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Wo bleibt die antifaschistische Solidarität mit dem Leipziger Umland? Podiumsdiskussion mit Akteuren aus Wurzen, Taucha und von chronik.LE + Audio

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    Die geliebten, gefährlichen und altbekannten Bubbles. Man denkt, die Welt wäre doch gar nicht so schlimm, weil Bekannte und Befreundete von der gleichen Gesellschaft träumen wie man selbst. Das Gefährliche? Zu vergessen, dass zwischen der eigenen Bubble, den Bubbles der anderen und dem etwas dazwischen, das sich Realität nennt, Welten liegen können.

    Und dann kommen hin und wieder Situationen, Gespräche und Menschen, die einen mehr oder minder unsanft aus dieser Bubble reißen. Einer dieser besagten Momente fand gestern in einem Hinterhof auf der Eisenbahnstraße statt. Die Bewohner/-innen des Hauses am Torgauer Platz hatten zu einer Podiumsdiskussion mit Vertreter/-innen des Netzwerkes für demokratische Kultur Wurzen (NDK), der Solidarischen Alternativen für Taucha (SAfT) und dem Dokumentationsprojekt chronik.LE eingeladen. Bereits kurz vor Start am Donnerstag, 26. August, um 19 Uhr waren die Reihen gefüllt – ungefähr 40 Interessierte warteten gespannt auf die Diskussionsrunde. Und die hatte es in sich. Dabei geht es weniger um den Schlagabtausch als vielmehr um die bloßen Informationen und Bitten, die die Akteur/-innen und Aktivist/-innen auf der Bühne preisgaben.

    Eindrücke des Netzwerks für Demokratische Kultur (NDK) Wurzen

    Rechtsextreme Netzwerke, die Polizei und der Gegenprotest in Wurzen

    Audios: LZ

    Nazihochburgen im Leipziger Umland

    Wurzen, schon seit vielen Jahrzehnten Nazihochburg östlich von Leipzig, weise eine unglaubliche rechte Kontinuität auf, so die Mitglieder des NDK. Nur Form und Gestalt des Rechtsextremismus änderten sich – wurde damals noch zu zehnt in Springerstiefeln und Bomberjacken über den Marktplatz marschiert und Überfälle verübt, versuchen die Neonazis heute möglichst viele Immobilien für ihr Netzwerk zu erwerben und junge Menschen vor der Schule und am Busbahnhof anzuwerben.

    In Taucha ein ähnliches Spiel, das laut dem SAfT-Vertreter jedoch viel später seinen Lauf nahm. 2019 erst gründete sich der solidarische Verein, da zu dieser Zeit die Stadt übersät war von Stickern und Graffitis, die eine neue NS-Zone ausriefen. Berichte von Jugendgruppen, die sich mit ausgestrecktem rechtem Arm in der Schule begrüßten, und nach dem Unterricht pöbelnd durch die Straßen liefen, machten die Runde.

    Als sich dann im vergangenen Jahr der rechte Kampfsportclub „Imperium Fight Team“ rund um den Neonazi Benjamin Brinsa in der Stadt ansiedelte, waren die Tauchaer Verstrickungen in rechte Netzwerke kaum noch zu bestreiten.

    Während die erste Runde der Podiumsdiskussion viele unfassbare Details und Geschichten hervorbrachte, wurde in der zweiten Runde die entscheidende Frage gestellt: Was kann die Zivilgesellschaft im Leipziger Umland tun, um gegen diese demokratiefeindlichen Strukturen vorzugehen?

    Wo bleibt die antifaschistische Solidarität?

    Und dabei verwiesen sowohl Zuschauer/-innen als auch die Diskussionsteilnehmer/-innen auf zwei essenzielle Probleme. Zum einen hätten sowohl Verwaltung als auch Bürger/-innen in Taucha und Wurzen Angst vor „den bösen Linken“. Eine NDK-Vertreterin erzählte, dass ihre Bäckerin sie fragte, ob sie denn jetzt immer mit ihren Antifa-Verbündeten kommt und „ob die ihr denn jetzt die Scheiben einwerfen“.

    „Mir fällt immer wieder auf, dass die Wurzener Bevölkerung es gut schafft, rechts zu ignorieren, während sie vor links beziehungsweise allem, was sich gegen rechts wendet, Angst hat“, so die Aktivistin.

    Antifaschist/-innen würden auf dem Land sofort als Linksextremist/-innen verstanden werden, erklärt auch ein Zuschauer: „Dass Antifaschismus zu einer demokratischen Gesellschaft gehört, ist bei uns auf dem Dorf noch nicht angekommen. Aber wie bekommen wir alle Bürger mit ins Boot gegen rechts?“

    Das zweite Problem: fehlende Solidarität. Ein NDK-Mitglied, das den Verein vor über 20 Jahren mitgegründet hat, erzählt wie man noch Ende der 90er mit 6.000 Antifaschist/-innen durch Wurzen lief, um sich gegen die gehäuften rechten Überfälle gegen Migrant/-innen und Andersdenkende zu stellen.

    Beim Christopher Street Day (CSD) am vergangenen Wochenende habe man sich in Taucha hingegen sehr alleingelassen gefühlt, so Vertreter/-innen von SAfT. Dort hatten Neonazis die CSD-Teilnehmer/-innen, die meisten davon minderjährig, bedroht, weshalb die Veranstaltung abgebrochen und die Leute von der Polizei zum Bahnhof eskortiert werden mussten.

    Auch in Wurzen kein unbekanntes Problem: Im vergangenen Jahr standen fünf Fridays For Future Wurzen-Mitglieder einer 20 Personen starken Anti-Coronamaßnahmen-Demo gegenüber, die von bekannten Neonazikadern veranstaltet wurde. „Leipzig hat eine große Antifa-Szene. Ich frage mich, warum keine Vernetzung zu den umliegenden Kleinstädten und Dörfern stattfindet. Taucha ist beispielsweise 20 Minuten mit dem Rad entfernt“, so ein Mitglied von chronik.LE.

    „Ich finde es sehr gut, dass hier in Leipzig so viel mobilisiert werden kann. Aber jede/r sollte sich die Frage stellen, was man eigentlich mit Antifaschismus erreichen will. Und da sollte man weg von diesem Eventcharakter und hin zu einer strategischen Herangehensweise.“

    Für Demokratiefreund/-innen bleiben also die Fragen: Wie nimmt man die ganze Bevölkerung, die Zivilgesellschaft bei Aktionen gegen rechts mit? Und vor allem: Wo bleibt die antifaschistische Mobilisierung und Solidarität, wenn es um das Leipziger Umland geht?

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