Durch die Neuentwicklung von modernen Haushaltsgeräten steigt der Strombedarf beständig – für neue Küchengeräte, Heimelektronik, Elektrofahrzeuge (E-Autos oder E‑Bikes) oder neue Heizungsanlagen mit Wärmepumpen –, obgleich viele dieser Geräte gegenüber früheren Geräten effizienter arbeiten und weniger Strom verbrauchen. Mit der Computerisierung und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz brauchen wir ebenfalls immer mehr Strom, statt den Energieeinsatz zu reduzieren.
Zur Stromerzeugung sind wir immer noch neben der Nutzung von Erneuerbaren Energien auch noch auf Erdöl, Erdgas und LNG-Gas angewiesen und bei den fossilen Energien fast zu 100 Prozent von Importen abhängig. Diese Importe kommen leider zum geringsten Teil aus befreundeten oder demokratisch orientierten Staaten.
Die Erneuerbaren Energien (EE) aus Windkraft und von Solaranlagen können wir zum großen Teil hier im eigenen Land in ausreichenden Mengen erzeugen, wenn die Sonne scheint und der Wind weht. Dieser zu bestimmten Zeiten durch die EE produzierte überschüssige Strom muss dann großflächig verteilt und möglichst zwischengespeichert werden für Zeiten, wenn wenig Energie erzeugt werden kann.
Um diese energiearmen Zeiten zu überbrücken, so die Vorschläge vom Bundeswirtschaftsministerium, sollen in den nächsten 5 bis 10 Jahren vorerst Gaskraftwerke mit 12 Gigawatt Leistung aufgebaut werden. Und um noch mehr als Grundlast verfügbaren Strom erzeugen zu können, wird in Kreisen der schwarz-roten Koalition zunehmend wieder über die Nutzung von Atomkraft diskutiert. Was wollen diese Neudenker also eigentlich?
Der falsche Traum von Mini-Atomkraftwerken
Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer wünscht sich in der Energiepolitik keine Denkverbote und ideologische Scheuklappen.
Es wäre wünschenswert, wenn er als MP mit gutem Beispiel vorangehen würde. Er meinte: „Wenn Mini-Atomkraftwerke sicher, wirtschaftlich und klimafreundlich sind, dann sollten wir sie ernsthaft prüfen”. Soll diese Aussage nicht nur populistisch sein, sondern ernst gemeint, dann würde er auch die Kehrseite der Atomkraft mitbenennen. Oder auch die Kehrseite der Braunkohlenutzung benennen durch Tagebauaufschlüsse, CO₂-Belastung und fehlendes Wasserdargebot.
Bei Mini-Atomkraftwerken (Small Modular Reactors-SMR) gibt es derzeit weltweit nur Versuchs- bzw. Testreaktoren oder Visionen.
Die Zahlen aus dem aktuellen Weltstatusbericht zur Nuclear Industry stützen das Versprechen der Mini-AKWs bislang nicht. In der gesamten westlichen Welt ist derzeit kein einziger SMR im Bau. Nur in China und Russland laufen je zwei SMR-Module. Selbst dort sei unklar, wie gut sie funktionieren, sagt Mycle Schneider, unabhängiger Berater und Hauptautor des Weltstatusberichts zur Nuclear Industry. Viele Projekte seien bislang vor allem „Powerpoint-Reaktoren“, also Vorhaben auf dem Papier.
Laut Christian Kühn, Präsident des BASE, ist die Wettbewerbsfähigkeit der Mini-AKWs bei der Stromproduktion weltweit bisher nicht gegeben. Dazu kämen große finanzielle und sicherheitliche Fragezeichen. Denn auch kleine Reaktoren bergen Risiken. Derzeit sprächen „wirtschaftliche Erwägungen eher gegen eine weite Verbreitung von SMRs“, so die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit.
Erneuerbare sind schneller
Selbst in den USA ist nur ein SMR im Bau, der seit gut einem Jahr errichtet wird und dessen geplante Eröffnung von 2028 auf 2030 verschoben werden musste.
In einem Artikel der LVZ vom 20.03.2026 „Ernsthaft prüfen“ wurde mitgeteilt, dass der tschechische Energieversorger „CEZ” den Bau eines Atomkraftwerkes in Tusimice vorbereitet, das frühestens in 10 Jahren fertig sein könnte. Das wäre dann, mal abgesehen von den Kosten, etwa im Jahr 2036!
In diesen 10 Jahren könnten wir auch mit deutscher Initiative und Engagement die Erneuerbaren Energien und die Stromnetze weiter ausbauen und effizienter gestalten, durch etwa:
– Genehmigungen für den Netzausbau drastisch vereinfachen und standardisieren,
– bei den bestehenden und zukünftigen Umspannwerken die Netzanschlusspunkte zu überbauen ermöglichen (NVP-Überbauung): Mehr Anlagen an bestehende Netze anschließen – mit flexibler Einspeisung,
– die Stromeinspeisung flexibilisieren: Strom bei Engpässen lokal speichern statt abregeln, verstärkter Ausbau der Stromspeicherkapazitäten,
Freileitungen besser auslasten: Monitoring kann Kapazität um bis zu 50 % erhöhen. Auch intelligente Ortsnetzstationen einsetzen: Echtzeit-Steuerung verbessert Netzauslastung,
– Redispatch-Kosten von Windkraftanlagen in den Wettbewerb überführen: Netzbetreiber stärker zu Effizienz verpflichten,
– Netze digitalisieren (schneller und mehr Smart Meter einsetzen): die Grundlage schaffen für dynamische Tarife und effiziente Steuerung,
– „Strom Nutzen statt Abregeln“ reformieren: Erneuerbaren Strom besser verwerten, anstatt wie Frau Reiche launisch meinte, Strom „wegwerfen“,
– Direktlieferverträge erleichtern: Weniger Bürokratie bei Stromlieferungen zwischen Erzeugern und Industrie,
– Netzentgelte anpassen: Netzdienliches Verhalten belohnen oder
– die Elektrolyse von Wasserstoff in den Griff bekommen und ausbauen.
Atomkraft auch als Mini-AKW bleibt eine Hochrisikotechnologie
Kernkraftbefürworter argumentieren oft damit, dass Atomkraft eine Versorgungssicherheit bieten könne, die erneuerbare Energien allein bisher nicht immer gewährleisteten. Denn Wind- und Solarstrom hängen vom Wetter ab, und große Speicherkapazitäten stehen bislang noch nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung.
Kernkraft verursacht bei der Stromerzeugung selbst zwar kein direktes CO₂ wie fossile Kraftwerke, ist aber trotzdem nicht emissionsfrei. Laut Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) entstehen Emissionen zum Beispiel beim Uranabbau, bei Transporten, beim Bau und Rückbau von Kraftwerken sowie bei Lagerung und Entsorgung.
Vor allem bleibt Kernkraft eine Hochrisikotechnologie: Unfälle lassen sich nie ganz ausschließen und radioaktive Stoffe können Umwelt und Grundwasser auf lange Zeit belasten. Hinzu kommt hochradioaktiver Abfall, für den es in Deutschland bis heute kein Endlager gibt. Auch der Uranabbau belastet Mensch und Umwelt.
Auch bei den europäischen Atomkraftwerken zieht sich gerade das Symptom der ständigen Bauzeitverlängerung und Kostenexplosion seit vielen Jahren durch – seien es die beiden Neubau-AKWs in Großbritannien oder in Finnland – mit Bauzeiten von 10 bis Jahren und einer Verdopplung der Baukosten um viele Millionen Euro.
Die Stromkosten aus AKWs können nur durch die massive Subventionierung der Baukosten für AKWs auf einigermaßen erträglichem Preisniveau gehalten werden. Im DIW Wochenbericht wird vermerkt: „Entgegen ursprünglicher Erwartungen ist der Bau von Kernkraftwerken über die Jahrzehnte nicht günstiger geworden, vielmehr stiegen die Kosten (pro Kilowatt (kW) Leistung) kontinuierlich an.”
Es bestehen viele Fragen zum Thema: Wo und wie sollen die radioaktiven Rückstände der AKWs für tausende Jahre sicher entsorgt werden? Wir haben in Deutschland heute nach 20 Jahren noch kein Konzept für ein Atommülllager und es soll noch einmal so lange dauern, bis ein schlüssiges Konzept Bestand hat. Mal ganz abgesehen von den Bauzeiten und Kosten für ein Atommüll-Endlager für und in Deutschland.
Woher soll das Uran für die AKWs kommen – aus Russland oder Kasachstan oder Niger? Wollen wir in Deutschland wieder derartige unsichere und fragwürdige Abhängigkeiten?
Können die Atomkraftbefürworter nicht rechnen?
Aus der aktuellen Entwicklung ergeben sich weitere Fragen: Wenn die Atomkraft für einige Politiker so interessant ist, warum will keiner der großen internationalen Versicherungsunternehmen die Risiken für den Bau von SMR oder gar großen AKWs übernehmen? Warum will die EU die Entwicklung dieser Reaktoren mit 200 Millionen Euro absichern? Wo sind denn die Investoren, die so fest an die Zukunft dieser angeblich so fortschrittlichen Energieform glauben, dass sie ernsthaft Kapital riskieren?
In den USA leitete Allison Macfarlane von 2012 bis 2014 die für die Sicherheit der US-Kraftwerke zuständige Nuclear Regulatory Commission – „Projektbetreiber behaupten, dass SMR billiger seien“, sagt sie, „aber der Hauptgrund, warum weltweit große AKW laufen, ist, dass ein großer Reaktor einfacher und preiswerter zu bauen ist als als zehn kleine Reaktoren, die zusammen die gleiche Leistung liefern.“
Auch die Rekonstruktion oder Erneuerung von bestehenden AKW ist keine Alternative, da diese AKW auf den neuesten technisch-technologischen Stand gebracht werden müssten, was unheimlich kompliziert wäre, manchmal gar nicht mehr möglich wäre und zudem mindestens genauso teuer wäre wie ein Neubau.
AKW sind Megaprojekte, höchst komplexe, einzigartige Anlagen mit sehr großem Koordinierungsbedarf zwischen allen Beteiligten. Die technischen und Sicherheitsanforderungen werden immer umfassender, denn die Sicherheitsrisiken durch Erdbeben oder Überschwemmungen sind zu berücksichtigen und die Bedrohung von außen nimmt ständig zu. Zum einen die Bedrohung durch Computerfremdeingriffe, zum anderen die Verletzbarkeit durch Drohneneinsätze, gezielte Anschläge oder Bombardierungen. Die technischen Anforderungen und Standards für das eingesetzte Material, den hochwertigen Stahl und die Mengen an qualitätsgerechten Beton und die Verarbeitung werden immer höher. Damit steigt auch die CO₂-Belastung.
Auf die lange Bank
Das führt immer wieder zu Umplanungen, zu terminlichen Verzögerungen und unerwarteten Kostensteigerungen, zu Bauzeiten von 15 bis 20 Jahren und länger und zur Kostenexplosion. Das heißt, wenn man jetzt beginnt zu planen, würde ein großes AKW erst ca. nach 2050 zur Verfügung stehen und ein SMR auch erst 2045–2050. Bleibt nur noch die Frage, ob sich ein Gedanke daran überhaupt noch lohnt? Wer will hierbei wen auf die lange Bank schieben? Wer ist technologieoffen und versucht, schnelle, sozial verträgliche und kostengünstige Lösungen zu finden?
Durch die schwarz-rote Koalition wird kein Signal zur energetischen Stabilisierung und Kontinuität ausgesendet. Zum einen wird durch das Wirtschaftsministerium der Ausbau der Erneuerbaren Energien durch Änderungen beim Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) und bei den Änderungen zum Gebäudemodernisierungsgesetz ausgebremst. Zum anderen will sich die Bundesregierung mit dem Klimaschutzprogramm 2026 mit 67 Maßnahmen für mehr Windräder, Mischwälder und klimafreundlichere Kraftstoffe einsetzen.
Dabei benutzt man alte Datengrundlagen von vor einem Jahr. Und die vorgesehenen Gesetzesänderungen durch das Wirtschaftsministerium sind in diesem Klimaschutzprogramm noch gar nicht mit einberechnet.
Aber allein schon die Einführung der Maßnahmen aus dem Netzpaket von Wirtschaftsministerin Reiche würde den Ausbau der Erneuerbaren Energien massiv ausbremsen. Gefährdet wären laut einer aktuellen Studie von Enervis im Auftrag von Green Planet Energy Projekte mit einer Leistung von rund 32 Gigawatt, die bereits genehmigt sind, sich im Verfahren befinden oder kurzfristig gebaut werden könnten. Insgesamt stünden damit rund 45 Milliarden Euro unmittelbar bevorstehenden Investitionen auf dem Spiel. Und das betrifft nur die vorgesehenen Änderungen beim Netzpaket.
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