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Vermisst da jemand eine Bismarckstraße in Leipzig?

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    Ojemine! Wen haben die Leipziger da 2014 nur in den Stadtrat gewählt? Leute, die sich nicht mal in der eigenen Stadt auskennen. Oder wollten die 11.000 Wähler, die da ihre Kreuze bei der Alternative für Deutschland (AfD) gemacht hatten, nur wieder ein bisschen Spaß in die Bude bringen? Spaß mit Otto von Bismarck zum Beispiel?

    Den Mann haben die Mannen von der AfD auf ihr Fahnenschild gehoben. Großer deutscher Politiker, sehr patriotisch – zumindest, wenn man es aus preußischer Sicht betrachtet, kluger Stratege, ohne den es das deutsche Kaiserreich von 1871 nicht gegeben hätte. Am 1. April 2015 würde der schnauzbärtige einstige Kanzler des von ihm geschmiedeten Deutschen Reiches 200 Jahre alt werden. In den Buchhandlungen stapeln sich schon die Biografien.

    Und mindestens einer aus der vierköpfigen AfD-Fraktion, die seit Dezember im Leipziger Stadtrat sitzt, muss dabei so ein Wehmutsgefühl bekommen haben. Vielleicht nicht gerade nach dem schneidigen deutschen Kaiserreich, aber nach einem Mann von diesem Format.

    Viel unterwegs sein in Leipzig kann der Bursche nicht, sonst hätte er nicht am 6. März den Antrag für die Stadtverordnetenversammlung ins System gestellt: „200.Geburtstag Otto von Bismarck; Würdigung des maßgeblichen Schöpfers des ersten deutschen Nationalstaates durch Benennung einer geeigneten Straße oder eines geeigneten Platzes in Leipzig“.

    Darin wünscht die AfD-Fraktion: „Die Stadtverwaltung wird beauftragt, Otto von Bismarck in den diesbezüglichen städtischen Namensvorrat aufzunehmen und die zeitnahe Benennung, einer dem Namensgeber würdigen o.a. Örtlichkeit zu prüfen.“

    Und begründet es so: „Otto von Bismarck wurde am 1. April 1815 geboren. Er leitete als deutscher Reichskanzler politische Maßnahmen ein, aus denen sich wegweisende Modernisierungen Deutschlands entwickelten. So reagierte er z.B. auf die unsichere Lage vieler Arbeiterfamilien und führte erstmals eine gesetzliche Kranken-, Unfall- und Altersversicherung ein.

    Bismarcks diplomatische Beharrlichkeit bezüglich maßvoller Interessenausgleiche in Europa machen ihn zu einem Vorbild auch für heutige Politiker in aktueller Situation.“

    So etwas beantragt man wirklich nur, wenn man Leipzig nicht kennt.

    Leipzig hat bereits eine Bismarckstraße.

    Darum hat sich ab 1990 besonders die CDU-Fraktion gekümmert, die – ganz ähnlich wie die SPD – ein großes Interesse daran hatte, Persönlichkeiten aus der deutschen Geschichte (wieder) im Leipziger Stadtbild zu platzieren. Dazu gehörte neben Persönlichkeiten wie Ludwig Erhard, Friedrich Ebert und Konrad Adenauer auch Otto von Bismarck.

    Der war früher schon mal im Stadtbild präsent. Zum Beispiel mit einem Denkmal, das bis 1945 dort stand, wo heute das Clara-Zetkin-Denkmal steht. Die bekannteste nach ihm benannte Straße war die heutige Lassallestraße, schon 1873 nach ihm benannt – da lebte und regierte der Eiserne Kanzler noch und die Sachsen, die zuletzt 1866 gegen die Preußen verloren hatten, waren (zumindest was das konservative Bürgertum betrifft) binnen weniger Jahre überzeugte Bismarck- und Kaiserverehrer geworden. 1945 sah man das ein bisschen anders. Da machte man das preußische Säbelrasseln mitverantwortlich für zwei desaströse Weltkriege und räumte neben dem Rest des Bismarckdenkmals auch das pompöse Siegesdenkmal vom Markt ab. Und man benannte die Straße um, nicht nur die, die die Nazis zuvor umbenannt hatten.

    Dass ausgerechnet Bismarcks Widersacher Lassalle zum Nachfolger auf der Straße am Johannapark wurde, gehört ganz gewiss zu den schönsten Schelmenstreichen.

    In Lindenau hieß auch mal eine Straße nach Bismark, was dann nach der Eingemeindung von Lindenau 1891 die Orientierung etwas schwerer machte. Also wurde daraus die Kanzlerstraße (was immer noch den hochverehrten Reichskanzler meinte). Aber 1966 wurde daraus die Rudkowskystraße und 1991 die heutige Helmholtzstraße.

    Selbst die Gohliser hatten eine eigene Bismarckstraße, 1906 hatten sie dafür die Schönhausenstraße umbenannt (die freilich ebenfalls den alten Reichskanzler gemeint hatte, denn in Schönhausen wurde Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen am 1. April 1815) geboren. Wobei die Quellen sich wiedersprechen: Wahrscheinlich war es sogar umgekehrt und aus der Bismarckstraße wurde 1906 die Schönhausenstraße. Den Namen wurde die Straße aber 1949 los: Seitdem trägt sie den Namen des ehemaligen LVZ-Redakteurs Fritz Seger. Was übrigens die LVZ am 30. September 1949 stolz vermeldete aus der Leipziger Stadtverordnetenversammlung: „Weiter wurde beschlossen, die Schönhausenstraße zum Gedenken an den ersten sozialistischen Stadtverordnetenvorsteher Leipzigs in Friedrich-Seger-Straße umzubenennen. Die Fraktion der LDP hielt es dabei für notwendig, sich in einer längeren Debatte darüber auszulassen, daß die Schönhausenstraße seinerzeit nach Otto von Bismarck benannt worden sei.“

    Sozialistisch klingt jetzt nach SED. Aber Mitglied der SED war Seger nie: Er war von 1911 bis 1928 Stadtverordneter der SPD. 1928 ist er gestorben.

    Aber auch die Leutzscher waren große Bismarckverehrer und hatten eine Straße mit seinem Namen – die wurde dann der Übersicht halber 1928 schon umbenannt in Baumgarten-Crusius-Straße. Und auch die ehemalige Entsbergerstraße in Böhlitz-Ehrenberg hieß mal nach Bismarck. Alles Dinge, die man im fleißig geführten Leipzig-Lexikon von André Loh-Kliesch nachlesen kann.

    Seit 1966 gab es in Leipzig also keine Straße mehr, die an den alten Reichskanzler erinnerte. Seit 1991 aber schon. Da wurde mal ein anderer seine Straße los: Heinrich Rau. Der hatte mit Leipzig wirklich nichts zu tun. Er war in der DDR Vorsitzender der Staatlichen Plankommission und 1953 bis 1955 Minister für Maschinenbau und 1955 bis 1961, bis zu seinem Tod,  Minister für Außenhandel und Innerdeutschen Handel.

    Aus der Heinrich-Rau-Straße in Großzschocher wurde 1991 die neue Bismarckstraße.

    Der Rest steht in § 5, Absatz IV der Sächsischen Gemeindeordnung (SächsGemO): „Die Benennung der Gemeindeteile sowie der innerhalb der bebauten Gemeindeteile dem öffentlichen Verkehr dienenden Straßen, Wege, Plätze und Brücken ist Angelegenheit der Gemeinden. Gleichlautende Benennungen innerhalb des selben Gemeindeteils sind unzulässig.“

    Und noch eine Ergänzung von L-IZ-Leser Andreas Wust: „Nach Friedrich Ebert musste nach 1990 keine Straße neu benannt und (wieder) im Stadtbild platziert werden – in Leipzig gibt es seit Jahrzehnten, m. E. seit 1945 (Genaueres siehe Straßenlexikon der Stadt Leipzig, hrsg. in den 1990er Jahren) eine Friedrich-Ebert-Straße (die ehemalige Weststraße).“

    Vorher hieß die Friedrich-Ebert-Straße Hindenburgstraße.  Da konnte man 1945 natürlich so nicht stehen lassen

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      2 KOMMENTARE

      1. Typisch Rechtsaußen! Schaumschlägerei ohne Hirn und Verstand! Sollten ihre Sitzungsgelder in eine Stadtrundfahrt und einen Anleitungskurs für das Internet inverstieren. Dann sind sie veilleicht in derLage über Google die Leipziger Straßen zu erkennen und einzelne davon zu finden-

      2. Na, da lässt doch die Gemeineordnung noch genügend Spielraum. Wenn es schon eine „Bismarckstraße“ gibt, könnte man ja immer noch eine „Reichskanzler-Bismarck-Straße“ oder eine „Fürst-Bismarck-Straße“ benennen, das wäre dann ja nicht „gleichlautend“, oder!? Getreu dem Motto: „Es ist alles schon gesagt (gefordert), aber noch lange nicht von jedem!“

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