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Wenn Leipziger/-innen träumen: Das Prinzip Hoffnung

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    Ich träume von der Bühne. Davon, dass 2021 noch Bühnen existieren werden, die bespielt und betrachtet werden. Von Bühnen, die ich bespielen kann. Und ich träume insbesondere vom Improvisationstheater – auf und fernab der Bühne.

    Allein schon die Grundidee von Improtheater gilt für viele als beängstigend: ohne Skript und ohne Wissen darum, was geschehen wird, eine Bühne zu betreten … und dann soll irgendwas passieren? Auch noch was Gutes? Es ist die Angst, allein auf der Bühne zu stehen. Nichts, woran man sich festhalten kann. Nichts einstudiert. Und dafür vom Publikum abgestraft zu werden. Improtheater ist gleich freier Fall.

    An den meisten Tagen fühlt es sich so an, als befänden sich unser gesellschaftlicher Zusammenhalt, unsere grundsätzliche Solidarität miteinander und unsere demokratischen Werte im freien Fall. Durch die sozialen und althergebrachten Medien abgebildet – und zu Teilen auch erzeugt – erleben wir immer mehr Spaltungen voneinander, fühlen uns immer mehr isoliert und allein, unverstanden und entfremdet von immer mehr Menschen, auf deren Sinn für Gemeinschaft wir nicht mehr bauen können.

    Trumpism und Whataboutism und Fake-Newsism lösen ein gemeinsames Verständnis von Realität auf – unser mentales Skript von Grundsätzen, über die wir uns einig sein können, um einander zu verstehen. Und mit jeder unüberwindbar wirkenden Herausforderung mehr am Horizont scheint immer unklarer, was die Zukunft Gutes bringen soll.

    „Yes, and…“ – zu Deutsch „Ja, außerdem…“ – gilt als die goldene Regel im Improtheater. Sie ist Ausdruck des simplen Prinzips, nicht die Augen und Ohren vor dem, was ist, zu verschließen. Sondern es anzunehmen und darauf aufzubauen. Es zu erweitern. Etwas von sich hinzuzugeben. Immer und immer wieder. Denn niemand muss auf der Improbühne je wirklich allein sein.

    „Ja, außerdem“ funktioniert nur, wenn ich auf meine Mitspieler und das Publikum achte, mit Offenheit und Wohlwollen. Es gibt zwar kein Skript, aber es gibt eben ein paar wertvolle Grundsätze wie „Ja, außerdem“, auf die ich mich verlassen kann, die von meinen Mitspielern geteilt werden.

    Wenn ich mich dazu entscheide, zu versuchen, mich auf diese Grundsätze und die wohlwollenden Mitspieler zu verlassen … dann bin ich überhaupt nicht allein, dann habe ich alles, um die zukünftigen Momente und Szenen zu bauen – in dem Augenblick, in dem ich sie erlebe. Das erlaubt mir, auf die Bühne zu gehen und etwas zu versuchen – ohne zuvor zu wissen, was genau passieren wird. Echtes Impro ist nicht Angst und freier Fall. Es ist freies Fliegen und das Prinzip Hoffnung.

    Ich träume davon, für mich selbst und in der Gesellschaft das Prinzip Hoffnung wiederzuentdecken. 1998 schrieb der amerikanische Philosoph Richard Rorty darüber, was Demokratie bedeuten kann. Dass es bei Demokratie nicht nur um die Summe aller demokratischen Verfassungsstrukturen oder die Abwesenheit von Tyrannei oder sozialliberale Grundrechte geht. Sondern dass Demokratie nicht zuletzt auch das politische Prinzip Hoffnung verkörpert.

    Dass es trotz aller Herausforderungen und Ungewissheiten eine Zukunft geben kann, die Gutes bringt – wenn wir die Zukunft als ein gemeinschaftliches Projekt begreifen. Dafür zitiert Rorty den Dichter und Journalisten Walter Whitman und dessen Buch „Demokratische Ausblicke“ von 1971: „Demokratie ist ein großes Wort, dessen Geschichte, vermute ich, noch ungeschrieben ist, da diese Geschichte erst noch aufgeführt werden muss.“

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