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Zeitreise 1918: Kriegspresse und Lügen im August

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    Für FreikäuferLZ/Auszug aus Ausgabe 58Noch zwei Monate Krieg, aber davon wissen ja die Zeitgenossen nichts. 100 Jahre später können wir uns entspannt nach hinten lehnen und verfolgen, wie sich die Dinge entwickeln. Denn die 1918 in Leipzig lebenden Menschen wissen außerdem nicht, was denn da Mitte August unter den Alliierten besprochen wurde. „Wichtige Beratungen im Ententelager“ titelt das Leipziger Tageblatt am 17. August, um dann auf der Titelseite nur fünf eher inhaltsleere Zeilen dazu abzudrucken.

    „Schweizer Blättern zufolge berichtet die „Havas-Agentur“, daß in den letzten Tagen eine Zusammenkunft zwischen Poincaré (dem französischen Staatspräsidenten/Anm. d. Red.), dem König von England, dem König von Belgien, Marschall Foch und den Generälen Petain und Pershing stattfand. Ueber die Besprechungen, die in einem französischen Etappenort stattfanden, verlautet bisher noch nichts.“ Heute würde man das clickbait nennen.

    Wir wissen nicht genau, wie die Leser auf diese Meldung reagierten. Es ist aber doch wahrscheinlich, dass Gerüchte und Spekulationen ins Kraut schossen. Der Chefredakteur des Leipziger Tageblatts selbst befeuerte diese. „Zur selben Zeit, wo im deutschen Hauptquartier ohne jede vorherige amtliche Mitteilung die beiden Kaiser und ihre leitenden Staatsmänner und Militärs zusammenkamen, fand, wie Havas gleich Wolff (Presseagenturen/Anm. d. Red.) jetzt hinterher meldeten, auch im Ententelager eine Besprechung der leitenden Persönlichkeiten statt. An diese immerhin auffällige Tatsache dürfen sich mancherlei Kommentare knüpfen und Vermutungen, die auszusprechen wir uns aber vorderhand versagen zu müssen glauben.“

    Die Dolchstoßlegende nimmt Gestalt an

    Doch vor neun Tagen erlebte das deutsche Heer seinen „schwarzen Tag“, wie es General Ludendorff dem Kaiser am selben Tage berichtete. Mit dem aus Alliierten-Sicht erfolgreichen Beginn der Schlacht bei Amiens am 8. August hat sich das Kriegsblatt endgültig gewendet. Die später sogenannte „Hunderttageoffensive“ wird die letzte dieses Krieges sein. Die deutsche Front wackelt. Zeit, schon mal an den Super-Gau zu denken. „Die österreichische Presse sprach mit Nachdruck davon, daß bei der Kaiserzusammenkunft u. a. auch die Aussichten für die Anbahnung eines allgemeinen Friedens besprochen werden sollen …“ Schweden und Schweizer würden auch vermitteln, berichten die dortigen Blätter.

    Aber noch wird gekämpft, natürlich wird von Feindessiegen nichts berichtet. Stattdessen heißt es von der Heeresgruppe Boehn „Südlich der Aure brachen die mehrfach wiederholten französischen Angriffe vor unseren Kampflinien restlos zusammen. Vor allem kam hier die Wirkung unserer Maschinengewehre voll zur Geltung“. Von der Heeresgruppe Herzog Albrecht heißt es: „In Sundgau brachten Sturmabteilungen, die mit Flammenwerfern nördlich von Largitzen in französische Gräben einbrachen, Gefangene zurück“.

    Und auch der Luftkrieg ist in vollem Gange: „Unsere Jagdkräfte schossen aus einem Geschwader, das Darmstadt mit Bomben angriff, vier englische Großflugzeuge ab.“ Die Situation stellt sich tatsächlich so dar, also ob die Deutschen an der Westfront in den letzten zehn Tagen von Sieg zu Sieg eilen. Hier spätestens liegt die Grundlage der sogenannten „Dolchstoßlegende“ – denn im Felde unbesiegt wähnen sich noch immer viele. Es geht um den ersten Endsieg, den dann angeblich die Sozialdemokraten zu Hause hintertreiben.

    Von der Aussage Ludendorffs zu den schlimmen Verlusten am 8. August liest man hier wenig, von 30.000 toten Soldaten an nur einem Tag sowieso nicht. Stattdessen steht der Teutone im Stahlgewitter aufrecht: „Der Gegner hat keines seiner strategischen, auf Durchbruch und Aufrollung unserer Front gestellten Ziele erreicht. Sein Geländegewinn, so bedauerlich er an sich war, ist geringfügig, seine Beute nur ein Bruchteil derjenigen unserer Frühjahrsoffensive 1918, die rund 250.000 Mann und 2.250 Geschütze erbrachte“. Man gewinnt also – Hurra, hurra!

    Einer der Hauptväter der Dolchstoßlegende direkt nach em ersten WK. General Erich Ludendorff Foto Alexander Binder, gemeinfrei
    Einer der Hauptväter der Dolchstoßlegende direkt nach em ersten WK. General Erich Ludendorff Foto Alexander Binder, gemeinfrei

    Die Deutschen zu Hause erfahren immer die passende Hälfte der Wahrheit und vor allem werden Vergleiche angestellt, die weiterhin das Vertrauen an die eigene Kampfkraft stärken sollen. „Das alles und auch das Wachsen des deutschen Widerstandes wird unseren Feinden von Tag zu Tag klarer. Schon machen ihre Militärkritiker bedenkliche Gesichter, während die übrige Presse über die starken zur Front strömenden deutschen Reserven klagt“, so das Leipziger Tageblatt siegesgewiss.

    In sechs Wochen wird genau einer der Väter der späteren Dolchstoßlegende, General von Ludendorff, als maßgeblich Verantwortlicher der deutschen Niederlage dem Deutschen Kaiser vorschlagen, Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten zu führen.

    Eine vernünftige Stimme verhallt

    M.H. Dawson beschäftigt sich unterdessen schon mit der Zeit nach dem Krieg. Der Brite steht in geschäftlichen Beziehungen mit deutschen Kammgarnspinnereien und macht sich in der „Züricher Zeitung“ so seine Gedanken über die Zukunft des Welthandels.

    „Jeder verständige Brite wird mir beipflichten, daß Deutschland sofort nach Friedenschluß statt im Sattel zu wanken, seine frühere Tätigkeit kraftvoll wieder aufnehmen und die Welt durch die Schnelligkeit seiner Erholung überraschen wird. Deutschland bleibt nun einmal das bestorganisierte Land der Welt. Viele Elemente des deutschen Wirtschaftslebens sind planmäßig geregelt. Besonders entwickelt ist das Zielbewußtsein der Industrie; hat das System die Vollkommenheit eines Präzisionsinstrumentes erreicht“.

    Dawson kann natürlich nicht wissen, was ein knappes Jahr später in Versailles passieren wird. Das Deutsche Reich wird zu Reparationszahlungen in vorerst unbekannter Höhe verknackt, die deutsche Wirtschaft wird sich nach dem Krieg nie so richtig erholen. Insofern ist Dawsons Zukunftsprognose aus dem August 1918 nichts weiter als ein vorläufiges „Was wäre gewesen, wenn …“. Erst nach dem II. Weltkrieg wird sich zumindest der Westen Deutschlands durch weitreichende Schuldenerlasse und Marshallplan wirtschaftlich erholen, vorher stürzt die nationalsozialistische Mittelmacht Europa und die Welt wie in Trance in einen noch größeren 2. Krieg.

    M.H. Dawson 1918 zu den Aussichten einer Konkurrenz mit Deutschland: „In manchen Industriezweigen liegen die technischen und sonstigen Verhältnisse in Großbritannien so, daß jede Hoffnung auf Konkurrenzfähigkeit völlig aussichtslos ist, z. B. in der Eisen- und Stahlindustrie.“ Unter anderem, weil „Deutschland den Vorteil genießt, daß seine Eisen- und Stahlindustrie künftig noch in größeren Ausmaß als bisher von mächtigen Kartellen gefördert werden wird, die unablässig auf die Verbilligung von Herstellungskosten durch Vervollkommnung der technischen Methoden bedacht sind. … Will aber die britische Handelswelt die deutsche umstechen, so bleibt ihr nichts übrig, als sich die Methoden der Deutschen – Verstand, Bildung, Wissenschaftlichkeit, Unternehmungsgeist und Organisation – zu eigen zu machen.“

    So war das einst, Dawson betonte hier übrigens die besondere Stärke der Deutschen in Friedenszeiten.

    Gedränge am Leipziger Hauptbahnhof & Fleischloswochen

    Messegäste werden schon bei der Ankunft am Bahnsteig von potenziellen Zimmer-Vermietern angesprochen. Dem soll nun ein Riegel vorgeschoben werden. „Dieses Abfangen von Fremden auf dem Bahnsteig in den Eingangshallen und vor dem Bahnhofsgebäude ist streng verboten. Das städtische Polizeiamt wird auf Bitte des Meßamts durch einen verstärkten Ueberwachungsdienst dafür sorgen, daß dieses Treiben unterbleibt und daß jeder, der sich unbefugterweise an die Meßfremden heranmacht, zur Anzeige gebracht wird.“

    Der Leipziger ist halt rührig und rammelt selbst am Bahnhof umher, heute wird man schon bei entsprechenden Suchbegriffen im Netz von diversen Angeboten überrascht.

    Wenn sich schon nicht die Lage an der Front bessert, dann wenigstens die Versorgung der Bevölkerung. Die Brotregelung sieht nämlich eine Erhöhung der Rationen vor, so das Tageblatt. „Auf die eine gerade rote Linie tragende Brotkarte der Erwachsenen-Brotkarte werden 400 Gramm Brot (bisher 250 Gramm) gewährt.“ Der Brotpreis beträgt vom 20. August 1918 ab 24 Pfennig für das Pfund und 20 Pfennig für 400 Gramm.

    Aber was soll es nur am Sonntagmittag geben? Die erste fleischlose Woche steht bevor, Rind-, Schaf-, Schweine-, Ziegen- und Hühnerfleisch werden in dieser Woche nicht verkauft. Ausgenommen von der Regelung sind „Kaninchen, Gänse, Enten, Tauben, Trut- und Perlhühner.“ Und natürlich die Tiere, die man sich selbst hält. „Als Ersatz für die ausfallende Fleischmenge von 200 Gramm kommen, wie bereits bekanntgegeben, in der ersten fleischlosen Woche 3 Pfund Kartoffeln für den Kopf zur Verteilung.“ Gleichzeitig ist der Deutsche Fleischerverband mit seinem Versuch gescheitert, eine Erhöhung des Bruttoverdienstes der Fleischer von 12 auf 20 Prozent zu erwirken. Die „Reichsfleischstelle“ hat dies abgelehnt.

    Und wem das Essen in Kriegszeiten zu fettarm ist, der klaut eben. „Einundvierzig Dosen Griebenbrotaufstrich mit Leberzusatz sind am Dienstag aus zwei Kisten gestohlen worden“, meldet das Leipziger Tageblatt. „Die Kisten standen auf einem in der Roscherstraße zur Abfuhr bereitstehenden Rollwagen. Die kurze Zeit, ehe der Kutscher anspannte, haben Diebe benutzt, die Kisten aufzubrechen und die Dosen daraus zu stehlen.“ Griebenfett mit Lebergeschmack bei gestiegenen Brotrationen? Klingt logisch.

    Die reichen Sachsen

    Und auch weiterhin wird jede Mark, die irgendwo abkömmlich zu sein scheint, für den Krieg aus dem Steuerzahler herausgepresst. In diesem Monat geht es um eine Kriegs-Vermögensabgabe. Deshalb gibt das Leipziger Tageblatt eine Zeitungs-Statistik über die Vermögensstaffelung im Land Sachsen zum Kriegsende heraus. Wohlgemerkt als schon ein paar Steuern und Kriegsanleihen gezeichnet worden sind – wobei unklar ist, ob diese Kriegsanleihen noch als Vermögen galten.

    Demnach verfügen „12.126 Personen in Sachsen über ein Vermögen zwischen 100.000 und 200.000 Mark“, konkret haben sie zusammen 1.695.198.900 Reichsmark. Logischerweise werden es im Folgenden immer weniger Personen mit immer mehr Geld. 722 Personen in Sachsen haben ein Vermögen zwischen 1 und 2 Millionen Reichsmark. Die letzten 322 haben gemeinsam 1,19 Milliarden in ihrem Besitz.

    Nach dieser Statistik würde die Vermögensabgabe alleine in Sachsen 14.840.000 RM für den Krieg bringen. „Die Abgabe ist also im ganzen sehr mäßig und erreicht bei weitem nicht die Sätze, die im Reichstage seinerzeit für die Besteuerung der Einkommen geplant war“, kommentiert das Leipziger Tageblatt. Pikanterweise gibt es in Sachsen aber schon eine Ergänzungssteuer, die beim Vermögen den Grundbesitz außen vor lässt. Daher unterscheiden sich die Abgaben für diese Steuern und Zahler in Sachsen müssen damit mehr abgeben als Einwohner anderer Länder. Der Artikel schließt salomonisch. „Daß das Reich dessen bedarf, darüber kann kein Zweifel obwalten. Es wird jedenfalls in Zukunft noch mehr brauchen.“

    Auch der Stadtrat tagt noch: Beschlüsse aus dem August 1918

    Der Rat nahm Kenntnis von „der Einladung des Verbandes der Vereinigten Baumaterialienhändler Deutschlands zu der am 30. August im Hotel Paulbaum stattfindenden Generalversammlung.“ Außerdem „von der Zuwendung der hiesigen Filiale einer größeren Firma in Höhe von 13.000 Mark für den Heimatdank.“ Wofür auch immer gedankt werden soll. „Zur Befreiung der für Mietbeihilfen für Kriegsteilnehmende erforderlichen Aufwendungen wird zu Lasten der Kriegsanleihe ein weiteres Berechnungsgeld von 1.250.000 Mark bewilligt.“ Irgendwer zahlt eben immer für den Krieg, in dem Fall auch die Leipziger mit den Brotkarten.

    Zum Abschluss noch einen Ernte-Hinweis von 1918 an die Bevölkerung: „Kein vorzeitiges Abnehmen des Obstes. Die bevorstehende Obsternte läßt eine sehr dringende Mahnung berechtigt erscheinen, nämlich: ‚Reißt das Obst nicht zu zeitig und in unserem Zustande von den Bäumen!‘ Es halte sich auch nicht länger. „Vor allem ist zu beachten, daß solches Obst zur Konservierung bedeutend mehr Zucker bedarf, das Aroma verloren geht und die Früchte sich in nächster Zeit erst voll entwickeln. Durch das vorzeitige Abnehmen werden Riesenwerte an Geld und dringend nötige Nahrungsmittel für die Volksernährung zugrundegerichtet.“

    Hunger kennt kein Gebot. Der Hinweis dürfte verhallt sein.

    Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

    Der Leipziger Osten im Jahr 1886

    Der Leipziger Westen im Jahr 1886

    Westlich von Leipzig 1891

    Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

    Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

    Leipzig in den „Goldenen 20ern“

    Alle Zeitreisen auf einen Blick

    Zeitreise 1918: Abwehrschlacht an allen Fronten (2)

    Die neue Leipziger Zeitung Nr. 58: Ein Mann mit dem Deutschlandhütchen, beharrliche Radfahrer, ein nachdenklicher Richter und ein hungriges Leipzig im Sommer 1918

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