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Party in Connewitz und Randale in Bautzen: Was ist eine Schlagzeile wert?

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    KommentarDass die vorletzte Silvesternacht in Connewitz tagelang die Medienberichte dominierte, lag nicht nur an einem – zumindest laut Staatsanwaltschaft – versuchten Mord, sondern auch daran, dass Connewitz immer für Schlagzeilen sorgt – selbst wenn nichts passiert. So wie dieses Silvester. Mehr Aufmerksamkeit hätten stattdessen die Angriffe auf Polizisten in Bautzen verdient; also in einer Stadt, die als Hochburg von Neonazis und „Querdenkern“ gilt.

    Connewitz klickt immer. Das dachte man sich offenbar am Neujahrstag auch beim MDR. Dieser veröffentlichte einen Text mit der Schlagzeile: „Weitestgehend ruhige Silvesternacht in Leipzig-Connewitz“.

    Als Leser/-in konnte man diese Formulierung durchaus so verstehen, dass irgendetwas mit Gewalt wohl doch passiert ist. Sonst wäre es ja nicht Connewitz. Liest man den Text, erfährt man jedoch, dass lediglich etwas Pyrotechnik für die verbale Einschränkung „weitestgehend“ verantwortlich war. Nach einer Silvesternacht ist das eigentlich keine Schlagzeile wert.

    „Polizist in Bautzen vorübergehend dienstunfähig geprügelt“ wäre schon eher eine sinnvolle Schlagzeile gewesen – zumindest beim MDR liest man sie jedoch nicht. Dort findet sich eine Zusammenfassung dessen, was laut Polizei in der ostsächsischen Stadt passiert ist, nur als Erwähnung in Texten zum allgemeinen Silvester-Geschehen in Sachsen.

    Dienst vorzeitig beendet

    Laut Pressemitteilung der Polizeidirektion Görlitz befanden sich kurz nach Mitternacht etwa 100 Personen auf der Friedensbrücke in Bautzen. Einige davon sollen ziemlich unfriedlich Polizist/-innen und deren Fahrzeuge mit Feuerwerk angegriffen haben. Als die Beamten die Personalien feststellen wollten, habe es Schläge von zwei Personen gegeben. Die Bilanz: Ein Polizist habe den Dienst beenden müssen, zwei weitere seien ebenfalls verletzt worden.

    Natürlich ist dieses Geschehen mit den Ereignissen in Connewitz in der Silvesternacht 2019/20 nur eingeschränkt zu vergleichen. Vor einem Jahr berichtete die Polizei schließlich von einem Beamten, der durch Gewalteinwirkung durch Dritte „das Bewusstsein verlor und im Krankenhaus notoperiert werden musste“. Ob die Behörde die Situation damals dramatischer darstellte, als sie wirklich war, wurde anschließend ausführlich diskutiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelte jedenfalls wegen versuchten Mordes, der Beamte konnte das Krankenhaus rasch wieder verlassen.

    Fakt ist: Ein schwer verletzter Polizist und drei leicht verletzte Polizisten dominierten tagelang die Berichterstattung überregionaler Medien. In der Tagesschau vom 1. Januar 2020 war Connewitz eines der drei Top-Themen. Eine ähnliche Aufmerksamkeit für den Vorfall in Bautzen zeichnet sich bislang nicht ab. Lediglich ein Boulevard-Medium berichtete bislang prominent über die „Prügelei in der Silvesternacht“.

    Hotspot und Hochburg des Schlechten

    Dabei könnte es sich durchaus lohnen, die drei verletzten Polizisten in einen größeren Zusammenhang zu setzen. Bautzen ist nicht nur ein bundesweiter Hotspot für Corona-Infektionen, sondern auch eine „Hochburg der Verschwörungsmythen“, wie das ARD-Politmagazin „Monitor“ im Dezember 2020 feststellte.

    Darüber hinaus sorgte die Stadt mit fragwürdigen Entscheidungen für Aufsehen. Beispielsweise lehnte sie das Corona-Impfzentrum für den Landkreis Bautzen ab. Dieses ist stattdessen im knapp halb so großen Kamenz entstanden. Zudem verhängte Bautzen in der Silvesternacht kein Böllerverbot, weil es dafür „keine Befugnis“ gegeben habe. Wohl eine Fehleinschätzung, denn Gerichte bestätigten mehrmals die in Dresden und Chemnitz ausgesprochenen Verbote.

    Nach der Silvesternacht verbreitete ein Instagram-Account ein Foto, das die Auseinandersetzungen mit der Polizei zeigen soll, ergänzt um die Botschaft: „Macht euch auf dieses Jahr gefasst!“. Die ehemalige Bautzner Stadträtin Annalena Schmidt, die das Foto entdeckt hatte, schrieb, dass ein bekannter Neonazi den Account betreibe.

    Feuerwerk als Widerstand

    Ob das Geschehen tatsächlich einen politischen Hintergrund hatte, ist bislang nicht bekannt. Aber wenn ein vom Verfassungsschutz beobachteter AfD-Politiker wenige Tage vor Silvester öffentlich dazu aufruft, es „krachen“ zu lassen, weil Feuerwerk „Widerstand“ sei, und es in einer Stadt wie Bautzen dann tatsächlich kracht, sollte man darüber nachdenken.

    Zumindest sollte diese von Chaoten verursachte Straßenschlacht – um mal beliebte Vokabeln der üblichen Connewitz-Berichterstattung zu verwenden – eher eine Schlagzeile wert sein als ein friedliches Silvesterfest im Süden Leipzigs.

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    2 KOMMENTARE

    1. Der Leipziger Polizeipräsident ist knallhart in Connewitz, für Bautzen ist er nicht verantwortlich. Aber wenn, dann würde er schon dafür sorgen, daß linke Kräfte in Bautzen kein Land sehen. Aber halt, das machen die Bautzener Nazis lieber selber. Polizei stört da eher.

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