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Für den Fall, dass Leser oder Leserinnen nicht wissen was mit Taubenschach gemeint ist, hier eine der üblichen Erläuterungen: „Mit ignoranten Menschen streiten ist wie mit einer Taube Schach zu spielen. Egal wie gut Du Schach spielst, die Taube wird alle Figuren umwerfen, auf das Brett kacken und herumstolzieren, als hätte sie gewonnen.“ Wer das Original kennt, wird bemerkt haben, dass ich am Anfang das Wort „dumm“ durch „ignorant“ ersetzt habe, das hat seinen Grund.

Das Äquivalent zum Taubenschach ist, bei der aktuellen Hitze, die Diskussion um den Klimawandel. Wer kennt es nicht? Der Eine sagt, die Sommer würden immer heißer, da muss man doch endlich etwas unternehmen! Die Antwort der „Taubenfraktion“ ist: Es war schon immer mal heiß! Zitiert man dann Temperaturstatistiken, kommen Screenshots eines alten BILD-Artikels mit einer 50-Grad-Überschrift und im schlimmsten Falle das Zitat mit der Statistik die Du nicht selbst gefälscht hast. Anschließend stolziert Hildegard voller Selbstbewusstsein aus dem Raum. Das ist nicht dumm, ignorant ist es schon. Es ist eben Taubenschach.

Erinnern sich die Menschen an eine solche Hitze?

Wie zuverlässig sind Menschen meiner Altersklasse, also Mitte der 1950er Jahre geborene, wenn sie behaupten sich an solche Hitzewellen zu erinnern? Ich erinnere mich an meine Schulzeit von 1963 bis 1973, manchmal war es heiß und wir sagten einen unbeholfenen Reim auf: „30 Grad im Schatten, wir schwitzen wie die Ratten. Herr Lehrer das ist ’ne Schweinerei, wir wollen heute hitzefrei!“ Das war keine tolle Lyrik, es war aber von 30 Grad die Rede.

Kurz nach meiner Schulzeit und einem oder zwei verregneten Sommern kam dieser Holländer, namens Rudi Carell, und sang „Da gab es bis zu 40 Grad im Schatten“ und die 40-Grad-Erzählung war in der Welt.

Dass es an Rudi Carell lag, ist selbstverständlich eine Vermutung von mir aber Lieder, besonders solche Hits, prägen sich in das kollektive Gedächtnis ein. Belegt sind Sommer mit „bis zu 40 Grad im Schatten“ eher nicht, schaut man in die Wetterdaten. So lag die bis dahin gemessene Tageshöchsttemperatur in Deutschland bei 39,6 °C am 2. Juli 1952. in Neustadt/Weinstraße und Schallstadt-Mengen. Eine Nachttemperatur von 29,4 °C, wie in Kubschütz im ostsächsischen Kreis Bautzen in der Nacht vom 27. zum 28. Juni 2026 gemessen, gab es jedenfalls früher nicht.

Wie war das im Hitzesommer 1983?

Der Autor auf einem Motorboot.
Der Autor im Delphin 110 im Jahr 1983. Foto: Thomas Köhler

Der „Hitzerekord“, man sollte besser außerhalb der Sportberichterstattung nicht immer von Rekorden sprechen, lag lange bei 40,2 °C, die am 27. Juli 1983 in Gärmersdorf/Oberpfalz gemessen wurden. Ich erinnere mich, aus sehr persönlichen Gründen, gut an diesen Sommer. Zu dieser Zeit war ich auf einem Zeltplatz bei Potsdam im Urlaub und, wie auf dem Foto zu sehen, mit meinem Boot auf den Havelseen unterwegs. Für diesen 27. Juli 1983 meldete die Wetterstation Potsdam eine Tageshöchsttemperatur von 32,6 °C und eine Nachttemperatur von 18,6 °C. Weit entfernt von den Temperaturen, besonders den Nachttemperaturen, von Ende Juni 2026.

Wie Erinnerungen trügen können, dazu kann man auch ein Beispiel konstruieren. 1983 begannen die Sommerferien in der DDR am Samstag, dem 2. Juli. An den Dienstagen, also dem 5. Juli und späteren, war Anreisetag in den FDGB-Ferienheimen, den meisten Betriebsferienheimen und vielen Zeltplätzen an der Ostsee. Menschen aus der gesamten DDR machten sich, oft schon in der Nacht, in Trabis, Wartburgs & Co., auf den Weg. Es gibt keine schriftlichen oder mündlichen Überlieferungen über mittägliche Hitzetote im Stau am Rügendamm. Bei Temperaturen wie wir sie 2026 Ende Juni hatten, wären diese aber in den unklimatisierten Fahrzeugen unausweichlich gewesen.

Es gibt ebenso wenig Berichte über Massenüberhitzungen westdeutscher Urlauberinnen und Urlauber auf ihrem Weg in den Süden, im Golf 1, R 4 oder 2 CV.

Ja, wir hatten heiße Sommer. Die Hitzetage insbesondere die Hitzenächte haben auf jeden Fall zugenommen.

Was nun?

Es sind ja nicht nur die Alten, also solche wie ich, die mit Vehemenz behaupten: „Früher war es auch schon heiß!“ Auch jüngere Menschen stimmen ein. Solche die dieses „Früher“ nicht erlebt haben, es aber aus Erzählungen kennen. Oft haben sie das von denselben Erzählerinnen und Erzähler die auch über die „gute alte Zeit in der DDR“ berichten. Könnten diese jungen Menschen sich aus seriösen Quellen informieren? Sie könnten, einige tun es auch, aber Eltern, Großeltern und andere Menschen „die das ja erlebt haben“ werden oft als seriöse Quellen wahrgenommen.

Dass Erinnerungen trügen, ganz ohne bösen Willen, ist vielen Menschen nicht bewusst. Es gibt dazu selbstverständlich Untersuchungen, Studien und Publikationen – es gibt aber auch eine latente Skepsis diesen gegenüber. Vielleicht hilft es ja, das Ganze mit etwas Sarkasmus zu betrachten, ansonsten müsste man aufgeben. Oder man redet von „Aggnoranz“, statt von Taubenschach und falschen Erinnerungen, wie Christian Stöcker in seinem sehr lesenswerten Artikel.

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Es gibt 10 Kommentare

Was für eine Beweisführung soll erfolgt sein? Sich fest einzureden, bei jedem kleinen Naturschutzerfolg zugleich den Planeten zu retten, soll gut oder wichtig sein? Es würde vollkommen reichen, sich auf solche klar faßlichen Themenkreise, wie den Erhalt des Wäldchens an der Capastraße zu konzentrieren, oder gegen weitere Versiegelung anzugehen (was sich im Grunde auch gegen das weitere Wachstum der Großstadt Leipzig richtete), als nun unbedingt Entsiegelung als Primärziel auszurufen, Fahrradstraßen in Größenordnungen zu verlangen, und so weiter. Punktuell wird es gerade so noch meßbare Effekte geben, global aber nicht. Stark wäre es, unter solchen Umständen weiterhin das zu tun, was man für richtig hält, auch im Wissen, daß es keine Kettenreaktion an Nachahmung geben wird. Ich etwa verzichte auf air conditioning, ich weiß aber, daß das sehr viele niemals tun werden.

Urs, Sie versuchen aus einer akademischen Randposition konkretes (Nicht-)Handeln abzuleiten. Ich halte das für unseriös.

Ja selbstverständlich häufen sich die jährlichen Nettozuwächse auf, das ist doch sonnenklar! Es ist aber nicht so ohne weiteres sonnenklar, daß die Veranderthalbfachung der Kohlendioxidkonzentration seit der Industrialisierung die ursächlich für den offensichtlichen Temperaturanstieg ist. Aber selbst wenn diese Veranderthalbfachung es wäre: wir werden nur in mehrere Menschenaltern auf eine Konzentration zurückfallen, die vor der Industrialisierung vorlag, selbst wenn wir eine schlagartige, drastische Reduktion der zivilisatorischen Emissionen hinbekämen.

Daß man trotz dieses Umstandes so tun kann, daß aber noch der kleinste Reduktionsschritt etwas nützen würde, halte ich angesichts der minimen Änderungen, die maximal erreichbar wären, für abergläubisch und letztlich gesellschaftlich zerstörerisch. Nun wird man einwenden wollen, genau das berühmte „weiter so“ sei das eigentlich Zerstörerische. Von weiter so ist aber gar nicht die Rede. Und hilft es wirklich, die Hitzewelle der letzten Woche als universellen Vorwurf an die Menschheit seit Adam und Eva einzusetzen?

Lieber Urs, das Thema hatten wir doch schon mal…!

Ihre Kubikzentimeterbeispiele stimmen zwar, Sie ignorieren jedoch die langfristige Akkumulation der Einträge, und dass der durch die Industrialisierung um 50% verursachte Anstieg das natürliche Gleichgewicht außer Tritt gebracht hat, was Sie offenbar beobachten und bejahen.
Der jährliche Eintrag verpufft ja nicht, sondern kommt jedes Jahr oben drauf.
Wenn Sie jeden Tag einen Kubikzentimeter Wasser in eine Badewanne schütten, „absorbiert die Wanne“ das eine Weile, aber irgendwann läuft sie halt über.

Vor der Industrialisierung betrug der CO2-Wert 280ppm, heute sind wir bereits bei 420ppm.

Da Sie ja so gern verlinken, hier:
https://skepticalscience.com/hens-and-eggs.html

Ihr psychologischer Schutzmechanismus scheint gut zu funktionieren; leider sieht die Physik das anders.

Jede und jeder, die oder der noch alle Latten am Zaun hat, muß zutreffenderweise konstatieren, daß es wärmer wird. Die Redensarten, daß es früher auch warm gewesen wäre, etwa im Sommer 1983, als ich Anfang Juli in Dresden zum Kirchentag war und bedauernd feststellte, daß in den Geschäften außer Bier nur noch Rhabarbersaft zu bekommen war, sind zwar nicht falsch, aber bedeuten eher sowas wie Kasuistik.

Die eigentliche Frage ist aber doch, was nun zu tun wäre? Kohlendioxidemissionssenkung, werden viele rufen und sich mit stillem Wasser zuprosten. Ja, es gibt einen gegenwärtigen Nettoeintrag von zwei Kubikzentimetern Kohlendioxid pro Kubikmeter pro Jahr in die Atmosphäre. Ca. 5 Kubikzentimeter pro Kubikmeter werden zivilisatorisch emittiert. Beiweitem mehr wird aus anderen Quellen emittiert, und fast alles davon wird absorbiert, d.h. in der Biosphäre umgewandelt. Würden wir keine fossilen Brennstoffe mehr verfeuern, sänke die Kohlendioxidkonzentration um ca. 3 Kubikzentimeter pro Kubikmeter pro Jahr. Das sind minime Änderungen, und klar ist, würde man zudem der Meinung anhängen, daß Kohlendioxid ursächlich für die Erwärmung ist, nur sehr wenig an dieser „Stellschraube“ zu drehen ist.

Selbst wenn wir die Taube Schachmatt setzen könnten, wir wüßten nicht, was für diese Welt insgesamt die beste Medizin sein könnte. Und daß man den Ölförderländern ein Angebot machen muß, damit die Öl- und Gasfelder nicht immer weiter ausgebeutet werden, ist offensichtlich.

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