Was wir heute in Leipzigs Stadtquartieren sehen, ist fast alles Wildwuchs, zusammengeschustert in Jahrzehnten, in denen umweltfreundliche Verkehrsarten den Planern herzlich egal waren und sie einzig nur die Beschleunigung des motorisierten Individualverkehrs (MIV) im Kopf hatten. Und haben. Drei Maßnahmen im neuen Energie- und Klimaschutzprogramm erzählen davon, dass sich das vielleicht mit dem Doppelhaushalt 2023/2024 ändern könnte.

Denn spätestens seit der Diskussion um den Nahverkehrsplan 2019 dürfte zumindest einigen Menschen im Verkehrs- und Tiefbauamt (VTA) klargeworden sein, dass das alte Planen fürs Auto nicht nur seine Grenzen erreicht hat, sondern gewaltig schiefgegangen ist.

(Das ist die Stelle, an der alle aufgebrachten Automobilisten wütend aufspringen und ihre Kommentare losschießen dürfen. Es nützt nur nichts. Das übermotorisierte Fahrvehikel ist ein Fossil und trägt in nichts zur Lösung der Mobilitätsprobleme in der Großstadt bei. Ja. Jetzt. Sie dürfen.)

Das wird in Maßnahme Nr. IV.16 „Entwicklung und Umsetzung stadtteil- und quartiersbezogener Mobilitätskonzepte“ im EKSP deutlich.

Mobilitätskonzepte für jedes Quartier

Die gibt es tatsächlich noch nicht. Auch Leipzigs Verkehrsplaner haben die Mobilität in Leipzig immer nur in Ring- und Tangentensystemen betrachtet.

Ohnmächtig standen die Planer unter Baubürgermeister Engelbert Lütke Daldrup dem Phänomen gegenüber, dass sich die Leipziger ab 1991 wie blöde Autos kauften und immer mehr Autos auf Leipzigs Straßen etwas erzeugten, was es vorher nicht gegeben hatte: Stau, Gedrängel, überlastete Kreuzungen und nach und nach eine Parkplatznot, die längst zum Parkchaos geworden ist.

Und deshalb galt ab 1996 die Devise: mehr Platz für Autos. Obwohl Mobilitätsforscher längst gezeigt hatten, dass mehr Straßen, mehr Fahrbahnen, mehr Parkplätze nur eines mit sich bringen: noch mehr Autos und noch mehr Stau. Der Mensch ist so. Er begreift nicht mal, dass er selbst der Stau ist. Und fährt trotzdem wie alle anderen Autofahrer auf derselben Autobahn am selben Tag in die Ferien.

Doch das Ring- und Tangentensystem wird immer wieder dann als Mutter aller Lösungen aus der Kiste geholt, wenn irgendwo scheinbar wieder zu wenig Platz für eilige Autofahrer ist.

Aber der Autofahrer wird ja nicht mit Untersatz geboren. Er wird als Krabbler geboren und lernt irgendwann auf zwei Beinen zu laufen. Und ist nicht nur in der afrikanischen Savanne, sondern auch in der Großstadt sehr wohl in der Lage, richtig lange Strecken zu Fuß zurückzulegen.

Jeder Arzt wird bestätigen, dass das gesünder ist als das Sitzen im Auto. Und jeder, der Kopfarbeit leistet, weiß, dass das sogar dem Gehirn guttut, da wird es nämlich besser durchblutet.

Nur: Am Zufußlaufen wird man in Leipzigs Straßen meist genauso gnadenlos gehindert und behindert wie am Radfahren. Manche Wohnquartiere sind nur aufs Auto zugeschnitten.

Mit verheerenden Folgen. Unter anderem: fehlenden Angeboten im ÖPNV und fehlenden sicheren Radwegen, Ampelkreuzungen, die nur für den Kraftverkehr geschaltet sind, unzumutbaren Fußgängerinseln. Von zugeparkten Kreuzungen, Rad- und Fußwegen ganz zu schweigen.

Wie verändert man Mobilitätsverhalten?

Der Blick in die meisten Wohnquartiere zeigt: Leipzig hat ein schlecht verwaltetes Mobilitätschaos. Unzumutbar insbesondere für schwächere Verkehrsteilnehmer wie Ältere, Kinder, Rolli-Fahrer/-innen, Eltern mit Kinderwagen, Radfahrende usw.

Und so lautet der erstaunliche Inhalt von Maßnahme Nr. IV.16: „Ein Mobilitätskonzept hat das Ziel, Personen zu einer Änderung ihres Mobilitätsverhaltens zu bewegen. Die Nutzung nachhaltiger und aktiver Verkehrsarten wie Rad und Fuß sowie der ÖPNV sollen gestärkt werden. Dies führt nicht nur zur Einsparung von Treibhausgasen, sondern durch die Neuordnung und Erhöhung der Qualität des öffentlichen Raums zur Entsiegelung von Flächen.“

Und zwar quartiersbezogen, da, wo die Menschen wohnen und ihre täglichen Wege gehen, laufen oder fahren.

Und nicht nur saubere Luft und mehr Aufenthaltsqualität wollen die Planer hier erreichen, sondern auch: „Die Maßnahme steigert die Lebensqualität und fördert die Gesundheit durch eine aktivere Lebensweise.“

Erstaunlich, aber Leipzigs Verkehrsplaner machen sich so langsam tatsächlich Sorgen um die Gesundheit der Leipziger. Es tut sich was. Wahrscheinlich nicht schnell genug. Noch ist das nicht verinnerlicht. Man denke nur an die Stadtratsdiskussion zum Umbau der Shakespearestraße.

Aber jeder kann sich sein Wohnquartier anschauen und wird ganz schnell merken, an wie vielen Stellen ihm als Fußgänger oder Radfahrer der Weg verbaut ist, er warten muss, ausgebremst wird oder so an den Rand gedrängt, dass er froh sein muss, überhaupt heil durchzukommen.

Schon rund um jeden Supermarkt wird jeder mehrere solcher Stellen finden, die Autofahrer gar nicht wahrnehmen, wenn sie mit ihrem Mobil königlich vorfahren.

Konzepte müssen her

Die Maßnahme verspricht freilich noch nicht, dass das schnell anders wird.

Als Einzelmaßnahmen listet das Papier auf:

Entwicklung eines Leitfadens zur Erstellung von Mobilitätskonzepten, inkl. Bewertungsmatrix
Erstellung von Konzepten
Umsetzung der Maßnahmen
Evaluation/Controlling nach Umsetzung

Schon das wird dauern. Obwohl einem jeder Blick aus dem Fenster sagt, dass es solche Konzepte längst geben müsste. Es gibt aber noch keines. Kein einziges.

Weshalb der Maßnahmenplan erst einmal Gelder zur Entwicklung dieser Konzepte vorsieht: 200.000 Euro pro Jahr ab 2023.

Die Umsetzung wird dann noch einmal teurer, weil das nicht nur bauliche Veränderungen braucht, völlig andere Stellplatzorganisation, andere Ampelschaltungen und mehr barrierefreien ÖPNV. Es braucht auch mehr Fahrradstraßen, mehr Tempobegrenzungen, und vor allem ein völlig anderes Denken der Quartiersbewohner über das, was man sich unter „Straße“ vorstellt.

Und unter ÖPNV, der ja jetzt oft nur wie ein Alibi am Rand mancher Quartiere auftaucht. Zum ÖPNV gibt es auch ein paar schöne Ideen, ihn spürbar besser zu machen. Dazu gleich mehr.

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