Ein Auto explodierte am frühen Morgen in Grimma. In Leipzig werden heute 24 „Stolpersteine“ verlegt, die an die Opfer der Nazi-Diktatur erinnern. Der Kongress „You can! – Inklusion im Arbeitsleben“ vergibt heute zum 20. Mal Preise an Einrichtungen der beruflichen Teilhabe und im Landtag behandelt der „Ausschuss für Verfassung, Recht und Europa“ einen Antrag zum Wählen mit 16 Jahren.
Mutmaßlicher Anschlag in Grimma
In der beschaulichen Mulde-Stadt Grimma wurden die Bewohner der Wurzner Straße heute Morgen gegen 2 Uhr durch eine heftige Detonation aus dem Schlaf gerissen. Ein oder mehrere bisher unbekannte Täter hatten an einem Ford Focus eine Explosion herbeigeführt, wie ein Polizeisprecher gegenüber LZ bestätigte.
Die Scheibe des Fahrzeugs wurde durch die Kraft der Sprengladung 50 Meter weit geschleudert und beschädigte einen parkenden Golf 4. Der Ford brannte vollständig aus. Den Schaden schätzt die Polizei derzeit auf 13.000 Euro. Ermittelt wird nun wegen des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion. Das Strafgesetzbuch sieht für solche Handlungen Haftstrafen von einem Jahr aufwärts vor.
Verlegung von „Stolpersteinen“ im Gedenken an NS-Opfer
In Leipzig werden heute an sieben Stellen insgesamt 24 „Stolpersteine“ verlegt. Kleine Messingschilder auf einem angegossenen Betonwürfel werden in Gehwege eingelassen und erinnern vielerorts an Menschen, deren Leben in der Zeit des Nationalsozialismus zerstört wurde. Sie gehen auf ein Kunstprojekt des Künstlers Gunter Demnig zurück, das 1992 ins Leben gerufen wurde. Ziel der Initiative ist es, an das Schicksal jener zu erinnern, die während der Nazi-Diktatur verfolgt, deportiert, ermordet, vertrieben oder unter dem Druck der Verfolgung in den Suizid getrieben wurden.
Auf der Oberfläche sind Namen und Lebensdaten der Opfer zu lesen. Die Buchstaben werden von Hand mit Hammer und Schlagbuchstaben in das Metall eingeschlagen. Jeder Stein hat eine Kantenlänge von 96 mal 96 Millimetern und eine Höhe von 100 Millimetern. Verlegt werden die Stolpersteine in der Regel vor den Häusern, in denen die jeweiligen Opfer zuletzt freiwillig gelebt haben.
Seit Sommer 2024 beschäftigten sich Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Schkeuditz mit der Geschichte der jüdischen Familie Steinfeld, deren Tochter Ruth als einzige das Kriegsende erlebte. Diese fünf Stolpersteine werden um 10 Uhr vor dem Gebäude Reichsstraße 14 in den Fußweg eingelassen.
Jugendliche der U15-Mannschaft des 1. FC Lokomotive Leipzig recherchierten das Schicksal von Rechtsanwalt Leon Dressler, der ein begeisterter Fußballer war (VfB Leipzig, Bar Kochba Leipzig). Dressler wurde im Zuge der Pogromnacht deportiert. Nach seiner Entlassung aus dem KZ Buchenwald flüchtete Leon Dressler im Dezember 1938 über Frankreich in die Schweiz, floh 1941 weiter nach Kuba und lebte ab 1947 in New York. Er starb am 01.10.1968 in Genf. Sein Bruder Karl Dressler wurde im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Die Verlegung des „Stolpersteins“ findet um 14:45 Uhr in der Trufanowstraße 34 statt.
Nachfolgend die weiteren Termine der heutigen Gedenksteinverlegungen … 9 Uhr Bornaische Str. 107 (1 Stein): Josef Damanski war ein jüdischer Musikwissenschaftler, sprach 18 (!) Sprachen und war amtlich verpflichteter Dolmetscher. Hochbetagt wurde er 1942 noch in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er ums Leben kam.
10:45 Uhr Schützenstr. 7 (hinter Wintergartenhochhaus) (5 Steine): die jüdischen Eheleute Auerhahn konnten die beiden älteren Kinder noch vor dem Zugriff der Nazis ins Ausland retten. Sie selbst flohen 1939 mit ihrem Baby nach Italien, wurden dort aber verhaftet und 1944 in Auschwitz ermordet.
12 Uhr, Merseburger Str. 94 (2 Steine): Der jüdische Arzt Dr. Gustav Rosenthal konnte seit 1933 nur noch eingeschränkt und ab 1938 gar nicht mehr praktizieren. Er gehörte zu den jüdischen Männern, die nach der Pogromnacht vorübergehend inhaftiert wurden. 1939 gelang ihm mit seiner Frau die Flucht nach Brasilien.
14 Uhr, Humboldtstr. 12 (3 Steine): In der Hoffnung auf Rettung folgten die jüdischen Eheleute Eisenberg ihrem Sohn Siegmund 1939 nach Belgien. Bis zum Ende des Krieges lebten sie jahrelang in einem Versteck und wurden von US-Soldaten befreit.
15:30 Uhr Lange Str. 16 (7 Steine): Max Pritsch starb 1943 im Jüdischen Krankenhaus. Er war seit 1925 mit der Nichtjüdin Elisabeth Dämmler verheiratet, was im Nationalsozialismus schwere Konsequenzen für ihre Kinder hatte, die in Heime kamen oder bis Kriegsende Zwangsarbeit leisten mussten.
Hinweis: Es kann durch die nicht absehbaren Fahrzeiten zwischen den einzelnen Orten zu leichten zeitlichen Abweichungen kommen.
Preisverleihung an Inklusionswerkstätten
Das Congress-Center auf der Neuen Messe ist Treffpunkt des bundesweiten Netzwerks der Inklusionsarbeit. Im Rahmen des Kongresses „You can! – Inklusion im Arbeitsleben“ werden heute die „exzellent“-Preise 2026 verliehen. Die Auszeichnung gilt als eine der wichtigsten bundesweiten Ehrungen für innovative Projekte aus Werkstätten für behinderte Menschen und anderen Einrichtungen der beruflichen Teilhabe. Seit 2006 zeichnet der Verband mit dem Wettbewerb Projekte aus, die neue Wege der Teilhabe am Arbeitsleben eröffnen. Bewertet werden insbesondere Innovationskraft, praktische Wirkung und die wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Unter den Nominierten für die Auszeichnungen 2026 finden sich drei Projekte aus Mitteldeutschland, so die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein gGmbH mit dem Projekt „Inklusion und Regionalentwicklung“ in der Kategorie „exzellent:arbeit“, das LebenshilfeWerk Meiningen gGmbH mit dem Projekt „Offene Werkstatt“. Aus Sachsen-Anhalt stammt eine Nominierung in der Kategorie „exzellent:bildung“: die Lebenshilfe Ostfalen gGmbH aus Hundisburg (Haldensleben) mit dem Projekt „solid@FAIRE“.
Finanziell ist der Wettbewerb eher symbolisch ausgestattet. In beiden Hauptkategorien, „exzellent:arbeit“ und „exzellent:bildung“, wird jeweils ein erster Platz mit 1.000 Euro prämiert, hinzu kommen zwei zweite Plätze mit jeweils 500 Euro. Für viele Einrichtungen steht jedoch nicht das Preisgeld im Mittelpunkt, sondern die damit verbundene Aufmerksamkeit. Die ausgezeichneten Projekte werden von der Bundesarbeitsgemeinschaft „Werkstätten für behinderte Menschen“ auf ihrer Website, in eigenen Publikationen und im Mitgliedermagazin vorgestellt.

Auf diese Weise erhalten sie bundesweite Sichtbarkeit und die Möglichkeit, ihre Ansätze und Erfahrungen anderen Werkstätten, Verbänden und politischen Entscheidungsträgern vorzustellen. Die „exzellent“-Preise der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) werden heute zum 20. Mal vergeben.
Kommt für Sachsen auch das Wahlalter mit 16?
Der „Ausschuss für Verfassung, Recht und Europa“ des Sächsischen Landtages beschäftigt sich heute mit einer möglichen Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre. Ein Gesetzentwurf der Linksfraktion sieht vor, Jugendlichen künftig bereits ab diesem Alter die Teilnahme an Landtags- und Kommunalwahlen zu ermöglichen. Zuletzt konnten am Sonntag Jugendliche dieses Alters in Baden-Württemberg wählen.
Sachsen würde sich damit einer wachsenden Zahl von Bundesländern anschließen, die das Wahlalter bereits abgesenkt haben. Bei Landtagswahlen gilt die Grenze von 16 Jahren derzeit in Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und eben in Baden-Württemberg.
Die Initiatoren argumentieren, dass generell jede Altersgrenze beim Wahlrecht zwar eine Einschränkung des Grundsatzes der allgemeinen Wahl darstellen könne, jedoch aus verfassungsrechtlichen Gründen gerechtfertigt sein kann. Entscheidend sei, ob junge Menschen über die nötige Fähigkeit zur selbstständigen Wahlentscheidung verfügten und am politischen Meinungsbildungsprozess teilnehmen könnten.
Dabei verweisen sie auf Erkenntnisse der Entwicklungsforschung: Zwischen dem zwölften und vierzehnten Lebensjahr setze bei den meisten Jugendlichen ein deutlicher kognitiver Entwicklungsschub ein, der abstraktes, logisches und hypothetisches Denken ermögliche. Gleichzeitig wachse die Fähigkeit, soziale, ethische und politische Fragen zu beurteilen. Wenn diese Fähigkeiten bereits bei 14-Jährigen nachweisbar seien, gelte dies für 16-Jährige erst recht. Auch der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages hatte im April 2024 mit ähnlicher Begründung mehrheitlich dafür votiert, das Wahlalter bei Bundestagswahlen auf 16 Jahre zu senken, und eine dagegen gerichtete Petition abgelehnt.
Nach Ansicht der Linken spräche zudem die allgemeine Rechtsordnung dafür, Jugendlichen mehr Verantwortung zu übertragen. So gelten in Deutschland bereits ab 14 Jahren die Straf- und Religionsmündigkeit. Weiterhin sehen die Antrags-Einbringer in einer Absenkung des Wahlalters Chancen für die demokratische Beteiligung junger Menschen.
Viele Jugendliche engagierten sich bereits politisch. Ein früheres Wahlrecht könne dieses Interesse stärken und langfristig zu höherer Wahlbeteiligung beitragen. Da die meisten Jugendlichen unter 18 Jahren noch zur Schule oder in der Ausbildung sind, könnten Schulen und Berufsschulen stärker als Orte politischer Diskussion und demokratischer Bildung genutzt werden.
Zur Europawahl vor zwei Jahren hatte in Deutschland das Wahlalter 16 Premiere. Die AfD steigerte sich bei dieser Abstimmung bundesweit von 11,0 auf 15,9 Prozent, Die Linke fiel von 5,5 auf 2,7 Prozent. Der Stimmenanteil der jungen Wähler (16–24 Jahre) am Ergebnis des Wahlsiegers bei der kürzlichen Landtagswahl in Baden-Württemberg lag nach derzeitigen Erhebungen bei 27 Prozent.
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