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Betreutes Wählen: Wahlwerbung kann Spaß machen, ist aber dennoch vollkommen sinnlos

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    Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 70, seit 23. August im HandelWie ein Albtraum. Plakate über Plakate. Drei oder auch fünf Stück übereinander, bis der Laternenmast einfach keinen Platz mehr bietet. Lächelnde oder mit aller Kraft seriös wirkende Gesichter. Je konservativer die Partei, desto männlicher der Kandidat. Ein paar Satzfetzen, Schlagwörter, Parolen. Dazu natürlich Parteinamen. Alle buhlen sie um meine Aufmerksamkeit. Und wenn ich durch die Stadt radele, kann ich danach nicht behaupten, ich hätte keine Wahlplakate wahrgenommen.

    Nein, ganz im Gegenteil, ich lache sogar auch mal lauthals über das, was sich mir da mitunter aufdrängt. Zum Glück für unsere Möchtegern-Volksvertreter hat die wissenschaftliche Forschung bislang gezeigt, dass Wahlplakate ziemlich genau null Einfluss haben. Denn manches ist regelrecht Antiwerbung, vor allem die Text- beziehungsweise Themenplakate.

    Ich fange mal mit dem Buchstabensalat der Linken an. BEHU-TSAM-KEIT. Ich weiß, falsches Trennen am Zeilenende ist modern, regelrecht hipp. Und natürlich muss der Trennstrich fehlen. Aber wer soll das entziffern? Der Schriftzug ist außerdem mehrfach überdeckt. Der Platz auf dem Plakat wirkt viel zu knapp.

    Vielleicht haben einige Buchstaben einfach nicht mehr draufgepasst, und mit ihnen kam der Sinn abhanden?! Großbuchstaben sind ohnehin deutlich schwerer zu erkennen als in korrekter Schreibweise. Ein Autofahrer hat also keine Chance, die Botschaft im Vorbeifahren zu entschlüsseln.

    Aber vielleicht soll hier nur ganz subtil Neugierde geweckt werden? Gibt es vielleicht mehr Unfälle in Wahlplakatnähe? Oder stieren alle wie gebannt auf das Lächeln der größeren Aufsteller an Kreuzungen und vergessen bei Grün loszufahren?

    Meine Aufmerksamkeit hat die FDP gewonnen. Schwarz-Weiß-Fotos sowie Politikerinnen und Politiker, die partout nicht in die Kamera gucken, fallen eben auf. Und um dieses nebulöse Zitat für den FDP-Mann zu lesen, verrenkte ich mir fast den Hals. Respekt. Da es eine geheime Wahl ist, darf ich jetzt nicht verraten, dass ich die FDP trotzdem nicht wählen werde.

    Eine gelungene Optik der Wahlplakate ersetzt eben nicht überzeugende politische Inhalte. Denn keine 100 Meter später fordert ein anderes Plakat der Liberalen „Schlaue Köpfe brauchen Unterricht“. Das meinen die bestimmt ernst, ist nur leider völlig falsch. Denn die dummen Köpfe haben Unterricht noch viel nötiger. Und wenn schon, denn schon: Alle Kindsköpfe brauchen Unterricht. Sonst wäre ich ja auf die Hoffnung angewiesen, dass meine Kinder schlau genug sind, um überhaupt Unterricht zu bekommen.

    Da machen es die anderen echten, weil größeren Volksparteien eindeutig besser, indem sie eher vage assoziieren. Mit positiven Prädikaten und überzeugenden Werten: „Starke Wirtschaft. Gute Arbeit“. Das Stückl heile Welt verlangt noch nach Familie, Wohlstand, Sicherheit. Wenn eines Tages Chips in den Wahlplakaten Wohlfühl-Schlager, Klassische oder Volksmusik dudeln, dann ist die Idylle perfekt. Wählen wir doch einfach die freundlichen Halbgötter in bunt! Oder sind es doch nur Sirenen?

    Nur ist die Realität eine andere. Und das Wahlvolk besteht nicht nur aus treuen Stammwählerinnen und Stammwählern, die mit Wahlwerbung weichgespült werden könnten, damit sie zur Wahl gehen und das richtige Kreuz machen. Zumal im Osten. Schon seit der ersten freien Wahl 1990 tappt die Wahlforschung hier regelmäßig im Dunkeln.

    Zuerst wählten die Linken rechts, also Kohl. Dann regierte der Wechsel in Anhalt, Brandenburg und Meck-Pomm. Das CDU-Land Thüringen ist mittlerweile linksregiert. Notorische, undankbare oder unverständliche Protestwähler? Ich finde eher kassandramäßige Stimmungsseismographen.

    Die Grünen haben es nicht ohne Grund etwas leichter. Ebenso die AfD. Habeck und Co. weigern sich auch standhaft einzugestehen, dass sie eine Volkspartei sind. Sie sind zwar weitgehend entradikalisiert, jedoch mit Umweltthemen immer noch leicht gegen den Mainstream. Und weil es vor Klimawandel, Energiewende und Mikroplastik zurzeit kein Entrinnen gibt, stehen die Zeichen gegen das politische Establishment. Es sollte ohnehin nicht reichen, immer erst zum Ende einer Legislaturperiode um des Volkes Sympathie zu buhlen.

    Also Wandel, Veränderung, sich vom Gewohnten verabschieden? Das können wir konservativen Deutschen zwar mehrheitlich nicht so doll gut. Nur dass das ewige „Weiter so“ trotzdem fertig zu haben scheint, sonst liegen Holland und Hamburg bald unter Wasser und London hat das Wetter von Barcelona, wie Forscher aus Zürich hübsch ausrechneten und illustrierten.

    Das bekräftigt ja auch die AfD. Nicht den Klimawandel, wiewohl das Dagegensein. Egal wie feindselig und plump deren Parolen sind – der Historiker Hubertus Knabe hat kürzlich nett beschrieben, weshalb das politische System aus Ostsicht mit dem Einheitsblock der DDR verglichen werden kann: Es verändert und bewegt sich einfach nicht. Auch wenn es das sollte. Und wenn jemand Angst hat, seine Meinung zu sagen und öffentlich ein Blatt vor den Mund nimmt, wenn demokratische Werte nicht per se als Heilsbringer gefeiert werden, dann nenne ich das eine politische Krise. Und die AfD mit ihren Wahlerfolgen ist ihr Indikator, nicht ihre Ursache.

    Also ich möchte meine Stimme am liebsten gar nicht abgeben. Weil ohne wäre ich ja sprachlos. Als ich das Leipziger Stadtzentrum etwas verließ, machten sich die AfD-Plakate deutlich breiter. Und da war ich unvermittelt auch komplett sprachlos: „Bunte Vielfalt haben wir schon“. Das untermalten drei Frauen auf dem Foto in jahrhundertealten Trachten, die so unmöglich aussahen – ohne Worte.

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