Wenn es um die verschiedenen Verkehrsarten in Leipzig geht, werden auch nur zu gern immer wieder die älteren Leipziger als Beispiel angeführt, die irgendwie nicht ohne Pkw ihren Alltag bewältigen können. Aber wie so oft bei pauschalen Urteilen stimmt auch dieses in seiner Unbedingtheit nicht. Ein spezielles Kapitel im Bericht zur Bürgerumfrage 2024 macht das deutlicher. Denn einiges deutet darauf hin, dass es eher die Verfügbarkeit des Autos ist, die dazu führt, dass es häufiger genutzt wird. Auch für Mini-Strecken.

Auch wenn natürlich Radfahren tatsächlich eher etwas für die Jüngeren ist, wie der Bericht zur Bürgerumfrage feststellt: „Auch das Alter einer Person scheint davon unabhängig eine relevante differenzierende Variable zu sein. Im Alter von 25 bis 34 Jahren ist der Anteil der Personen, für die das Fahrradfahren die beste Fortbewegungsmethode ist, am höchsten.

In dieser Altersgruppe sind es besonders die Personen ohne Kinder im Haushalt, für die das Fahrradfahren die beste Fortbewegungsform ist: 64 Prozent geben hier ‚trifft voll und ganz zu‘ oder ‚trifft eher zu‘ an, in der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen mit Kindern im Haushalt sind es im Gegensatz dazu nur 51 Prozent. Mit zunehmendem Alter sinkt die Zustimmung zu dieser Aussage in der Gesamtstichprobe kontinuierlich (mit Ausnahme der 65- bis 74-Jährigen) ab. Auch bei 18- bis 24-Jährigen fällt die Zustimmung vergleichsweise geringer aus.“

Wann Leipziger auch kürzere Strecken mit dem Pkw fahren. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024
Wann Leipziger auch kürzere Strecken mit dem Pkw fahren. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024

Aber wer auf die Aussagen der 65- bis 74-Jährigen schaut, sieht, dass für 40 Prozent das Radfahren nach wie vor eine Option ist. Und auch bei den 75- bis 85-Jährigen sind es noch 29 Prozent, die das noch sagen. Was ja wohl bedeutet: So lange der Körper noch fit ist, bleibt auch das Radfahren eine Option. Wobei sich die Werte der 65- bis 75-Jährigen gar nicht so sehr von den Kohorten ab 45 Jahren unterscheiden.

Was eben auch darauf hindeutet, dass vor allem das Vorhandensein eines Automobils bestimmt, ob die Befragten dann doch lieber das Fahrrad nutzen oder selbst kürzeste Wege mit dem Pkw zurücklegen, auch wenn sie noch nicht alt und gebrechlich sind.

Eine Frage der Gewohnheit

Das wird bei der Frage zu den Kurzstrecken mit Auto deutlich: „Dass eine Person angibt, auch Strecken von weniger als 2 Kilometern mit dem Pkw zurückzulegen, wird tendenziell mit zunehmendem Alter wahrscheinlicher. Bei 18 bis 24 Jahren sind es 14 Prozent, die eine zustimmende Antwort geben. Dieser Anteil nimmt über die Altersgruppen bis hin zu der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen mit 30 Prozent zu und bleibt auch in höheren Altersgruppen im Wesentlichen unverändert.

Dass eine bestimmte Mobilitätsform als beste oder auch für kurze Wege gewählt wird, ist also auch eine Frage des Alters (und wohl auch der damit einhergehenden Veränderung in körperlichen Voraussetzungen)“, schreiben die Autoren des Berichts. Ergänzen aber auch: „Womöglich sind es auch Generationsunterschiede, die sich in den verschiedenen Altersgruppen mitverbergen, welche das Antwortverhalten in diesem Fall beeinflussen. Personen aus einer bestimmten Geburtskohorte könnten dann etwa generell kürzere Strecken mit dem Pkw (nicht) zurücklegen, unabhängig davon, wie alt sie sind.“

Dass man es hier vor allem mit einer Gewohnheit zu tun hat, wird an anderer Stelle noch deutlicher: „Insgesamt geben 77 Prozent der Leipzigerinnen und Leipziger an, dass es eher nicht oder überhaupt nicht auf sie zutrifft, auch kürzere Strecken von weniger als 2 Kilometern mit dem Pkw zu fahren.

Auf nur 9 Prozent trifft dies voll und ganz zu. Je regelmäßiger die Personen Fahrrad fahren oder den ÖPNV nutzen, desto geringer fällt die Zustimmung zu dieser Aussage aus: Bei seltener Fahrradnutzung geben beispielsweise 13 Prozent ‚trifft voll und ganz zu‘ an, bei häufiger Fahrradnutzung nur 1 Prozent; bei seltener ÖPNV-Nutzung sind es 15 Prozent, bei häufiger Nutzung 2 Prozent.“

Was ja nun einmal heißt: Wenn man gewohnt ist, für seinen Alltag das Auto zu nutzen, wird es auch genommen, selbst bei kurzen Strecken, auf denen man zu Fuß oder mit dem Fahrrad ebenso gut ans Ziel käme.

Das merkt auch der Bericht an: „Umgekehrt verhält es sich mit dem Nutzungsverhalten von Autos: Bei einer seltenen Autonutzung geben 7 Prozent an, dass es eher oder voll und ganz auf sie zutrifft, auch kürzere Strecken mit dem Pkw zurückzulegen. Dem gegenüber sind es in der Gruppe der Personen mit häufiger Autonutzung 64 Prozent.

Deutlich wird somit, dass die Leipzigerinnen und Leipziger, die im Generellen rege Auto fahren, einen Pkw auch für solche Distanzen nutzen, die in der Regel auch mit anderen Verkehrsmittelarten zurückgelegt werden können. Autofahren wird dann also generalisiert als Fortbewegungsmittel genutzt.“

So drücken sich Statistiker aus. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und wenn er sich erst einmal daran gewöhnt hat. Für jede Besorgung das Auto zu nehmen, dann hält er diese Gewohnheit auch bis ins höhere Alter bei, auch auf dafür eigentlich viel zu kurzen Strecken. Während Leipziger, die eher an Fahrrad und ÖPNV gewöhnt sind, das Auto eher in Ausnahmen nutzen.

Aggressivität im Straßenverkehr

Und es wird noch schöner. Denn die Art der gewohnten Mobilität prägt den Blick auf die anderen Verkehrsteilnehmer.

Wahrnehmung von Aggressivität im Straßenverkehr. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024
Wahrnehmung von Aggressivität im Straßenverkehr. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2024

„Dennoch ist auffällig, dass die Menschen in Leipzig bei der Nutzung eines bestimmten Verkehrsmittels regelmäßig aggressives oder sicherheitskritisches Verhalten von bestimmten anderen Verkehrsteilnahmegruppen wahrnehmen“, liest man im Bericht.

„Sind die Leipzigerinnen und Leipziger mit dem Auto unterwegs, werden bei solchen kritischen Verhaltensweisen mit 46 beziehungsweise 44 Prozent rad- und autofahrende Personen genannt. Im Fahrradverkehr werden Autofahrerinnen und Autofahrer von 46 Prozent der befragen Personen als Verkehrsteilnehmende mit problematischem Verhalten benannt, gefolgt von Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrern mit 31 Prozent.

Wenn die Leipzigerinnen und Leipziger zu Fuß unterwegs sind, dann sind es besonders Personen auf dem Fahrrad (51 Prozent) und im Auto (34 Prozent), deren Verkehrsverhalten negativ wahrgenommen wird. Die Verkehrsform, bei der am häufigsten kein aggressives oder sicherheitskritisches Verhalten anderer berichtet wird, ist der Fußverkehr (17 Prozent).

Fußgängerinnen und Fußgänger werden insbesondere von Fahrradfahrenden negativ wahrgenommen (15 Prozent). In keiner Mobilitätsform werden Bus- und Tramverkehr mehr als selten als aggressiv oder sicherheitskritisch bezeichnet.“

Wobei die Antworten eben auch deutlich machen, dass die Probleme eben auch im oft unübersichtlichen Straßenraum liegen und eine Entflechtung der Verkehrsarten die Konflikte mindern kann.

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