Eine Reihe an Explosionen sorgte vergangenes Jahr westlich des Leipziger Zentrums für Aufregung – zwei Unbeteiligte kamen zu Schaden und verletzten sich erheblich. Ursache waren jedes Mal Sprengfallen der Marke Eigenbau. Seit Montag muss sich der mutmaßliche Urheber am Landgericht verantworten. Zum Prozessauftakt räumte der 34-jährige Florian O. die Vorwürfe weitgehend ein.

In der Anklageschrift, die dem Informatiker unter anderem das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und gefährliche Körperverletzung sowie weitere Versuche vorwirft, listete Staatsanwalt Ralph Hornig fünf einzelne Punkte auf. Demnach habe sich der Angeklagte irgendwann im Frühjahr 2021 zum Bau und zur Ablage von Sprengsätzen entschlossen und dies dann auch in die Tat umgesetzt.

Am 6. Juni 2021 detonierte erstmals eine Vorrichtung in einer Plastikflasche, die in einem Altkleidercontainer an der Käthe-Kollwitz-Straße abgelegt war und richtete über 840 Euro Sachschaden an.

Es hätte sogar Grundschulkinder treffen können

Weniger glimpflich endete die Explosion eines weiteren Objektes am frühen Morgen des 16. August 2021 im Bereich Schreberstraße – hier stieß der 41-jährige Passant Eike S. auf einem nächtlichen Spaziergang um 0:50 Uhr unbeabsichtigt gegen den Karton mit der Sprengfalle, die daraufhin hochging.

Das Opfer erlitt eine Verletzung am rechten Auge sowie Verbrennungen an Armen, Beinen und Händen, seine Kleidung und Brille wurden in Mitleidenschaft gezogen – Sachschaden 240 Euro. Eike S. tritt im Prozess als Nebenkläger auf.

Am 29. August ging die Serie weiter – diesmal kam ein Fußgänger im Bereich Marschnerstraße, Ecke Coblenzer Straße mit einer Verpackung für Kopfhörer in Kontakt, die detonierte. Der Betroffene trug unter anderem Verletzungen an der Hand davon, an seiner Kleidung entstanden 200 Euro Schaden.

Wenige Tage darauf wurde glücklicherweise niemand verletzt – hier soll Florian O. in der Zeit zwischen 8. und 14. September eine präparierte Vorrichtung nahe einer Grundschule in der Lessingstraße deponiert haben.

Allerdings fiel der verdächtige Gegenstand auf, offenbar war er bereits unbemerkt explodiert, als Spezialkräfte ihn entschärfen wollten. Dass selbst Schulkinder zu Schaden kommen könnten, habe Florian O. wenigstens billigend in Kauf genommen, so die Staatsanwaltschaft.

Letzte Explosion wurde Angeklagtem zum Verhängnis

Alle Tatorte befanden sich im Umkreis von der Wohnung des Verdächtigen in der Alexanderstraße. Hier geschah dann auch, diesmal unbeabsichtigt, die fünfte und letzte Explosion – während der Herstellung eines neuen Sprengkörpers am Morgen des 11. Oktober 2021 detonierte dieser und verletzte Florian O. so schwer, dass er ärztlich im Krankenhaus versorgt werden musste.

Im Zuge der Nachforschungen geriet der heute 34-Jährige rasch unter Verdacht, seit 13. Oktober sitzt der junge Mann in Untersuchungshaft. Während des Verfahrens schwieg er zu den Vorwürfen.

Am Montag dagegen legte der Angeklagte ein weitgehendes Geständnis ab. In einer von seiner Anwältin Henrike Wittner verlesenen Erklärung stellte sich der nicht vorbestrafte Florian O. als leidenschaftlichen Bastler und Tüftler dar, die Begehung seiner Taten könne er sich nicht erklären und bedauere deren Folgen, er strebe eine Therapie an.

In einem Detail widersprach er allerdings der Anklage – so will der Ex-Unister-Beschäftigte, der später als Informatiker für Reiseportale tätig war, die Blechschachtel mit dem Sprengsatz an der Lessingstraße ursprünglich weiter entfernt abgelegt und stümperhaft zusammengebaut haben. Ein eindeutiges Tatmotiv ließ sich aus dem Geständnis nicht erkennen.

Bei Nachtspaziergang erheblich verletzt

Am Montag vernahm die Strafkammer erste Zeugen, darunter einen Polizeibeamten sowie Nachbarn, welche die Detonationen mitbekommen hatten. „Es war so laut, ich dachte, es wäre eine Explosion“, beschrieb Anwohnerin Ute T. (66) das laute Knallgeräusch, das sie am 6. Juni in ihrer Wohnung auf der Käthe-Kollwitz-Straße trotz schalldichter Fenster heftig aufschrecken ließ.

Eike S., einer der Geschädigten und Nebenkläger im Verfahren, schilderte die Detonation am 16. August kurz vor ein Uhr als sehr hell und laut. Auf dem Rückweg von der Aral-Tankstelle Marschnerstraße, wo er sich mit Bier und Zigaretten versorgt hatte, wollte der 41-Jährige spontan noch einen entspannten Nachtspaziergang einlegen, als er ins Stolpern geriet und mit einem pappfarbenen Karton in Berührung kam, der daraufhin explodierte. Eike S. flog die Brille vom Gesicht, er zog sich Verbrennungen zu. Zwei Wochen war der Techniker danach arbeitsunfähig.

„Ich nehme es zur Kenntnis“, sagte der Geschädigte knapp auf die Erklärung der Verteidigerin, dass ihr Mandant die eingetretenen Verletzungen bedauere. Florian O. versuchte, die Aussage seiner Anwältin durch wortloses Nicken und Blickkontakt zu untermauern.

Nebenklage will hohes Schmerzensgeld

Nebenklage-Anwalt Erkan Zünbül kündigte zudem einen sogenannten Adhäsionsantrag an, um für seinen Mandanten Eike S. auch ein Schmerzensgeld zu erreichen – seiner Meinung nach seien 6.000 Euro angemessen.

Daneben warf Zünbül die Frage auf, ob angesichts des gefährlichen Explosionsgeschehens nicht auch ein möglicher Tötungsvorsatz des Angeklagten in Betracht käme – zumindest habe Florian O. den Tod von Menschen möglicherweise billigend in Kauf genommen.

Die 17. Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Robby Bauer hat bisher nur noch einen weiteren Verhandlungstag für den morgigen Dienstag geplant. Ob es dann auch bereits zu Plädoyers und Urteilsspruch kommen wird, ist aktuell offen. Florian O. drohen mehrere Jahre Haft.

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