Der bekannte Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf hat sich jüngst in einem Interview mit Spektrum der Wissenschaften dazu geäußert: „Wenn wir global tatsächlich bei drei Grad landen werden, drohen Deutschland etwa sechs Grad Erwärmung.“ sagt Prof. Rahmstorf. „Landgebiete erwärmen sich etwa doppelt so rasch wie der globale Mittelwert, der zu 70 Prozent aus Meerestemperaturen gebildet wird.“

„Hierzulande ist in der Vergangenheit die Temperatur daher etwa doppelt so stark gestiegen wie im globalen Mittelwert von 1,1 Grad. Wir sind in Deutschland inzwischen bei rund 2,3 Grad Erwärmung angelangt. …“

Seine größte Sorge ist, „dass wir unumkehrbare Dinge in Gang setzen. Nicht nur die berühmten Kipppunkte, sondern ganze Kaskaden von Kipppunkten, die dann zum unaufhaltsamen Selbstläufer werden. …“

Abschließend stellt der Professor etwas resigniert die polemische Frage, ob denn die Entscheidungsträger wenigstens die Zusammenfassungen der Berichte des Weltklimarates lesen würden … Er stelle immer wieder fest, dass das Wissen bei den Entscheidern unvorstellbar begrenzt ist.

Lizenz zum Klimakillen

Es muss längst bezweifelt werden, dass wir noch Zeit bis 2045 für Null Emissionen haben. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) hat im Juni 2022 eine Stellungnahme veröffentlicht: „Wie viel CO₂ darf Deutschland maximal noch ausstoßen? Fragen und Antworten zum CO₂-Budget“: „Aktualisiert beträgt das maximale Budget ab 2022 für Deutschland 6,1 Gt CO₂ (1,75 °C, 67 %), 3,1 Gt CO₂ (1,5 °C, 50 %) bzw. 2,0 Gt CO₂ (1,5 °C, 67 %). Bei linearer Emissionsreduktion ab 2022 wären diese Budgets 2040, 2031 bzw. 2027 aufgebraucht.“

Also: Um die Erderhitzung mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % auf 1,5 Grad zu begrenzen, haben wir noch acht Jahre Zeit, bei 67 % Wahrscheinlichkeit sind es nur noch vier Jahre und bei 100 % sind es in etwa nur noch zwei Jahre. Aber wer würde denn in ein Flugzeug steigen, dass mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit abstürzt? Niemand!

Auch eine ganz aktuelle Studie namhafter Klimawissenschaftler, mit der IPCC-Methodik, aber unter Berücksichtigung der neuesten Forschungsergebnisse, kommt zu dem Ergebnis, dass das CO₂-Budget nur noch halb so hoch ist, wie bisher angenommen. Dazu muss man wissen, dass die IPCC-Berichte des Weltklimarates nur alle sechs Jahre erscheinen und wesentlich auf konservativen Forschungsergebnissen des zurückliegenden Zeitraums beruhen, die aber durch das Tempo der Veränderungen oftmals schon überholt sind.

Weiterhin muss man wissen, dass das in den IPCC-Berichten ermittelte CO₂-Budget Grundlage der internationalen und nationalen Klimapolitik ist und die Höhe der tolerierbaren Restemissionen vorgibt. Kritiker dieser fragwürdigen und teils höchst spekulativen Berechnungen nennen dies die Erteilung der „Lizenz zum Klimakillen“.

Nicht zu Unrecht. Hier wird die Möglichkeit zur CO₂-Rückholung in großem Stil fest einkalkuliert, obwohl diese rein spekulativ und kaum umsetzbar ist.

Nach den neuesten Forschungsergebnissen müsste eigentlich bei der nächsten UN-Weltklimakonferenz, der COP 28 im November in Dubai, ein neues, strengeres CO₂-Budget beschlossen werden. Auch die Bundesregierung müsste dann, bei einem nur noch halb so hohen Budget, laut Klimaschutzgesetz ihre Klimaziele- und Maßnahmen erheblich verschärfen. Doch sie hält ja nicht einmal die derzeitigen (völlig ungenügenden Verpflichtungen) ein, da Wirtschaftswachstum und Profit absoluten Vorrang haben.

Klimaschutz und Demokratie werden im Moment zusehends als Wachstumshemmnisse betrachtet, die in der allgemeinen Mobilmachung für den globalen Konkurrenzkampf stören, wie die zunehmende mediale Hetze gegen die „Letzte Generation“ und ihre verschärfte juristische Verfolgung zeigen.

Missachtung des Vorsorgeprinzips

Die Lage eskaliert derweil zu einer Klimakatastrophe, die nicht mehr gestoppt oder rückgängig gemacht werden kann. Hier wird weder „Schaden vom deutschen Volke abgewendet“ noch die Lebensgrundlagen werden gesichert, sondern das Vorsorgeprinzip wird aus aktuellen Macht- und Profitinteressen sträflich missachtet – insofern ist dieses (Nicht)Handeln nicht nur verantwortungslos, sondern rechtswidrig.

Inzwischen können wir die Klimakatastrophe nicht mehr verhindern, sondern nur noch verlangsamen und begrenzen – doch wir beschleunigen sie immer weiter.

Weshalb zeigen sich die EU und Deutschland (selbst mit grüner Regierungsbeteiligung) unfähig und unwillig, die notwendigen Maßnahmen einzuleiten, obwohl man doch gleichzeitig hunderte von Milliarden Euro für dubiose Corona-„Wiederaufbauprogramme“, für Aufrüstung und für Energiesubventionen ausgibt, die man offenbar als systemrelevant betrachtet?

Die rechtlichen Verpflichtungen zum Klimaschutz missachtet man hingegen und macht sich damit sogar strafbar.

Woran das liegen könnte? Mehr dazu im nächsten Teil: „Klimaschutz ist nicht ‚systemrelevant‘“

Teil 1 „Vollbremsung oder Klimacrash? Das Zeitfenster zur Begrenzung der Klimakatastrophe schließt sich“ finden Sie unter diesem Link.

Zum Autor dieses Gastbeitrags: Jürgen Tallig war 1989 Mitbegründer des Neuen Forums in Leipzig. Weitere Informationen findet man hier.

Der Artikel ist in Kurzfassung in der Berliner Umweltzeitung „Der Rabe Ralf“ August/September 2023 (S. 12–13) erschienen.

Hier geht es zu den weiteren Teilen des Beitrags:

Vollbremsung oder Klimacrash? Das Zeitfenster zur Begrenzung der Klimakatastrophe schließt sich (Teil 1)

Vollbremsung oder Klimacrash? Klimaschutz ist nicht „systemrelevant“ (Teil 3)

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