Zukunft für alle: Wie kommen wir raus aus dem Panikdenken der „Wachstumsökonomie“?

Für alle LeserWir müssen endlich wieder über Zukunft nachdenken. Wie soll sie aussehen? Wie kann sie aussehen? Wie kann eine menschliche Gesellschaft aussehen, in der sich die Menschen nicht gegenseitig die Schädel einschlagen, weil immer größere Teile der Erde zerstört und ausgeblutet sind? Das Konzeptwerk Neue Ökonomie e. V. hatte 2019 zur Werkstatt eingeladen. Dieses Buch ist das Ergebnis.
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Der Ausgangspunkt für das Projekt „Zukunft für alle“ waren die Fragen: Wie wollen wir leben? Und wie kommen wir dahin? Zusammen mit knapp 200 Vordenker/-innen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen entwickelten die Autor/-innen in zwölf Zukunftswerkstätten zu unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen eine umfassende Vision.

Oder besser: eine machbare Vision. Oder auch einen Baukasten des Möglichen, denn die vielen kleinen Links in den Seitenspalten zeigen: Es gibt längst hunderte Initiativen, Projekte und Menschen, die heute schon ausprobieren, wie ein wirklich weltgerechtes Leben und Wirtschaften aussehen könnte.

Das klingt natürlich alles erst einmal fremd, wenn man immer nur in der Blase des Jetzt lebt und den institutionalisierten Vorstellungen von dem, was Wirtschaft, Wohlstand und Wachstum zu sein haben. All das, was in seiner technischen Radikalität genau dahin führen musste, wo wir heute stehen.

In der Beschreibung des Konzeptwerks Neue Ökonomie: „Die Klimakrise, zunehmende Ungleichheit und nicht zuletzt die Corona-Pandemie machen deutlich: Das derzeitig vorherrschende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist nicht zukunftsfähig. Während viele Menschen dieser These zustimmen, herrscht weithin das Gefühl vor, es fehle an machbaren Alternativen und konkreten Konzepten dazu, wie eine sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft gelingen kann.“

Eigentlich fehlt noch so ein ganz einfaches Grundlagenbuch, das erklärt, warum das unhinterfragte Wachstumsdenken genau dahin führen muss, dass alle Ressourcen geplündert werden, Böden und Wasservorräte zerstört, Meere zur Kloake werden, die Müllberge wachsen und trotzdem auch in den wohlhabenderen Nationen immer mehr Menschen ihre soziale Absicherung verlieren, in Niedriglohnsektoren gedrückt werden und die gesellschaftliche Spaltung immer unübersehbarer wird. Während selbst Krisen nur noch dazu führen, dass das Vermögen der Superreichen immer weiter wächst, während sich die Staaten immer mehr verschulden.

Natürlich ist das die sogenannte Marktlogik dahinter, der seit 40 Jahren propagierte Glaube daran, dass Deregulierungen, Privatisierungen und Steuersenkungen für die Besserverdienenden dazu führen, dass der Wohlstand wächst. Junge Leute sind optimistisch. Für sie sind 28 Jahre ein unheimlich langer Zeitraum. Da könnte doch fast alles passieren, was sie in ihrer dem Band beigegebenen Zeitleiste aufgeschrieben haben?

Doch schon der erste Eintrag zeigt, dass sie möglicherweise unterschätzen, wie sehr die alten Profiteure ihre Macht verteidigen. „2020: 58 Tageszeitungen weltweit berichten über den größten Finanzskandal der Geschichte, aufgedeckt durch einen Whistleblower, der früher selbst Finanzlobbyist war. Die weltweite Empörung führt zu einer wachsenden Bewegung, die sich erfolgreich für effektive Finanzmarktregulierungen und gegen Lobbyismus einsetzt.“

Ach, wäre das schön. Doch das ist weder 2008 passiert, als der größte Finanzskandal mit Ansage passierte und Millionen Menschen ihr Erspartes und ihr Heim verloren, noch 2018, als mehrere große Zeitungen den Cum-ex-Skandal aufdeckten.

Es geht immer um Macht. Das findet man auch im Kleingedruckten da und dort in diesem Buch. Und in unserer Welt ist Geld gleich Macht. Und die, die das Geld haben und die Finanzströme bestimmen, setzen auch all ihre Macht dafür ein, all das zu verhindern, was ihrer Welt des gestohlenen Reichtums ein Ende setzen könnte – sie kaufen Politiker und Anwälte, Wissenschaftler, Mediengurus und ganze Fernsehkanäle, alles, was sich für Geld kaufen lässt: (Frei-)Handelsverträge, Gesetze, Sonderrechte, Steueroasen, Mehrheiten. Ganz zu schweigen von Wählerstimmen und „Meinungen“.

Die Vision, dass unsere Welt schon 2048 gerechter, sozialer, empathischer und umweltverträglicher sein könnte, ist schön. Sie überzeugt sogar, weil sie in sich logisch ist. Denn all die oft selbst in der wissenschaftlichen Forschung tätigen Mitstreiter/-innen des Konzeptwerks Neue Ökonomie wissen, wovon sie schreiben. Ihre Vorschläge für eine andere soziale Absicherung, für ökologische Landwirtschaft, für klimagerechte Mobilität, Technik, die länger hält, gerechtere Verteilung der Arbeit und eine wirklich erlebbare Demokratie, sind schon lange vorgedacht, ausprobiert, mit Forschungen unterfüttert.

Was in diesem großformatigen Paperback auf 100 Seiten geschildert wird, ist das Machbare. So könnten wir unsere ganze Lebensweise wirklich umkrempeln und damit unseren Hintern retten. Denn nur wenn wir so leben – abgestimmt auf die verfügbaren Ressourcen dieser Welt – überlebt die Menschheit. Das erfordert ein paar Verhaltensänderungen.

Etliche Statussymbole sind dann schlicht nicht mehr denkbar. Dafür wird Nachbarschaft wieder erlebbar. Die Geld- und Warenströme fließen wieder in der Region. Der ganze ausbeuterische Hokuspokus der „Globalisierung“ findet ein Ende. Was Menschen wirklich brauchen, wird in der eigenen Region produziert. Und wer die Welt wirklich sehen will, setzt sich in den Zug und nimmt sich wirklich Zeit dafür.

Das Thema Zeit klingt viel zu beiläufig an. Auch wenn es die Autor/-innen sehr wohl registrieren, dass gerade über den Zwang zur Erwerbsarbeit den Menschen jede Menge Zeit gestohlen wird. Zeit, die für das Persönliche, das Nachdenken, die Familie – aber auch für jegliche gesellschaftliche Teilhabe fehlt. Wer aber keine Zeit mehr hat, der wird zum Getriebenen, der jagt nur noch den stetig wachsenden Anforderungen derer nach, deren kärglichen Lohn sie bekommen dafür, dass sie den Laden am Laufen halten. Egal, welchen Laden.

Denn die wirklich notwendigen Arbeiten (im Frühjahr mal ganz kurz als „systemrelevant“ bezeichnet), werden saumäßig bezahlt. Die „Arbeitgeber“ haben alle Druckmittel auf ihrer Seite, hier die Löhne zu drücken. Denn auf diese Arbeiten kann keine Gesellschaft wirklich verzichten.

Und so ist in den letzten vierzig Jahren so ziemlich alles vor die Hunde gegangen, was wirklich gesellschaftlich wichtige Arbeit ist – die Arbeit der Bauern genauso wie die der Pflegekräfte, Ärzte, Lehrer usw. Und: die Angst hat Einzug gehalten. Das ist die stärkste Kraft, die alle Veränderungen bisher verhindert hat – die Angst all derer, die um ihren Job fürchten, das Ende ihres Unternehmens, das Geld für die Miete, das Auto, die Kinder. Übers Geld werden Menschen hörig gemacht und immerfort in Angst gehalten. Denn das Geld fließt nicht dort, wo es gebraucht wird. Dort tröpfelt es nur.

Es fließt dort, wo es Unheil anrichtet, wo Menschen, die schon nicht mehr wissen, wohin damit, lauter Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, außerdem Macht, Immobilien, Unternehmensanteile, Land. Logisch, dass die entscheidenden Beiträge etwa zu Landwirtschaft und Wohnungswesen die Besitzfrage stellen. Und dass auch beiläufig das Wort Allmende fällt, denn dürfen eigentlich all die Dinge, auf deren gemeinsame Nutzung alle angewiesen sind, überhaupt jemandem gehören? Sollte nicht gerade hier gesellschaftliche Verwaltung dominieren? Genauso wie bei Wasser- und Energieversorgung?

Und wie könnten unsere Städte aussehen, wenn man sie endlich konsequent von ihren Bewohner/-innen her denkt (und nicht von den Auto- und Hausbesitzern)?

Wenn Menschen eben nicht mehr einer schikanösen Arbeit mit dem Auto hinterherfahren müssen, sondern eine Arbeit, die sie ausfüllt, in der Nachbarschaft finden? Wenn man nicht mehr dafür bestraft wird, dass man „nur“ einen Pflegeberuf ergriffen hat oder einen als Bauer oder Handwerker?

Verständlicher wird es, wenn die Autor/-innen auf die veränderten Nachbarschaften eingehen. Und dabei das Wort „Subsidiarität“ fällt, das die EU vor 20 Jahren einmal mutig benutzt hat, bevor sie vor den nationalen Möchtegern-Macht-Inhabern wieder eingeknickt ist. Denn wenn man die Macht der Nationalregierungen verteidigt, verhindert man genau das: dass Entscheidungen dort getroffen werden, wo sie die Menschen direkt betreffen.

Was übrigens den ganzen maladen Zustand der EU erklärt: Sie ist so geworden, weil sie zur Beute nationaler Möchtegerns geworden ist, die ihre kleine Macht über andere nicht verlieren wollen. Die sich gerade davor fürchten, dass Entscheidungen überhaupt einmal auf der demokratisch tiefstmöglichen Ebene getroffen werden. Das Thema Windkraft ist sehr exemplarisch dafür, denn man verweist zwar gern auf die „Windkraftgegner“ vor Ort – aber wie stark die wirklich sind, weiß kein Mensch. Es gibt dazu keinerlei Umfrage, nichts. Aber es gibt machtbewusste Politiker auf höchsten Ebenen, die die Gesetze genau so stricken, dass vor Ort niemand über Windkraft Ja oder Nein entscheiden darf.

Überall erleben die Menschen heute, dass die Macht nicht bei ihnen liegt. Dass sie Entscheidungen aushalten müssen, die sie selbst betreffen, bei denen sie aber nie mitreden und mitentscheiden konnten. Das geht bei den ganzen „Strukturprojekten“ im Kohleausstieg so weiter. Wer ein mächtiges Amt hatte, konnte alle seine egoistischen Lieblingsprojekte auf die Liste bringen. Die eigentlich betroffenen Bewohner der Kohleregionen konnten bis heute nicht mitreden und wurden auch nie befragt.

Das war jetzt ein kleiner Abschweif. Aber genau damit werden wir es zu tun bekommen, wenn wir unsere Welt vor der Zerstörung retten wollen. Es wird nicht so friedlich und einsichtig ablaufen, wie es sich die Teilnehmer/-innen der Werkstätten 2019 und 2020 gedacht haben. Und auch nicht so schnell. Und wahrscheinlich auch nicht über all die Ebenen, wo sie praktisch ein Umdenken über Nacht herbeisehnen.

Doch gerade die ganzen Klimakonferenzen (wo auch im Buch das Thema Macht thematisiert wird) haben gezeigt, dass dort keine freundlichen, einsichtigen Politiker/-innen beisammen sitzen, die erkannt haben, was die Zeichen der Zeit sind. Es ging dort nicht ums Klima, sondern immer um Macht. Um das ganze alte Denken, das mit Freihandelsverträgen, Rüstung und „Wettbewerb“ versucht, das eigene Land zum einzigen Sieger zu machen, über andere triumphieren zu lassen, damit man auch künftig noch an billige Rohstoffe und billige Arbeitskräfte kommt. So tickt der deregulierte Markt – auch dann, wenn er sich im Schädel von Politiker/-innen festgesetzt hat.

Nichts ist so zäh und wird so lange dauern wie das Auflösen dieses alten, auf gnadenlosen Wettbewerb ausgerichteten Denkens. Denn das wird auch in unseren Schulen und Hochschulen unterrichtet. Deswegen finde ich gerade das Kapitel zur Bildung zu mager. Was mich verblüfft, da ja die Werkstattteilnehmer fast alle eine akademische Karriere durchlaufen haben und wissen, wie viel Wissen vonnöten ist, um eine moderne Welt klug zu managen.

Stimmt: An einer Stelle kritisieren sie die Rolle von Managern – im Zusammenhang mit all den anderen Führungspositionen, die sich in der alten hierarchischen und zentralisierten Gesellschaft herausgebildet haben. Und sie haben recht: Das meiste gehört nicht in diese Entscheidungsebenen, sondern in das lokale Netzwerk, zu den Menschen, die dort direkt über ihr Leben und ihre Vorhaben entscheiden.

Aber damit hört das Bedürfnis nach einem klugen Management nicht auf, auch dann nicht, wenn es kollektiv und demokratisch passiert. Denn wenn wir während Corona etwas gelernt haben, dann ist es die simple Tatsache, dass Demokratie mit Dummköpfen und Nichtswissern nicht funktioniert. Gerade die Aushandlung demokratischer Prozesse braucht gutes und belastbares Wissen. Ob das dezentral organisierbar ist, bezweifle ich.

Aber man kann sich auch irren. Stimmt. Denn natürlich wäre es ein Traum, wenn künftig alle Menschen höchstmögliche Bildung bekommen und fachkundig (mit-)entscheiden können. Wenn man selbst im kleinsten Dorf mit Leuten zu tun hätte, die die natürlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge begriffen haben und auf wissenschaftlicher Basis rational und klug entscheiden können.

Was das Buch schafft, ist tatsächlich die Komplexität der notwendigen Veränderungen zu zeigen. Es gibt praktisch keinen gesellschaftlichen Bereich, der sich nicht ändern muss. Denn alle Bereiche sind von der „Marktlogik“ durchdrungen, von Abwertung und Entwertung, der Verwandlung des ganzen Lebens in bezahlte und unbezahlte Einheiten. Da bleibt kaum Raum für die wirkliche Freiheit des Lebens. Denn wer nicht mitrennt, riskiert, ohne jedes Einkommen und jede Sicherung dazustehen.

Deswegen benennt das Buch auch das Thema Angst. Eine völlig schizophrene Angst in einer Gesellschaft, die reich genug ist, allen Menschen ein sicheres Leben gewährleisten zu können. Aber an den Hebeln sitzen andere. Fast nichts ist mehr direkt dort zu entscheiden, wo die Menschen leben. Nicht einmal ihre elementarsten Bedürfnisse können sie dort absichern – weshalb ja so viele Menschen aus den ländlichen Regionen fliehen und versuchen, in den Großstädten Job und Wohnung zu finden.

Aber die Autor/-innen haben auch recht: Wenn man sich eine andere Welt nicht einmal vorstellen kann, verliert man auch die Hoffnung, die unaushaltbaren Zustände je ändern zu können. Wenn aber Gedanken erst einmal in den Köpfen der Menschen sind, werden sie meist Stück für Stück auch Realität. Drei Strategien könnten die Dinge verändern, schreiben die Autor/-innen zum Abschluss der kleinen Reise durch die Ideen des Möglichen und Machbaren.

Kernstück ist wahrscheinlich wirklich, „eine Weltsicht zu verbreiten, die für eine Zukunft für alle jenseits von Herrschaftsverhältnissen steht, und diese gemeinsam zu erkämpfen“. Wobei es wohl eher um die gemeinsame Veränderung des Denkens geht. Denn Veränderungen passieren eher dann, wenn eine Mehrheit weiß, dass es anders viel besser geht. Und vor allem: Was konkret man ändern muss. Stück für Stück. Mit einer Geduld, die wahrscheinlich weit über das Jahr 2048 hinaus reichen muss. Denn so einfach werden die Profiteure des alten Denkens ihre Machtpositionen nicht räumen.

Das Buch erzählt, was tatsächlich alles geändert werden kann – im Kleinen und im Großen.

Darauf kann künftig jeder zurückgreifen, der Veränderungen bewirken will. Wir sind nicht völlig blind, was unsere mögliche Zukunft betrifft. Und die Seitenspalten mit dem Titel „2020. Was es schon gibt“ verweisen auf die vielen verschiedenen Initiativen und Projekte, die jetzt schon andere – solidarische – Formen des Miteinanders ausprobieren. Wahrscheinlich werden die Veränderungen wirklich von unten kommen müssen. Mit einem anderen Denken jedenfalls beginnt die Veränderung.

Kai Kuhnhenn, Anne Pinnow, Matthias Schmelzer, Nina Treu, Konzeptwerk Neue Ökonomie e. V. (Hrsg.) Zukunft für alle, Oekom Verlag, München 2020, 9 Euro.

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