten sich die Christen dort das Wiedererstehen ihres Gotteshauses am selben Ort. Es blieb ein frommer Wunsch: Im Mai 1947 brach nach der rücksichtslosen Sprengung des benachbarten Luftschutz-Großbunkers „Blücher“ an der Langen Straße, welche die sowjetische Besatzungsmacht auslöste, das Hochschiff mit Pfeilern und Gewölbe in sich zusammen. Auch die südlichen Kapellenanbauten und große Teile der Seitenschiffsmauern wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Der massive Turm sowie Reste des Chores und der Seitenwände blieben als Ruine lange Zeit stehen.

Der Wiederaufbau und auch die Sicherung standen im Gegensatz zur seit 1953 betriebenen „sozialistischen Neugestaltung“ des Stadtzentrums. Eine Kirchenruine in direkter Nachbarschaft mit der Langen Straße, die das neue sozialistische Rostock demonstrieren sollte, war mit den Plänen der SED-Machthaber unvereinbar.
1957 wurden die Seitenschiffreste, 1959 der Chorkomplex und 1960 der Turmstumpf gesprengt. Der einstige Standort der Kirche wurde offiziell als „Klaus-Störtebeker-Platz“ zum Standort von Imbissbuden, der Platz blieb unbebaut.

Gegenwart

Heute erinnert ein Gedächtnisplatz zwischen Apostelstraße, Bei der Jakobikirche und Pädagogienstraße an das beeindruckende Gotteshaus St. Jakobi. Die Kolonnaden auf der Nordseite verdeutlichen die Höhe des einstigen nördlichen Seitenschiffes.

An der Nordwest-Ecke der Anlage steht eine erhaltene Grabplatte aus der Jakobikirche.
Der steinerne Grundriss der Kirche ist in den Boden des einstigen Standorts eingelassen. Bronzeplatten aus der Werkstatt der Firma Fittkau Metallbau und Kunstschmiede Berlin erinnern an die einstigen Standorte der Orgel, des Altars, des Fürstenstuhls und der Portale.

Koordinaten: 54° 5′ 21,2″ N, 12° 7′ 55,6″ O
Quellen und Links:
https://de.wikipedia.org/wiki/Jakobikirche_(Rostock)
http://www.mv-terra-incognita.de/gesamt.htm?http://www.mv-terra-incognita.de/beitraege/denkmale/verlorene/jakobi/jakobi1.htm~mainFrame
https://kirchensprengung.de/kirchensprengung-rostock

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