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Tatworte: Michael Kraske erklärt, was hinter den verbalen Tabu-Verletzungen unserer neuen Rechten tatsächlich steckt

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    Mit Sprache kann man zündeln. Mit Sprache kann man eine Gesellschaft spalten. Mit Sprache kann man ein Klima schaffen, in dem Gewalt und Aggression wieder als normal empfunden werden. Niemand weiß das besser als jene Leute, die genau mit diesen Methoden Aufmerksamkeit schaffen für ihr Projekt der Demokratiezerstörung. Sie sind wieder da, hätte Michael Kraske auch titeln können.

    Obwohl sie natürlich nie weg waren. Doch jahrzehntelang waren die rechten Radikalen in Deutschland eine kleine, scharf konturierte Randgruppe. Sie redeten, wie man das von Rassisten und Nationalisten erwartete. Sie drohten und polterten und benahmen sich auch in der Öffentlichkeit genau so aggressiv, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, sie wären harmlos oder sie meinten ihren Radikalismus nicht ernst.Das ist seit 2010 anders. Damals veröffentlichte ein gewisser Thilo Sarrazin sein Buch „Deutschland schafft sich ab“, in dem er mit wilden Thesen und schiefen Statistiken einen neuen, verbrämten Rassismus in deutsche Wohnstuben brachte und den alten „Ausländer raus!“-Rassismus der Rechtsradikalen mit einem Camouflage-Vokabular bis weit ins bürgerliche Milieu hinein salonfähig machte. Das hatte Folgen.

    Und zu diesen Folgen gehörten sowohl die Pegida-Spaziergänge in Dresden, die schon lange vor der Aufnahme der Kriegsflüchtlinge im Jahr 2015 begannen, dazu gehörte aber auch der radikale Rechtsruck der 2013 gegründeten AfD, die sich aus einer konservativen Partei zusehends zu einer rechtsradikalen Partei veränderte, die sich nach außen hin bürgerlich gibt, aber in ihren Aussagen zusehends rassistische, nationalistische und demokratiefeindliche Töne anschlug.

    Die markantesten dieser Aussagen, die in den vergangenen Jahren für einigen medialen Wirbel gesorgt haben, hat Michael Kraske in diesem Buch versammelt und eingeordnet in einzelne Kapitel, die deutlich machen, dass alle diese Sprüche vom „Vogelschiss“ über die „Kopftuchmädchen“ bis zu „Ausmisten“ und „Jagen“ eben keine Ausrutscher sind, gar Gedankenlosigkeiten oder nur mal im politischen Schlagabtausch getätigte Provokationen. Auch dann nicht, wenn die Sprecher dann nach einem geballten medialen Protest zurückrudern und das alles nicht so gemeint haben wollen. Oder sich falsch verstanden sehen wollen.

    Seltsam ist nur, dass sie dann in der nächsten Wortmeldung wieder zu denselben Worten greifen, dieselben aggressiven Töne anschlagen und damit weitermachen, was seit zehn Jahren so unübersehbar ist: der Verschiebung des öffentlich Gesagten immer mehr in einen Bereich des Hasses, der Verachtung und der Verrohung der politischen Kultur, wie es Kraske nennt. Der dann auch bei mehreren der zitierten Sprüche recht detailliert erläutert, dass auch das zu den Zielen dieser von Gewaltphantasien durchsetzten Sprachwahl gehört.

    Denn Chauvinismus profitiert davon, wenn die Regeln eines respektvollen Sprechens zerstört werden, wenn Hass, Verachtung, Drohung und Beleidigung selbst in Landtage und Bundestag einziehen. Deswegen greifen die Sprecher aus dieser radikalisierten Sprachwelt immer wieder die Grundlagen eines respektvollen Sprechens an – gern unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit. „Mit dem Kampfbegriff der ,PC‘ (Political Correctness, d.Red.) und dem Hinweis auf angeblichen ,Tugendterror‘ und eine ,Meinungsdiktatur‘ soll vielmehr jegliche Kritik delegitimiert werden“, schreibt Kraske.

    Das ist ein gezielter Angriff auf den Grundkonsens der Demokratie, die ja nur dann wirklich zur Willensbildung aller wird, wenn alle die Regeln eines respektvollen Redens einhalten. Wer diese Regeln überfährt, will tatsächlich die demokratische Meinungsbildung zerstören. Der will, dass nur noch einer gehört wird. Exemplarisch zeigt Kraske an verschiedenen Zitaten, wie sich im Reden der neuen rechten Radikalen der alte Rassismus der Nazis genauso in ein Schafsfell kleidet wie die Verachtung der Nazis für die Demokratie.

    Und wenn Kraske dann einige Zitate aus den Reden der Herren Höcke und Co. z. B. von den Kyffhäusertreffen der AfD seziert, wird auch der Größenwahn dieser neuen bürgerlichen Rechtsextremen deutlich, die ihre Drohungen wirklich ernst meinen und gezielt daran arbeiten, wieder die alten Nazi-Vorstellungen von einem homogenen Volkskörper in die Köpfe zu bringen mit all den dazugehörenden Vernichtungs- und Vertreibungsphantasien.

    Wobei das Problem nicht einmal ist, dass berichtende Medien nicht merken, was da passiert. Das Problem ist eher, dass manche Moderatoren und Redakteure noch immer glauben, sie könnten das alles relativieren und verstehbar machen, indem sie den Rednern eine gewisse bürgerliche Respektabilität zugestehen. Als hätten diese sich nur mal in der Wortwahl vergriffen, würden aber ansonsten eher nur etwas raubeinige Demokraten sein.

    Was dann auch dazu führte, dass selbst Leuten wie Höcke und Kalbitz im Wahlkampf die große Bühne des Fernsehinterviews geboten wurde, weil die Redakteure dieser Sendungen meinten, das gehöre zu einer ausgewogenen Berichterstattung. Ganz zu schweigen von dem meist handzahmen Umgang der Interviewer mit diesen Leuten, die die Bühne natürlich nur zu gern nutzten, um sich friedfertig zu geben und trotzdem ihre rassistischen Ansichten unterzubringen.

    Dabei profitieren sie schon lange davon, dass sich auch Vertreter bürgerlicher Parteien von diesem hasserfüllten Ton beeindrucken lassen und zeitweise fast dieselben Töne anstimmten und damit das homophone Geraune verstärkten. Kraske demonstriert es an einigen Zitaten von Horst Seehofer, Markus Söder, Christian Lindner und Andreas Scheuer, die allesamt Furore gemacht haben.

    Sie alle meinten, nachdem mit Sarrazin, Pegida und der AfD scheinbar der radikalisierte Sound zum Stimmenbringer im Wahlkampf geworden war, die so aufgeputschten Wähler mit ähnlichen Parolen irgendwie einfangen zu können. Deutliches Zeichen dafür, dass die radikalisierte Sprache direkte Wirkung zeitigte, auch wenn es den Erwähnten nicht die Bohne nützte. Denn Hasssprache dient immer nur denen, die aus dem Hass ihre Kraft gewinnen und denen die Spaltung der Gesellschaft nützt.

    Eigentlich eine simple Botschaft. Die aber auch ein weiteres Versagen impliziert. Denn wer keine Grenzen zieht zu einem derart hasserfüllten und menschenverachtenden Reden, der lässt zu, dass es nach und nach die Kommunikation im Land vergiftet, dass die Verachtung der demokratisch gewählten Politiker/-innen zum Allgemeinplatz wird und immer neue Trittbrettfahrer aufspringen, die nun meinen, mit Verschwörungstheorien aus der finstersten Klamottenkiste ihrerseits Stimmung machen zu müssen.

    Weshalb dann auch Leute wie Attila Hildmann und Xavier Naidoo mit entsprechenden Sprüchen ins Buch gefunden haben, ganz zu schweigen von Lutz Bachmann und den scheinbar „Gemäßigten“ von der AfD, die – wenn man genauer hinschaut – dieselben Botschaften verbreiten wie die vermeintlichen Hardliner. Und wenn sie keinen offenen und wirksamen Widerspruch erhalten, kommt es zur schleichenden Gewöhnung, wie Kraske feststellt.

    Dann tauchen die Frames und „Tatworte“ der „ideologischen Überzeugungstäter“ auf einmal in den Reden anderer Politiker auf, in Zeitungskommentaren oder Talkshows, werden die Themen, die die Rechtsradikalen gesetzt haben, wochen- und monatelang in allen möglichen Sendungen breitgewalzt und natürlich gewinnen sie dann an Gewicht. Die Rechtsaußen gewinnen auf diese Weise tatsächlich eine Dominanz im politischen Diskurs, drücken ihre Themen durch und verstärken den Eindruck, sie sprächen wirklich für das ganze Volk, zu dessen Vertreter sie sich immer wieder erklären.

    Sprache wirkt. Und sie wirkt auch unheilvoll, wenn damit ganz gezielt Hass und Verachtung geschürt werden. Teilweise, wie es Kraske in einer Überschrift fasst, mit „NS-Sprache reloaded“. Immer wieder kann er zeigen, wie die Denkmuster in den Zitaten direkt ihr Vorbild in der Sprache des Nazi-Reiches haben, manchmal nur neu verkleidet, kaschiert und in rhetorische Wendungen gepackt, mit denen die Sprecher so tun, als hätten das eigentlich irgendwelche anderen Leute gesagt.

    Obwohl genau dasselbe gemeint ist und auch ohne viel Mühe so verstanden werden kann. Wobei auch ein wenig sichtbar wird, wie sich die Sicht auf die Welt völlig verdreht, wenn man Phrasen wie „großer Austausch“, „Islamisierung“, „afrikanischer Ausbreitungstyp“ usw. ernst nimmt. Man landet in einer regelrecht geschrumpften Welt, in der sich alles immer nur um ein paar wenige, beklemmend banale Dinge dreht. Und in einer Logik, die mit der Realität einer vielfältigen, sich immerfort ändernden Wirklichkeit nichts zu tun hat.

    Es ist schon verständlich, wenn viele Journalist/-innen sich sagen: Wie kann man denn so einen Schrott überhaupt ernst nehmen? Aber wenn gewalterfüllte Rede immer mehr zum Normalen wird, dann verändert das die Gesellschaft, dann wird nicht mehr miteinander geredet, sondern gewütet und gemobbt. Aus Worten werden dann auch Taten, wie Michael Kraske zu Recht feststellt. Und bislang friedfertige Bürger fangen dann selbst an so zu reden, als wäre Gewalt ein legitimes Mittel, seine Meinung durchzusetzen. So hat das radikalisierte Reden schon einmal funktioniert. Und so funktioniert es auch heute.

    Das Buch ist eigentlich eine Art kleines Manifest, andererseits auch eine kleine Handreichung für alle, die nicht so recht wissen, was sie mit den markigen Sprüchen der Rechtsdenker anfangen sollen. Kraske erklärt, was hinter den Worten steckt, welches Denken und welche Absichten. Und dass das alles auf keinen Fall nur mal so ein Versprecher ist. Es hat System und Absicht.

    Michael Kraske Tatworte, Ullstein Buchverlage, Berlin 2021, 14 Euro.

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