Damit hätten auch die Historiker nicht gerechnet, dass das Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung in diesem Jahr ausgerechnet in die Regierungszeit eines Präsidenten fällt, der sämtliche amerikanischen Ideale lächerlich zu machen scheint. Ganze Stapel von Arbeiten zu diesem 250-jährigen Jubiläum erscheinen dieser Tage. Der Mannheimer Historiker Hiram Kümper hat sich freilich schon früh die Frage gestellt, ob ein Mann wie Donald Trump eben kein Unfall in der Geschichte der USA sein könnte, sondern das logische Ergebnis der frühen Weichenstellungen.

Dass die Unabhängigkeitserklärung von 1776 bis heute geradezu wie ein Mythos behandelt wird, gehört zur politischen Kultur in den USA. Was Gründe hat. Und genau die wollte Kümper herausfinden. Und er nimmt seine Leser mit in die Geburtszeit der Vereinigten Staaten, in der nicht nur die Dokumente verfasst wurden, die bis heute das Seelengerüst der USA bilden, sondern auch die Gründe sichtbar werden, die zu den Formeln und Paragrafen nicht nur der Unabhängigkeitserklärung (1776), sondern auch der Verfassung führten, die erst 1789 unterzeichnet wurde.

Und zwar nicht so feierlich und einmütig, wie das auf so manchem pompösen Gemälde zu sehen ist.

Dass die USA damals kein Land waren wie alle anderen, wird schon deutlich, wenn Hiram Kümper in die Vorgeschichte der 13 Neuengland-Staaten eintaucht, die bis 1776 englische Kolonien waren, die eigentlich gar nicht an Unabhängigkeit dachten, bis das Mutterland anfing, Steuergesetze zu erlassen, die bei vielen Kolonisten geradezu als Frechheit verstanden wurden.

Man ahnt, dass diese Kolonien, die von Übersiedlern aus Europa gegründet wurden, damals schon anders tickten als so ziemlich alle anderen Kolonien der europäischen Kolonialmächte.

Nur ja nicht wie das alte Europa …

Man sieht sie regelrecht vor sich, die amerikanischen Akteure von Franklin bis Washington, wie sie einfach nicht fassen konnten, dass das englische Parlament die von ihnen bewohnten Ländereien wie unmündige Kolonien behandelte und einfach Steuern über ihre Köpfe hinweg verhängte. Hier hat eigentlich das stärkste Motiv der amerikanischen Revolution seinen Ursprung: keine Steuern ohne Repräsentation.

Freiheit und Selbstbestimmung waren von Anfang an intellektuelle Triebkräfte dessen, was sich in den 1770er Jahren dann zum regelrechten militärischen Konflikt mit der Armee des Mutterlandes ausweitete. Und was parallel immer durch Streitschriften und politische Essays in den Zeitungen der Neuengland-Staaten begleitet wurde.

Auch mit Rückgriff auf die Denker der europäischen Aufklärung von Montesquieu bis Adam Smith, die in den amerikanischen Kolonien sehr intensiv rezipiert wurden. Denn hier ging es um Fragen der individuellen Freiheit und der staatlichen Souveränität, gebrochen durch ein wachsendes Misstrauen gegenüber der Zentralmacht, also dem starken Staat.

Was sich dann 1789 in der Verfassung niederschlug, die dann die bis heute wirksamen Checks and Balances begründete, mit denen es den Gründern der Vereinigten Staaten gelang, ein völlig neues Staatsmodell zu etablieren, das sich von den europäischen Feudalstaaten deutlich unterschied.

Aber Kümper macht dann eben auch akribisch deutlich, wie die 1789 gefundenen Lösungen über die folgenden 200 Jahre immer wieder neu austariert werden mussten und die Webfehler des Beginns sich auf zuweilen fatale Weise bis heute fortsetzen. Angefangen damit, dass von Anfang an ein Großteil der Bevölkerung von der politischen und auch wirtschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen war – allen voran die versklavten Schwarzen in den Südstaaten.

Selbst namhafte Gründerväter waren Sklavenhalter. Und dieser tief verwurzelte Rassismus begleitet die USA bis in die Gegenwart, wird immer wieder zum Element der Ausgrenzung.

Die Freiheit der Besitzenden

Es ist nicht der einzige Topos, der bis in die Gegenwart die Zweischneidigkeit der amerikanischen Verfassung deutlich macht. Beim Verteilungsgedanken und der für die USA geradezu eigentümlichen Verquickung von Freiheit und Eigentum geht es weiter. Was auf den ersten Blick banal aussieht und für die Zeit der „Gründerväter“ noch Sinn ergab, als die Vereinigten Staaten in erster Linie landwirtschaftlich geprägt waren und das Land die Basis für Selbstbestimmung und Mitbestimmung war.

Aber selbst damals zeichnete sich schon ab, dass die entstehenden Unternehmen, die Corporationen, damit begannen, das als so schön ausbalanciert gedachte Gefüge aus den Angeln zu heben.

Die Skandale um die so übermächtig gewordenen Trusts im späten 19. Jahrhundert machten die Schieflage erst sichtbar und stellten natürlich die bis heute schwelende Frage: Wieviel Macht bekommen eigentlich die neuen Superreichen, wenn sie ihre wirtschaftliche Macht auch dazu benutzen, die Politik zu kaufen und zu dominieren?

Ein Problem, das bis heute nicht gelöst ist. Auch weil es immer vor dem Hintergrund von Freiheit diskutiert wird und im Spiegel der bis heute virulenten Sicht auf einen möglichst schlanken Staat, der sich in das freie Spiel der Kräfte möglichst nicht einzumischen hat.

Aber Kümper merkt eben auch an, welche Folgen das hat, bis in die Schaffung eines Sozialstaates hinein, der den zentral verwalteten Staaten Europas spätestens im 20. Jahrhundert gelang, in den USA aber nicht. Aber nicht nur der Mythos Freiheit dominiert die Geschichte der USA bis heute, sondern auch das schon im Befreiungskampf gegen die Briten angelegte Denken über Autarkie und Unabhängigkeit. Ein Denken, das die USA immer wieder in Phasen trieb, in denen sie sich abschotteten und mit dem Handeln der „Alten Welt“ nichts mehr zu tun haben wollten.

Während sie gleichzeitig zu einer Weltmacht aufstiegen, die sich im späten 19. Jahrhundert auf einmal als neue Kolonialmacht etablierte und im 20. Jahrhundert geradezu zum Weltpolizisten wurde und Kriege jenseits der Ozeane anzettelte. Kriege, mit denen amerikanische Präsidenten oft ihr Prestige aufzupäppeln suchten.

Die Frontier und der einsame Cowboy

Denn dahinter stecken weitere Mythen – so wie der Mythos von der Frontier und vom einsamen Helden, der sich gegen die Wilden mit Härte und einer gewissen Verachtung für Regeln und Gesetze behauptet.

Hiram Kümper zeigt so – in einer sehr lebendigen Schilderung –, wie die Thesen der beiden wichtigsten Gründungsdokumente der USA bis heute das Selbstbild der amerikanischen Politik prägen, in den Debatten für oft völlig entgegengesetzte Interessen beschworen wurden und trotzdem der glühende Kern des Selbstverständnisses der USA geblieben sind. Mit allen verhängnisvollen Folgen.

Am deutlichsten wird das beim Verständnis dessen, wozu (Außen-)Politik eigentlich da ist: „Die Vereinigten Staaten begriffen Diplomatie nicht als Teil einer moralischen Weltordnung, sondern als Mittel republikanischer Selbsterhaltung“, schreibt Kümper. „Ihr Ziel war nicht, das internationale System zu gestalten, sondern sich gegen dessen korrumpierende Logik zu behaupten.“

Während die Europäer aus all ihren Kriegen über die Jahrhunderte lernen mussten, dass man zwischen konkurrierenden Staaten nur Frieden schafft, wenn man über Abkommen und Verträge ein vertraglich gesichertes Gleichgewicht schafft. Es sind völlig verschiedene historische Wurzeln und Erfahrungen, die sich in den unterschiedlichen Gründungsmythen diesseits und jenseits des Atlantiks manifestieren. Und bis heute lebt auch der uramerikanische Drang, sich gegen die Zumutungen von außen einzuigeln.

Und dazu kam dann noch der starke religiöse Impetus, der schon in den frühen Deklarationen steckte und bis heute die politischen Statements bestimmt, was auch mit dem starken Anteil zutiefst religiöser Siedler in den Anfangsjahren zu tun hat. Man verankerte nicht nur die religiöse Moral in den Gesetzen und Proklamationen, man formte daraus auch ein Bild moralischer Auserwähltheit. „Die Idee der Auserwähltheit war ambivalent“, schreibt Kümper.

„Einerseits verlieh sie der Nation einen moralischen Überschuss. Die USA verstanden sich nicht nur als politische Ordnung, sondern als Hoffnungsträger der Menschheit. Andererseits rechtfertigten sie Expansion und Dominanz. Indem man sich als Werkzeug der Vorsehung sah, wurden Gewalt und Landnahme in den Rang göttlicher Aufträge erhoben.“

Jede Menge Moral

Und das galt nicht nur für den Zug nach Westen und die Entrechtung und Vertreibung der indigenen Stämme. Das formte auch das politische Selbstverständnis bis in die Gegenwart. Und so führt Hiram Kümper seine Leser nicht nur in die Geschichte der USA und die Rolle ihrer Gründungsdokumente ein, sondern zeigt auch, wie die einzigartige Entstehung der Vereinigten Staaten in der Abgrenzung vom britischen Imperium sich im Denken über Freiheit, Wehrhaftigkeit und Autarkie bis heute zeigt.

Ein Konzept, das im Lauf der Geschichte Isolation und Neutralität genauso begründen konnte wie die militärische Aggression, wenn die USA ihre (wirtschaftlichen) Interessen irgendwo in der Welt beeinträchtigt sah.

Und so nebenbei räumt Kümper mit einigen Legenden auf, mit denen vor allem amerikanische Autoren und Filmemacher die Geschichte der USA verklärt haben – vom Pocahontas-Märchen bis hin zu den Lederstrumpf-Erzählungen. Aber damit zeigt er eben auch, wie stark die Gründungsmythen eines Landes Politik und Denken bis in die Gegenwart bestimmen können. Und tatsächlich bestimmen, weil sie ein ganzes Arsenal von Selbstbildern zur Verfügung stellen, die im politischen Alltag jederzeit aktiviert werden können – aufgeladen mit jeder Menge (religiös gefärbter) Moral.

Bis hin zu den Papieren der Heritage-Foundation, mit denen sie dem Klüngel der Superreichen (und ihrem Denken) in der Regentschaft eines Donald Trump zu gewaltigem Einfluss verhalf und die Legende vom freien Unternehmertum und dem scheinbar alles bevormundenden Staat neu interpretierte.

Universaler Anspruch und nationale Überforderung

Wenn man die ganze Vorgeschichte kennt, ahnt man, warum es gerade rücksichtslosen Ideologien wie dem Neoliberalismus gelingen konnte, von den USA aus die Staaten des Westens zu korrumpieren. Bis hin zur Entstehung des modernen Imperialismus, der „seine Legitimität aus der alten Sprache der Revolution bezog. Freiheit wurde nicht aufgegeben – sie wurde neu definiert: als Recht der USA, über die Freiheit anderer zu bestimmen.“

Ein Sprachgebrauch, der sich heute auch in den Formeln von „Make America great again“ und „America first“ wiederfinden lässt. „So schließt sich der Kreis“, schreibt Kümper. „Die Vereinigten Staaten bleiben gefangen in der Spannung zwischen universalem Anspruch und nationaler Überforderung, zwischen dem selbstbewussten home of the brave und der Einsamkeit der Supermacht.“ Die Logik des Mythischen wirke fort.

Nur dass diesmal völlig offen ist, ob es nach der Demolierung des Staates durch die Trump-Anhänger wieder eine Korrektur in die andere Richtung geben wird. Oder im Namen der viel beschworenen Freiheit ein Land entsteht, das an die düstersten Dystopien amerikanischer Autoren erinnert.

Hiram Kümper „Mythos 1776“, Propyläen/Ullstein, Berlin 2026, 26 Euro

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