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Nicht „Mein Kampf“ ist das Buch der Zeit, sondern Klemperers „LTI“

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    Irgendwie passt das scheinbar: Das Hitlersche Gefängnisgedöns "Mein Kampf" darf wieder veröffentlicht werden. Und auf den Straßen treiben sich Leute herum, denen man zutraut, dass sie das Gedöns auch lesen. Verstehen müssen sie es ja nicht. Dazu war es nie da. Wer es nicht glaubt, kann es ja versuchen, darf sich aber nicht wundern, wenn er in einer regelrecht esoterischen Suppe versinkt.

    Hilfreich sein könnte – um nicht an diesem Brei zu ersticken – ein Büchlein, das zwar noch kein rundes Jubiläum feiert. Das wäre erst 2017 wieder der Fall, da hat das Büchlein dann seine 70 Jahre auf dem Buckel. Es handelt sich um Victor Klemperers „LTI“, die „Lingua Tertii Imperii“, die der Dresdner Philologe Victor Klemperer (jawohl: Dresden) gleich nach Kriegsende und seiner glücklichen Rettung schrieb. 1947 erschien dieses „Notizbuch eines Philologen“ im Aufbau Verlag. Und seither hat es ein paar Menschen durchaus erschreckt, wenn sie beim Lesen über Worte stolpern, die ihren Ursprung eindeutlich in der Phraseologie der Nazis haben, manchmal auch der italienischen Faschisten. Was ja einer der liebsten Späße des Dresdner Romanisten war, wenn er all die Originalitäten der triumphierenden Nazis als reine Abkupferei entlarven konnte. Das Meiste haben sie sich bei den italienischen Faschisten abgeschaut. Und auch das Hitlersche Originalwerk war nicht wirklich originell.

    Das hat ja jüngst Sven Felix Kellerhoff noch einmal genüsslich aufgedröselt. Ohne einen ganzen Reigen jener viel beschworenen „deutschen Dichter und Denker“ (auch ein rabiater Engländer, diverse Franzosen, Italiener und ein formidabler us-amerikanischer Unternehmer darunter), die den latenten Chauvinismus, den lärmenden Antisemitismus und den arroganten Nationalismus des späten deutschen Kaiserreichs in dicke Bücher (und manchmal auch dünne Propagandaheftchen) ergossen, ist Hitlers zweiteiliges Kampf-Werk nicht denkbar. Hitlers Genese übrigens auch nicht.

    Selbst als Faschist war der Bursche ein Spätstarter, der sich das ganze Geraune erst einmal anstudierte und dann mal zeigte, wie ein Spätstarter seine Lehrmeister überbieten konnte. Möglich, dass das bei einigen Leuten als Kunst und Tugend gilt, auch wenn es für den schon etwas ältlichen Adolf Hitler eher eine dreiste Anbiederei war – so dreist, dass einige seiner frühen Vorgesetzten (selbst stramme preußische Offiziersgamaschen) sich sogar sehr bald von diesem Übertöner distanzierten. Das war ihnen dann doch zu plebejisch, so unartig, passte nicht in den fein ziselierten aristokratischen Stil, mit dem man sich elitär über die Menschen und Nationen setzte.

    Mancher rätselt ja wieder: Steckt in Hitlers „Mein Kampf“ nun die Bauanleitung für einen neuen Faschismus? Ist das Buch deshalb gefährlich?

    Ist es nicht.

    Es ist anders gefährlich. Nämlich für Schwarmgeister. Für Leute, die keine Maßstäbe haben für das, was sie denken und sagen. Die sich ihre Logik gern selbst zusammenbasteln und auch nur in diesem selbst gezimmerten Zirkel argumentieren. Deswegen ist es so schwer, mit diesen Leuten zu reden: Sie begreifen alles, was nicht zu ihrer Denkkugel passt, als Störelement und Fremdkörper. Und nur so.

    Oder um Victor Klemperer selbst zu zitieren: „Die LTI ist bettelarm. Die Armut ist eine grundsätzliche; es ist, als habe sie ein Armutsgelübde abgelegt.“ Was sie ja nicht hat. Aber je weniger Stoff eine „Sprache“ braucht, umso leichter lässt sich damit ein ganzes Land gleichschalten. Das frisst sich in die Köpfe, wie Klemperer feststellte, wenn es erst einmal zur Staatssprache verordnet ist: „‚Mein Kampf‘, die Bibel des Nationalsozialismus, begann 1925 zu erscheinen, und damit war seine Sprache in allen Grundzügen buchstäblich fixiert. Durch die ‚Machtübernahme‘ der Partei wurde sie aus einer Gruppen- zu einer Volkssprache, d.h. sie bemächtigte sich aller öffentlichen und privaten Lebensgebiete …“

    Klemperer blieb es zeitlebens ein Rätsel, „wie dieses Buch in aller Öffentlichkeit verbreitet werden durfte“ und es dennoch zur zwölfjährigen Hitler-Herrschaft kam. Wer das Buch las, wusste, wie der Mann tickte und was er wollte und was er anrichten würde.

    Das könnte ein Argument für die These sein, dass vor 1933 kaum ein Mensch diesen Wälzer gelesen hat – außer Hitlers Anhänger selbst. Ein paar zumindest, die das Ganze durchhielten. Ab 1933 gab es ja die kärglichen Inhalte allerorten und jederzeit breit ausgewalzt in Reden, Radioansprachen, Zeitungsartikeln. Das „Dritte Reich“ war nicht nur sprachlich ein verarmtes Reich, es kannte auch keine Diskurse mehr, keine Gespräche von gleich zu gleich. Es galt nur noch eine Sprache und ein Sprecher. Die Wirkung entsteht durch immer neue Variation des Immergleichen, die Verwandlung einer Gesellschaft in eine quasi-religiöse Gemeinschaft, in der das zentrale Element der Hingabe der Fanatismus ist.

    Mit „fanatischer Hingabe“ wurde gekämpft, gesiegt und am Ende zugrunde gerichtet, was noch da war. Für die heilige Sache natürlich. Auch wenn sie nichts war als heilige Leere. Der Ritus macht’s, die Hirnwäsche. Wer nicht mehr gelernt hat, die Dinge zu untersuchen, zu hinterfragen, verstehen zu wollen, sondern nur noch „fanatisch“ glaubt, der wird zum willigen Teil einer Maschine.

    Selber lesen. Es bildet. Und man wird Muster erkennen, die heute wieder so lebendig sind, dass man staunt: Woher kommt das? Ist das neu gewachsen oder haben da ein paar emsige Autoren wieder vorgedacht, zusammengeschustert, was man gebrauchen könnte, „wenn es mal wieder soweit ist“? Die Versatzstücke hat Hitler ja nicht erfunden, nur zusammengeleimt in einer Art politischer Sendung. Denn das ist ja „Mein Kampf“ eigentlich. Was er bis zu seinem fröhlichen Zuchthausaufenthalt kämpfen musste, hat er ja denkbar kurz gehalten, da und dort auch fleißig zurechtgeschnitten und aufgehübscht. Sollte ja keiner merken, dass der alte Kämpe noch ein ganz frischer Kämpfer war. Mit Meriten freilich. So einen hatten die alten Weltkriegsverlierer gesucht. Den konnten sie gut gebrauchen, um wieder Stimmung zu machen gegen die Republik. Bis sie merkten, dass der Bursche selbst lieber gebrauchte als sich gebrauchen ließ. Das merkten eine Menge Leute sehr spät. Viel zu spät.

    Denn nicht nur die Sprache von „Mein Kampf“ geht auf Überrumpelung und Niedermachen aus, der Inhalt tut’s auch. Das ist das, was Victor Klemperer nicht begreifen wollte. Denn genau das stand da. „Mein Kampf“ war die Hitlersche Kampfansage an Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit, an „das System“ schlechthin. Bis hin zu den Kriegen, die der Mann führen wollte. Und alles in der aufgeblasenen Pose des Kraftmeiers.

    Ein Nachdenken, Faktenwägen, Analysieren kennt diese Sprache nicht. Sie ist immer Beschwörung, Anprangerung, Niedermachen. Oder – beliebt auch bei den heutigen Klein-Hitlern – hämisches Rechthaben und Besserwissen. Man habe ja doch die einfacheren Rezepte. Warum kompliziert, wenn Gewalt die Antwort auf alles ist?

    Muss man das lesen? Wird das irgendjemanden klüger machen?

    Es wird wohl eher so sein, dass die meisten Leser, die sich diese kommentierte Ausgabe kaufen, am wissenschaftlichen Erklärwerk verzweifeln. Und den Rest auch nicht lesen. Denn dazu braucht man schon eine gewisse Bereitschaft, forcierten Nonsense aus hunderten Seiten zu ertragen. Verstehen wird man ihn dadurch nicht. Denn dazu ist ja Hitlers Kampfschrift nicht geschrieben. Sie soll nicht überzeugen, sondern überwältigen.

    Kein Wunder, dass sich in diesem Kanon auch die ganze Verachtung des „Gutmenschen“-Tums entfaltet, nur dass das bei Hitler noch ein hinausgeschmetterter Hass auf den Humanismus war. Man staunt schon, woher das alles kommt, auch die lautstarke Verachtung Europas.

    Wer ein Déjavu braucht, kann sich das Werk aus Hitlers Zuchthauszeit ja zu Gemüte führen. Und hinterher enttäuscht weglegen, weil nichts Neues drin steht. Weil alles in den zwölf Jahren Hitlertum immer öffentlich war. So kläglich wenig, dass man sich fragt: Warum dann so ein Bohei um dieses Buch?

    Aber wie schnell das abrutscht, das hat Klemperer schon aufgeschrieben: „Und daß sich diese Gesinnung einmal in Taten umsetzen, daß ‚Gewissen, Reue, Moral‘ eines ganzen Heeres, eines ganzen Volkes wirklich einmal ausgeschaltet werden können, hielt ich damals noch für unmöglich“, schreibt er für das Jahr 1929. Wenig später aber spricht er von der „Hysterie der Sprache“, die man einmal gesondert untersuchen müsste. Und wie sich ein Land verändert, wenn die Hysterie zur Sprache der Regierenden wird. Das ist die latente Gefahr. Und man schaut sie sich an, diese schon leicht hysterischen Minister und die noch viel überdrehteren „Volksversteher“ und hat das vage Gefühl: Noch ein paar Runden auf diesem glatten Eis, und wir haben eine hysterische Sprache, die das Land regiert.

    Kommt wieder runter, möchte man sagen. Lest lieber wieder Klemperer und versucht zu begreifen, warum die Chauvinisten in Sachen Hysterie immer noch eins draufsetzen können, egal, wie gewaltig und empört ihr auf die Pulte haut.

    Und ehrlich gesagt: In die Schulen gehört Hitlers Gemähre ganz bestimmt nicht. Aber Klemperers „LTI“: unbedingt.

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