Dass auch eine AfD-nahe Agentur den Hauptgegner im Wahlkampf ausgerechnet in den Grünen sieht, sagt eigentlich alles über den politischen Moment, in dem wir uns gerade befinden. „Die Kampagne '#GrünerMist 2021' ist unabhängig und überparteilich“, behauptete der Initiator der auch in Leipzig zu sehenden Plakatkampagne David Bendels in seiner Presseaussendung. Aber nicht mal seine Agentur ist „unabhängig und überparteilich“. Im Gegenteil.

Bekannt geworden sind er und seine Agentur schon durch die Herausgabe des „Deutschland-Kuriers“. Wikipedia fasst es so zusammen: „Herausgegeben wurde der Deutschland-Kurier bis Oktober 2018 vom Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten. Dieser hatte zuvor bereits die kostenlose Flugschrift Extrablatt als Wahlkampfhilfe für die AfD herausgegeben und die Partei mit millionenschwerer Wahlwerbung unterstützt. Vorsitzender und Sprecher des Vereins ist der PR-Berater David Bendels, der gleichzeitig Chefredakteur der Publikation ist.“

Und gleichzeitig ist er Geschäftsführer der Conservare Communications GmbH, die sowohl die Kampagnenwebsite als auch die Plakataktion betreut. Das nennt man wohl eher Wahlkampf im Schafspelz. Vermuten darf man dahinter eine durchaus reiche Klientel, die ein großes Interesse daran hat, dass sich an ihren Geschäften und Lebensstilen nichts ändern muss. Und die das dann in ein Mäntelchen von Kampf gegen den Sozialismus kleidet und das alte konservative Mantra wieder auflädt: Die wollen uns unsere Villen und SUVs wegnehmen.

Man ist fast geneigt, sich eine Riesenpackung hellblauer Taschentücher zuzulegen, um ein paar Krokodilstränen mitzuweinen.

Aber nicht diese Leute und ihre Agenturen und Plakatebastler sind bedauernswert. Eher im Gegenteil. Selten sah eine Plakatkampagne peinlicher aus als diese – mitten in einer Zeit, da die Menschen im Ahrtal gerade erlebt haben, mit welcher Wucht Starkregen eine ganze Region verwüsten kann, und weltweit die Wälder brennen. Und zwar nicht nur in Russland oder Kalifornien, sondern direkt in den beliebtesten deutschen Urlaubsländern – Türkei, Italien, Griechenland.

Da braucht es nur ein ganz klein wenig Vernunft, vielleicht auch mal eine Tasse Kaffee, um zu sehen: Das alles wird uns sehr bald überfordern. Und wir wissen, dass wir die Ursache dafür sind, so als Menschen gesehen. Obwohl nicht alle gleich sind. Aber manche sind immer gleicher. Und selbstgerechter.

Der jüngste IPCC-Bericht hat es noch einmal deutlich gemacht, gerade für den Mittelmeerraum. Der „Spiegel“ hat es am 10. August in der Überschrift so zusammengefasst: „Hitze, Dürre, Brände: So düster ist die Uno-Prognose für den Mittelmeerraum“.

Geht uns ja alles nix an, oder? Wenn wir nicht gerade mit Badehose von einer brennenden Insel runtergeholt werden müssen.

Die „Zeit“ hat aus diesem Grund den ehemaligen griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras befragt, der im Interview natürlich auch erklärt, was in Deutschland genauso zu beobachten ist: Klimapolitik ist zuallererst linke Politik, denn unter den Folgen der Umweltzerstörung leiden zuallererst die armen Socken, die Menschen, die nicht einfach mal auf ihre Jacht fliehen können oder mit dem Flugzeug die von Flammen verheerte Region verlassen können. Nein, wer ein Flugzeug besitzt, ist kein Mittelstand. Nirgendwo auf der Welt.

„Wir begreifen erst allmählich: Wir müssen auch dafür unseren Lebensstil ändern“, sagt Tsipras im Interview. „Allerdings dürfen wir dabei niemanden zurücklassen. Die grüne Revolution darf nicht zulasten der Schwachen gehen, so wie es in den vergangenen Krisen der Fall war. Ob in der Euro-Krise oder in der Coronakrise – Gewinner waren einige wenige Superreiche.“

Jene Superreichen nämlich, für die Milliarden Euro nur Peanuts sind und die sich ganze Wahlkämpfe, Parteien und Politiker kaufen können, Agenturen sowieso. Deswegen machen gerade die Plakate gegen die Grünen sehr deutlich, dass auch der Kampf gegen die Klimaerwärmung und die Umweltzerstörung eigentlich ein Kampf der Armen gegen die Reichen und Rücksichtslosen ist.

Denn die Menschen mit den kleinen Einkommen, diese Geringverdiener (hier ein Kommentar aus der „Zeit“ dazu),  können nicht fliehen, wenn ihre Hütte Opfer einer Naturkatastrophe wird. Sie können auch nicht fliehen, wenn sie in überhitzten Schuhkartons in aufgeheizten Städten leben, in verdorrenden Regionen oder wenn die Nahrungsmittel knapp werden, weil die Ernten verbrannt sind.

„Unser Wohlstand basiert besonders auf der Schönheit unserer Natur. Welcher Tourist würde sonst nach Griechenland kommen?“, sagt Tsipras. „Auch unsere Landwirtschaft braucht eine intakte Umwelt.“

Und er erinnert daran, dass die konservative Nachfolgeregierung in Griechenland alle Umweltaktivitäten der Tsipras-Regierung sofort gestrichen hat. Konservativen ist richtige Umweltpolitik immer zu teuer. Das reden sie auch gern den Wähler/-innen ein, dass man sich solchen Luxus doch nicht leisten könne und es „die Wirtschaft“ schädige.

Das Gegenteil ist der Fall: Wenn unsere Lebensgrundlagen verbrennen, geht auch unsere so gern gestreichelte „Wirtschaft“ vor die Hunde. Man kann SUVs genauso wenig essen wie Smartphones, Panzer oder Alexa-Lautsprecher. Und man kann ein leeres Konto auch nicht trinken, wenn das Grundwasser versiegt.

Wer viel besitzt, der hat natürlich panische Angst davor, dass er sich völlig umgewöhnen muss. Dass sein klimazerstörendes Konsumieren auf einmal inakzeptabel wird. Da muss er seinen gepufferten Kokon verlassen. Und sich auch noch schämen. Diese Leute haben nie gelernt, sich richtig zu schämen. Unsereiner schon. Wir wissen, wie sich das anfühlt.

Natürlich geht es auch bei der Bundestagswahl um reiche Säcke gegen arme Socken. Und um die ganz elementare Frage, wer die Zerstörung unserer Umwelt eigentlich bezahlen soll und wer die mies bezahlten „kleinen Leute“ davor bewahrt, dass ihnen Haus und Feld weggeschwemmt werden oder verbrennen.

Und sie dann mit dem flüchten müssen, was sie gerade auf dem Leib haben. Oder was gerade noch in den Rucksack passt. Natürlich geht es um ihre Haut. Um wessen denn sonst? Um die der reichen Säcke, die solche Kampagnen bezahlen, ganz bestimmt nicht.

Aber das Wort „Bevormundung“ auf dem Plakat sagt eigentlich alles: Hier wollen sich ein paar Leute nicht mal sagen lassen, dass sie aufhören sollen, die Welt zu zerstören.

Wo kämen wir da hin! Das wäre ja schon Solidarität mit den ganzen anderen Menschen! Diesen ganzen armen Schluckern. Und das ist ja wohl Sozialismus, oder? Zumindest aus der Sicht reicher, verwöhnter Leute, die gelernt haben, dass sie alleine immer nur zuerst alles kriegen.

Braucht’s also eigentlich eine EfD: Egomanen für Deutschland. Würde schon passen.

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