In wenigen Tagen wollen verschiedene Gruppen für ein „wirklich antifaschistisches Connewitz“ demonstrieren. Sie nehmen dabei jene ins Visier, die seit Jahrzehnten entschlossen gegen Neonazis kämpfen und dafür teilweise ins Gefängnis müssen. Die selbsternannt echten Antifaschist*innen wiederum sind bislang kaum mit Antifa-Arbeit aufgefallen, die direkt vor Ort etwas bewegt.
Am späten Donnerstagabend sollen „antideutsche Schläger*innen“ erneut Palästina-solidarische Aktivist*innen in Connewitz brutal angegriffen haben. Ein „ganzes Arsenal an Waffen“, darunter Steine, Flaschen, Pfefferspray und Schlagstöcke, sei dabei zum Einsatz gekommen. Das schreibt die Antifa-Gruppe „Lotta“, die für kommenden Samstag zu einer Demonstration in Connewitz aufruft.
Anlass für die Demo seien mehrere Vorfälle dieser Art. Ob es den Angriff in dieser Form tatsächlich gegeben hat, ist unklar. Andere Antifa-Gruppen stellen die Situation anders dar: „Vermummte Mobs autoritärer Antisemit*innen“ seien durch Connewitz gezogen, hätten Anwohner*innen eingeschüchtert und Menschen auf Kopfhöhe mit Pyrotechnik beschossen. Belege für beide Darstellungen wurden bislang nicht veröffentlicht.
So oder so – würde sich die Demonstration von „Lotta“ nur gegen gewalttätige Übergriffe im Viertel richten, hätte sich davon wohl kaum jemand angegriffen gefühlt. Seit einigen Tagen versuchen „Lotta“ und andere Gruppen auch klarzustellen, dass es am 17. Januar vorrangig darum gehe. Es fällt aber schwer, das zu glauben.
Großangriff auf die antideutsche Hochburg
Besonders die Gruppe Handala, die öffentlich als Mitveranstalterin auftritt, hat einen Großteil jener Menschen ins Visier genommen, die in den vergangenen 25 Jahren in und aus Connewitz heraus antifaschistisch aktiv waren. Vor allem das stößt berechtigterweise auf massiven Widerstand.
Handala spricht in einem Aufruf davon, dass Connewitz von circa 2000 bis 2020 eine Hochburg der Antideutschen gewesen sei; also einer Israel-solidarischen Strömung, die man auch, aber nicht nur in der radikalen Linken findet. Der Antifaschismus der Antideutschen ist laut Handala nicht antiimperialistisch, nicht antizionistisch, nicht wirklich antikapitalistisch und demnach nur ein „Pseudo-Antifaschismus“.
Dass es ausgerechnet in Deutschland antifaschistisch sein soll, gegen Zionismus zu kämpfen – also gegen eine Bewegung, die als Reaktion auf den wachsenden Antisemitismus in Europa entstanden ist –, darf durchaus bezweifelt werden. Trotzdem sollte man einer Gruppe wie Handala, deren Mitglieder palästinensisch sind und Bekannte in Gaza verloren haben, eine andere Perspektive zugestehen, auch wenn diese gerade in Bezug auf den 7. Oktober teilweise unerträglich ist.
Erschreckend ist deshalb vor allem, wie undifferenziert viele Linke, die in Deutschland geboren wurden und keinen biografischen Bezug zu Gaza oder Israel haben, auf diesen Konflikt blicken. Wer ernsthaft behauptet, dass die Antideutschen in Connewitz keine Antifaschist*innen seien und quasi gemeinsame Sache mit dem deutschen Staat machten, erzählt bewusst Unsinn, ist erst seit Kurzem in der linken Szene dabei oder hat sich bislang nicht für die Lage in Sachsen interessiert.
Antifaschismus made in Connewitz
Ansonsten hätte man wohl mitbekommen, dass die sogenannte Soko Linx zeitweise gefühlt im Wochentakt die Polizei nach Connewitz geschickt hat, um Wohnungen von Antifaschist*innen zu durchsuchen und damit die Szene mürbe zu machen – durchaus mit Erfolg und manchmal rechtswidrig. Keine andere Gegend in Ostdeutschland steht für einen dermaßen erbitterten Widerstand gegen Neonazis wie Connewitz – und das eben auch immer wieder mit Mitteln, die zu staatlicher Verfolgung und Repression führen.
Es sind auch Gruppen und Aktivist*innen aus Connewitz, die seit vielen Jahren dafür kämpfen, dass die Todesopfer rechter Gewalt in Leipzig, darunter mehrere Migrant*innen, nicht in Vergessenheit geraten. Sie haben Gerichtsprozesse besucht und dokumentiert, Gedenk- und Informationsveranstaltungen organisiert sowie staatliche Stellen und lokale Medien für den Umgang mit der Gewalt kritisiert.
Es waren auch Antifaschist*innen aus Connewitz, die sich Woche für Woche gegen den rassistischen Volksauflauf namens Legida gestellt haben – und auch dafür mit unzähligen Gerichtsverfahren überzogen wurden. Diese Menschen sind auch in die Provinz gefahren, um dort jene Geflüchteten vor Neonazis zu schützen, die sich angeblich nicht nach Connewitz trauen.
Neue Gruppen vernachlässigen regionale Antifa-Arbeit
Erwähnenswert ist auch das Geschehen am 1. Mai, das jahrelang zu beobachten war. Während antiimperialistische und antizionistische Linke in Hamburg und Berlin mangels neonazistischer Aufmärsche revolutionär in eigener Sache demonstrieren konnten, war der 1. Mai für Antifaschist*innen in Ostdeutschland, Leipzig und Connewitz stets ein Pflichttermin, um Nazidemos in Städten wie Halle, Weimar und Plauen zu stören.
In Leipzig änderte sich das in den vergangenen Jahren. Nun gehen Linke auch hier am 1. Mai nicht mehr gegen Nazis, sondern für den Kommunismus auf die Straße. Bei anderen linken Gruppen, die eher Israel-solidarisch sind, stieß diese Selbstbezogenheit immer wieder auf Kritik.
Es gibt natürlich auch antiimperialistische Gruppen, die Neonazis direkt bekämpfen und Antifa-Demos organisieren. Aber jene Gruppen, die jetzt in Connewitz gegen Pseudo-Antifaschismus demonstrieren wollen, sind bislang kaum mit antifaschistischer Aktivität in der Region aufgefallen, also mit Recherche, Outings, Kampagnenarbeit oder eben auch mit militanten Aktionen, die bleibenden Eindruck bei Neonazis hinterlassen.
Das falsche T-Shirt
Im Gegenteil: Als im November in Dresden der Prozess gegen Johann G. und weitere Personen begonnen hat, war es Handala wichtig mitzuteilen, dass man mit den Beschuldigten im „Antifa Ost“-Verfahren nicht solidarisch sei. „Zionisten sind keine Antifaschisten, sondern Herrenmenschen“, schrieb Handala.
Anlass für diese Äußerung war offenbar ein von G. zum Prozessauftakt getragenes T-Shirt, das Solidarität mit den Opfern des Nova-Festivals in Israel ausdrückte. Das allein reichte aus, um sich von all jenen Antifaschist*innen zu distanzieren, die in Sachsen von einer gewaltigen Repressionswelle überrollt werden und in den USA auf der Terrorliste stehen.
Am vergangenen Sonntag hat sich übrigens der Neonazi-Angriff auf Connewitz zum zehnten Mal gejährt; ein beispielloser Angriff auf einen Stadtteil, der allen dort lebenden Menschen galt, egal ob antideutsch oder antizionistisch, egal ob frisch zugezogen oder schon lange dabei.
Viele Antifaschist*innen haben sich in den vergangenen Tagen dazu geäußert. Sie haben Erinnerungen geteilt, Veranstaltungen organisiert und die juristische Aufarbeitung kritisiert. Ausgerechnet jene Gruppen, die in wenigen Tagen für ein „wirklich antifaschistisches Connewitz“ demonstrieren wollen, haben das Thema komplett ignoriert.
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