Gehört der Greifswalder Professor zum Leipziger Stadtgedächtnis?

Leipzigs Verwaltung will Ernst Moritz Arndt nicht in die Wüste schicken

Für alle LeserErst war es eine Petition, mit der Alexander John dafür warb, die Arndtstraße in der Leipziger Südvorstadt umzubenennen. Dann wurde daraus ein Stadtratsantrag der Linksfraktion, der sich Thomas Kumbernuß (Die PARTEI) nach der Wahl angeschlossen hat und die eine Benennung nach der streitbaren Publizistin Hannah Arendt wünschte. Jetzt hat die Verwaltung dazu Stellung genommen, möchte sich von Ernst Moritz Arndt aber nicht trennen.

Man wolle zwar Hannah Arendt in den Namensvorrat für die Benennung Leipziger Straßen aufnehmen, will aber nicht die Arndtstraße nach ihr benennen. Womit der Antrag eigentlich seine Spitze verlor.

Die steckte ja gerade in dieser Ersetzung des alten „Franzosenfressers“ durch eine wirklich um Aufklärung kämpfende Publizistin.

Kumbernuß: „Wie gesitteter stünde es der Stadt Leipzig, den schändlichen Namen der Arndtstraße einem Joch gleich abzulegen und stattdessen die Straße nach einer Frau zu benennen, deren Wirken der Aufklärung gewidmet war, Hannah Arendt, jüdische deutsch-amerikanische Historikerin und Publizistin!“

Aber Leipzigs Verwaltung hält Arndt tatsächlich noch immer für einen bedeutenden Lyriker:

„Die Arndtstraße ist nach Ernst Moritz Arndt, geb. 1769 in Schoritz auf Rügen, gest. 1860 in Bonn, benannt. Die Benennung erfolgte 1869 anlässlich Arndts 100. Geburtstags“, betont das Dezernat Allgemeine Verwaltung. „Arndt war als Historiker, Philologe, Publizist und Schriftsteller tätig. Er hatte Professuren in Greifswald und Bonn inne und war zudem Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung. Als Privatsekretär des Freiherrn Karl vom und zum Stein hielt er sich 1813 in Leipzig auf.“

Aber wie ist das mit seinen antifranzösischen und antisemitischen Äußerungen? Hat er damit nicht die Namensgebung in der Südvorstadt verwirkt?

„In seinen Schriften wandte Arndt sich u. a. gegen die Herrschaft Napoleons und warb zugleich für die Bildung eines deutschen Nationalstaates. Er gilt insofern als bedeutender Lyriker der Epoche der napoleonischen Befreiungskriege. Die historisch wissenschaftliche Rezeption kritisiert Arndt aufgrund seiner nationalistisch gefärbten Schriften einerseits als Wegbereiter der Fremdenfeindlichkeit folgender Jahrzehnte, erkennt ihn anderseits aber auch als demokratischen Vordenker an“, beschreibt das Verwaltungsdezernat die Widersprüchlichkeit des Greifswalder Geschichtsprofessors.

„Arndts Nationalismus habe zwar den Glauben an eine politische Überlegenheit Deutschlands und insbesondere auch Hass auf Frankreich befördert, die Vorstellung dieser Überlegenheit sei aber nicht im Sinne eines Herrschaftsstrebens eines Volkes über andere Völker zu verstehen. Nationalismus und Demokratie sind in Arndts Schriften insoweit keine sich ausschließenden Kategorien. So zeigt sich die Ambivalenz seines Schaffens auch darin, dass sowohl die Nationalsozialisten, als auch deren Gegner im Nationalkomitee Freies Deutschland sich auf Äußerungen Arndts beriefen. Später instrumentalisierte auch die DDR Arndt zur Rechtfertigung ihrer Ideologie.“

Was ja eigentlich gerade das Zitronensaure an Arndts Positionen ist: sein exponierter Nationalismus. Den haben andere Zeitgenossen aus Arndts Epoche so nie geteilt oder gar in klappernde Reime gegossen.

„Zweifelsohne können gewisse Ausführungen in Arndts Schriften nach heutigen Maßstäben als fremdenfeindlich bewertet werden“, meint das für die Straßenbenennungen zuständige Dezernat. „Insoweit wäre Arndt heute sicher nicht mehr für eine Straßenbenennung qualifiziert.“

Hat er also Bestandsschutz?

Irgendwie schon, meint das Verwaltungsdezernat: „Das Wirken und Schaffen von Personen der Zeitgeschichte ist aber immer auch im Kontext der jeweiligen Zeit zu bewerten. Wertemaßstäbe verschieben sich jedoch im Lauf der Zeit (hier: im Lauf von rund 200 Jahren) und auch mit Wechseln der politischen Machthaber. Wollte man die Aufhebung des Straßennamens der Arndtstraße nun tatsächlich in Erwägung zu ziehen, so müssten u. a. auch die Benennungen nach Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Ludwig Jahn, Gerhard Johann David von Scharnhorst oder Gottlob Ferdinand Max von Schenkendorf einer adäquaten historisch-wissenschaftlichen Prüfung unterzogen werden.“

„Bisher haben die genannten Straßennamen alle politisch motivierten Umbenennungswellen des Nationalsozialismus, der DDR-Zeit und der Wendezeit nach 1990 überdauert. Denn Straßennamen dienen nicht nur der Orientierung, sie bilden in ihrer Gesamtheit und Benennungsgeschichte vielmehr auch ein öffentliches Stadtgedächtnis. Umbenennungen von Straßen sollten daher nur erwogen werden, wenn neuere wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über Handlungen der betroffenen Person vorgelegt werden, die einer öffentlichen Würdigung zweifelsfrei entgegenstehen, jedoch nicht, wenn Ansichten und Wertevorstellungen aus der Zeit der Benennung von heutigen Ansichten und Wertevorstellungen in Teilen abweichen. Es wird daher vorgeschlagen, den Namen der Arndtstraße trotz Kenntnis seiner Ansichten, die aus heutiger Sicht als nicht mehr zeitgemäß angesehen und abgelehnt werden, beizubehalten.“

Da man aber trotzdem annimmt, dass so mancher Passant mit dem Namen auf der Straßentafel nichts anzufangen weiß und sich wundert, schlägt das Verwaltungsdezernat vor: „An der Arndtstraße wird eine Erläuterungstafel zur Person Ernst Moritz Arndt angebracht.“

Dann sollte die Tafel aber auch ein bisschen länger ausfallen als üblich und erklären, warum die Straßenbenennungen in der Südvorstadt um 1870 so bismarckisch-national ausfielen, so kurz bevor auch die Sachsen im Schulterschluss mit den Preußen über die Franzosen herfielen.

Aus der Arndtstraße in der Südvorstadt sollte eine Hannah-Arendt-Straße werden

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