Maximilian S. hat am Montag gestanden, ab Dezember 2013 den Drogenversand "Shiny Flakes" aufgebaut zu haben. Über zwei Stunden benötigte der Leipziger, dem Gericht zu schildern, wie er von der elterlichen Wohnung aus über das Internet mit rund 913 Kilo Rauschgift handeln konnte, ohne dass sein familiäres Umfeld die kriminellen Deals bemerkte.

Seit seiner Jugend interessierte der Leipziger sich für Computer und das Internet. Dessen verborgener Bereich, das Darknet, faszinierte den jungen Mann. “Er war fasziniert von den verschiedenen Sachen, die es dort gibt”, berichtete sein Verteidiger Stefan Costabel. Maximilian S. stieß auf Verkaufsplattformen mit Namen wie Pandora, Evolution und Silk Road. Dem Gohliser reizten Herausforderung und Nervenkitzel.

Im März 2013 hatte er nach eineinhalb Jahren eine Ausbildung zum Restaurantfachmann abgebrochen. Aus Desinteresse. “Die Mitarbeiter, mit denen ich mich verstanden habe, waren alle weg”, erzählte S. Fortan lebte er vom eigenen Erspartem im “Hotel Mama”. “Ich habe immer das gemacht, wozu ich Lust habe”, beschrieb er sein damaliges Leben. Im April fuhr er mit seiner Schwester in den Urlaub.

Im November zockte er tagelang den Ego-Shooter “Battlefield 4”. Ab dem 10. Dezember setzte er binnen zwei Wochen die Website von “Shiny Flakes” auf. Die Idee kam ihm im Chat mit einer Online-Bekanntschaft. “Im Grunde war es ‘ne Schnapsidee”, schilderte der Großdealer.

Maximilian S. (re.) mit seinem Verteidiger Stefan Costabel. Foto: Martin Schöler
Maximilian S. (re.) und Verteidiger Stefan Costabel äußerten sich am Montag zu den schwerwiegenden Vorwürfen der Anklage. Foto: Martin Schöler

Maximilian S. scheint zu jener Zeit kaum Freunde in der realen Welt gehabt zu haben. Im virtuellen Leben, wo er sich nach seinem Lehrbetrieb “DonCamillo” nannte, pochte der Leipziger auf Anerkennung. Nicht für seine Person, sondern für das “Projekt”. “Ich habe nie den Drang verspürt, irgendjemandem zu erzählen, dass ich Shiny Flakes bin”, erzählte er dem Gericht.

Anfangs steckten hinter der Drogenplattform offenbar drei Täter. Maximilian S. sollte den Shop installieren und managen. Ein gewisser “Red Bull”, der von Berlin aus operiert haben soll, belieferte den Versand bis zu seiner Verhaftung im Januar 2015 mit illegalen Substanzen.

Der User “Dummes Schwein” war für die Abwicklung des Versands eingeplant, zog sich allerdings schon Anfang 2014 zurück. Maximilian S. übernahm daraufhin die Bearbeitung der Bestellungen.

Der Shop lief erfolgreich. Die Bestellzahlungen explodierten. Maximilian S. ließ die angebotene Ware regelmäßig in verschiedenen Laboren in Spanien, der Schweiz und München auf ihre Qualität überprüfen. Aus den immensen Umsätzen machte sich der Gohliser offenbar nicht viel. Die Ermittler fanden in seinem Kinderzimmer keinerlei Luxusgüter.

“Meinem Mandanten ging es nie darum, viel Geld zu verdienen, Umsatz zu machen, geschweige denn, ein besseres Leben zu führen”, sagte Costabel. Den Drogenversand baute er mit nur 2.000 Euro Startkapital auf. Seine gesamten Ersparnisse reichten für 30 Gramm Kokain und zehn Gramm Crystal. Die letzte Lieferung, die die Ermittler beschlagnahmen konnten, war von sechsstelligem Wert.

Zu dieser Zeit war Maximilian S. längst in einem Hamsterrad gefangen. Besessen von dem Gedanken, das “Projekt” zu verbessern, ließ er sich sogar von der Verhaftung “Red Bulls” nicht aus der Bahn werfen. “Es war wie ein Wahnzustand”, beschrieb der Dealer seine damalige Gedankenwelt.

Und fügt an: “Das Schlaueste wäre gewesen, sofort alles wegzuwerfen.” Stattdessen schaute er sich nach neuen Lieferanten um. In Holland wurde er fündig. Fortan belieferten ihn User mit cryptischen Namen wie “Dutchmaster” und “Godfather”.

Am 26. Februar stürmte das Spezialeinsatzkommando gegen 15:45 Uhr die Wohnung in der Landsberger Straße, in der der Webhändler mit Mutter und deren Lebensgefährten unter einem Dach lebte. Für einen Heranwachsenden, der angesichts seiner 16-Stunden-Tage längst kein Privatleben mehr geführt hat, die Erlösung.

Die zu erwartende Haftstrafe – im Raum stehen nach Einschätzung des Vorsitzenden Norbert Göbel mindestens sieben Jahre – möchte er für eine Berufsausbildung nutzen.

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