Vor fast zwei Jahren wütete ein Hausbrand im nordsächsischen Beilrode. Das Feuer richtete 344.000 Euro Schaden an und kostete einen 47-jährigen Bewohner das Leben, der qualvoll in den Flammen starb. Ausgerechnet der Lebensgefährte seiner Mutter steht nun seit Montag vor Gericht – wegen Mordes und schwerer Brandstiftung mit Todesfolge. Die Staatsanwaltschaft hegt einen ungeheuerlichen Verdacht gegen den 71-jährigen Mann.

Großbrand in Scheune und Einfamilienhaus

Detlev B. schien leicht desorientiert, fast ein wenig neben sich, als er am Montagmorgen den großen Saal des Leipziger Landgerichts in Handschellen betrat. Sein Gesicht versteckte er trotz der auf ihn gerichteten Kameralinsen nicht.

Die Anklageschrift warf dem heute 71-jährigen Rentner vor, er habe am Vormittag des 21. Juni 2020 gegen 11:30 Uhr mit Hilfe von drei bis vier Litern Kraftstoff gezielt mehrere brennbare Gegenstände in einer Scheune entzündet. Diese war direkt mit dem Einfamilienhaus im nordsächsischen Beilrode verbunden, das der frühere Bauschlosser gemeinsam mit seiner heute 72-jährigen Lebensgefährtin Barbara Z. und deren Sohn Thomas bewohnte.

Ungeheuerlicher Verdacht der Anklage

Der entfachte Brand griff damals rasch von der Scheune aus auch auf den Wohnbereich und die Dachkonstruktion über. Während sich Barbara Z. und der jetzt angeklagte Detlev B. in Sicherheit brachten, konnte die Feuerwehr den Sohn von Barbara Z., der ein Zimmer im Obergeschoss des Hauses hatte, nur noch tot bergen.

Der 47-jährige Thomas Z. verstarb, bekleidet auf seinem Bett liegend, infolge einer Kohlenmonoxid-Vergiftung, zudem hatte er Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitten. Ein einzig möglicher Fluchtweg über die Treppe war durch die Flammen abgeschnitten.

Bewohnbar war das Haus auch nicht mehr. Erst ein Jahr nach dem schrecklichen Ereignis geriet Detlev B. als mutmaßlicher Brandstifter ins Visier – und das aus einem schier unglaublichen Motiv: „Er handelte aus Frust, Wut und Verärgerung über den Sohn seiner Lebensgefährtin, den er als wertlos erachtete und geringschätzte“, sagte Staatsanwältin Jenny Mosbacher am Montag, die dem Verdächtigen in ihrer Anklageschrift zudem eine weitere Brandstiftung am PKW auf dem Hof anlastete.

Den Tod des Sohnes seiner Partnerin habe Detlev B. zumindest billigend in Kauf genommen und mit seiner Tat auf 214.000 Euro von der Versicherung spekuliert. Zu einer Auszahlung des Geldes kam es jedoch nicht.

Verteidiger kündigt Erklärung an und attackiert Ermittlungsbehörden

Die Verteidigung kündigte an, dass sich ihr Mandant am nächsten Verhandlungstag persönlich zu den Vorwürfen äußern und auch Rückfragen beantworten wolle. In einer Vorab-Erklärung sprach Rechtsanwalt Dr. Carsten Pagels von einem umfassenden Indizienprozess, der nun bevorstehe, und attackierte die Ermittlungsbehörden scharf.

So habe die Polizei sogar die Wohnung seines Klienten verwanzen wollen, obwohl dies nur als letztes Mittel erlaubt sei. Die Kammern am Dresdener Landes- und Oberlandesgericht erteilten dem eine Abfuhr. Letztlich habe das Amtsgericht Leipzig „nur“ eine Telefonüberwachung genehmigt, ohne dass die abgehörten Gespräche einen Beweis der Täterschaft ergaben.

Der Staatsanwaltschaft warf der Verteidiger vor, bei der Tätersuche nach einem Ausschlussprinzip vorgegangen zu sein, auch habe die Polizei seinen Mandanten bei der Beschuldigtenvernehmung ein Jahr nach dem Brand mit dem sinngemäßen Vorhalt unter Druck gesetzt, er möge es doch zugeben und sein Gewissen erleichtern. Das Fazit des Anwalts: „Es gibt bis heute keinen Beweis, der meinen Mandanten überführt.“

Nach Jahrzehnten wiedergetroffen

Am Montag stieg das Gericht mit der Zeugenvernehmung der Lebenspartnerin von Detlev B. ein, die zugleich anwaltlich vertretene Nebenklägerin im Prozess ist und durch den Brand einen ihrer zwei Söhne verlor.

Gefasst schilderte die 72-jährige Barbara Z., woher sie den Angeklagten kannte – beide waren gleicher Jahrgang, besuchten dieselbe Schulklasse und waren schon als Teenager liiert. Erst vor etwa fünf Jahren trafen sie sich zufällig wieder und kamen rasch zusammen, zumal Barbara Z. nach dem Tod ihres Ehemannes sehnlich einen neuen Partner suchte.

Später zog Detlev B. bei ihr und Sohn Thomas auf dem Gehöft ein, der dort das Obergeschoss bewohnte. Nach dem Rausschmiss aus seiner früheren Wohnung lebte er wieder bei seiner Mutter, ging ab 2010 zudem keiner Beschäftigung mehr nach – damals war der Straßenbauer von einem LKW gestürzt, brach sich den Schädel und war seither gehbehindert.

„Ich habe meinen Sohn geliebt“

Sein Verhältnis zu ihrem Partner beschrieb Barbara Z. als schlecht: „Es war ein rauer Ton, aber ich kann nicht sagen, es war Streit in dem Sinne.“ Beide gingen sich meist aus dem Weg, auch wenn Detlev B. dem jüngeren Mann mal vorgehalten haben soll, „stinkendfaul“ zu sein, zumal er am Ende nicht einmal mehr mit dem Hund rauswollte.

Auch die Mutter hatte laut eigener Aussage immer mehr Schwierigkeiten, an ihren erwachsenen Sohn heranzukommen, dieser habe sich in seinem Zimmer zunehmend isoliert, dort auch reichlich Müll, dreckiges Geschirr und Schmutzwäsche angehäuft, ohne sich darum zu kümmern oder viel Körperpflege zu betreiben.

Für Barbara Z., die 2016 an Lungenkrebs erkrankte und bis heute auf ein Sauerstoffgerät angewiesen ist, wurde er zu einer Belastung. Ihr Angebot, ihm eine eigene Wohnung mit Pflege zu organisieren, habe Thomas Z. jedoch einige Monate vor dem Brand mit den Worten abgelehnt, im Juli wäre er sowieso weg. Immer habe er zweideutig gesprochen, auch wenn es um das Thema Tod ging.

Trotz allem sei für sie nie ein Rausschmiss infrage gekommen: „Ich habe meinen Sohn geliebt und liebe ihn heute noch.“

Gravierende Langzeitfolgen: „Es ist kein Leben mehr“

Ihre Erinnerungen an den Tag des Brandes seien heute nur noch verschwommen, so Barbara Z. gegenüber dem Gericht. Besondere Auffälligkeiten habe sie auch bei ihrem Partner nicht festgestellt, auch keinen an der Scheune gesehen, ehe sie von ihrer Küche aus beim Zubereiten des Mittagessens plötzlich Rauch heranziehen sah.

Von draußen rief sie verzweifelt nach ihrem Sohn. Doch alles war vergebens. Am Abend erfuhr sie im Krankenhaus von seinem Tod – sie und ihr Lebensgefährte hatten selbst eine Kohlenmonoxid-Vergiftung erlitten.

Dass ihr Sohn für das Feuer verantwortlich sein könnte, könne sie sich nicht vorstellen, sie wisse auch nicht, dass er einen Benzinkanister besaß – ein solcher war jedoch laut Verteidigung, geöffnet und halbvoll, am Bett von Thomas Z. gefunden worden.

Vom Vorsitzenden Richter Hans Jagenlauf nach ihrem heutigen Befinden gefragt, wurde die Stimme der 72-jährigen Frau dann doch brüchig: „Mir geht es immer noch schlecht, ich kann schlecht schlafen, habe Schmerzen und Herzrasen, träume von meinem Sohn Thomas. Es ist kein Leben mehr“, sagte die ehemalige Facharbeiterin und Industriekauffrau.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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