In den 1920er Jahren hatte Leipzig eine der größten jüdischen Gemeinden in Deutschland. Einige Familien prägten die bildenden Künste maßgeblich – durch ihr kulturelles Engagement und durch die Werke, die sie dem Museum der bildenden Künste Leipzig (MdbK) stifteten. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde das jüdische Leben in Leipzig vollkommen ausgelöscht. Die einstmals große Verbundenheit jüdischer Bürger/-innen mit dem MdbK geriet in Vergessenheit.
Die Ausstellung „Vier Wände voller Kunst. Jüdische Familien und ihre Sammlungen in Leipzig“ möchte sie wieder ins Gedächtnis bringen und rückt sowohl die Kunstsammlungen als auch die einzelnen Familien(-geschichten) in den Fokus. Eröffnet wurde die Ausstellung am Dienstag, dem 29. September.
Mit über 120 Werken, davon 41 Leihgaben u. a. aus Italien, Österreich, der Schweiz, Spanien und den USA, zeigt das MdbK die erste Ausstellung in diesem Umfang in Deutschland, die jüdische Kunstsammler*innen, deren Sammlungen und zugleich die eigenen Verbindungen mit den Familien thematisiert. Dabei blickt das MdbK kritisch auf die eigene Rolle beim Kulturgutentzug im Nationalsozialismus und auf die Geschichte der Aufarbeitung nach 1945.

„Vier Wände voller Kunst“ vereint Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier aus den Privatsammlungen von elf Familien aus Leipzig, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden: Erna und Wilhelm Breslauer, Hermann und Toni Halberstam, Franziska und Max Heilpern, Margarete und Max Hermann Heine, Henri und Martha Hinrichsen, Clara (Cläre) und Gustav Kirstein, Moritz Kraemer, Karl Lilienfeld, Friedrich und Marie Nachod, Carl und Laura (Lore) Sonntag sowie Moritz und Selma Ury.
Die Privatsammlungen umfassten überwiegend Kunstwerke des französischen und deutschen Impressionismus, der Klassischen Moderne sowie Werke weiterer herausragender Vertreter/-innen der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Stilistisch spiegeln sie das Spektrum einer bürgerlichen Kultur wider, da sie zu dieser Zeit von einem breiten bürgerlichen Publikum rezipiert wurden und auf dem Kunstmarkt sehr gefragt waren.
An dieser Stelle besonders hervorzuheben ist Max Klingers Skulptur „Galathea“, die seit ihrer Restitution an die Nachfahren der Familie Kirstein im Jahr 2001 nun als Leihgabe des Metropolitan Museum of Art wieder im MdbK zu sehen ist.

Dank nationaler und internationaler Leihgaben können u. a. namhafte Werke der Klassischen Moderne aus der Sammlung Karl Lilienfeld gezeigt werden, darunter Max Pechsteins „Bildnis in Rot“ (Hessisches Landesmuseum Darmstadt), „Der Lokomotivenpfiff“ (Kunstpalast Düsseldorf), „Italienische Landschaft“ (Expressionismus-Stiftung beim Kunstmuseum Bern) sowie die Karl Schmidt-Rottluffs „Haus am Bahnhof“ (mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien) und „Fischer auf dem Haff“ (Museum Folkwang, Essen).
Die Verknüpfung der persönlichen Lebensgeschichte mit den Kunstwerken wird in der Ausstellung auf besondere Art und Weise sichtbar: Das „Porträt Toni Halberstam“ von Max Liebermann, eine Leihgabe der Nachfahr/-innen der Familie Halberstam, zeigt die Sammlerin selbst.
Beschlagnahme und Verwertung
Die deutschen Museen haben vom nationalsozialistischen Kunstraub enorm profitiert. Einige Kunstwerke aus den Sammlungen sind im Kontext der nationalsozialistischen Verfolgung in den Bestand des MdbK gelangt. Das Ausstellungskapitel „Raub und Restitution“ gibt anhand ausgewählter Werke Einblick in die Rolle des MdbK bei der Beschlagnahme und Verwertung von Kunstwerken während der NS-Diktatur und thematisiert die ausbleibenden Rückgaben an die Familien durch die DDR‑Regierung.
Mit Leon Kahane findet eine zeitgenössische Position Einzug in die Ausstellung, die sich mit der Aufarbeitung der NS-Zeit in der DDR beschäftigt. Ergänzend werden zudem Werke von Leipziger Jüdischen Künstler/-innen der 1920er Jahre gezeigt, die in den Netzwerken der Kunstszene in Leipzig mit den repräsentierten Familien verbunden waren.
Das Wissen zu privaten Kunstsammlungen jüdischer Familien in Leipzig ist noch immer eine Leerstelle. Das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Forschungsprojekt „Kunstsammlungen jüdischer Familien in Leipzig in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ (Laufzeit: 15.01.2025 bis 15.07.2026) leistete Grundlagenarbeit für die Ausstellung im MdbK.
Ausstellung und Begleitprogramm
„Vier Wände voller Kunst“ bietet ein vielseitiges Begleitprogramm mit unterschiedlichen Kooperationspartner/-innen: Das Angebot erstreckt sich von Konzerten und Performances über eine wissenschaftliche Tagung, einem digitalen Stadtrundgang bei der Plattform „jewish-places“ bis hin zu einer Schulprojektwoche. In der Ausstellung stehen ein kreatives Mitmachheft (MdbK [Zine]), gestaltet von Künstlerin Shlomit Lehavi, und ein kostenloser Audioguide (dt. / engl. / einfache Sprache) zur Verfügung. Die Nachfahrin Toni Bentley hat dafür, stellvertretend für die Sammlerfamilien, O-Töne mit Erinnerungen an ihre Urgroßmutter eingesprochen.
Die Ausstellung wird von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Friede Springer Stiftung, der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen gefördert. Eine Kooperation mit „Tacheles – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026“.
„Vier Wände voller Kunst“ ist im Museum der bildenden Künste vom 30. September 2026 bis zum 31. Januar 2027 zu sehen.
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