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Das Konzeptwerk Neue Ökonomie legt ein Transformationsszenario vor, mit dem auch Deutschland die 1,5°C-Grenze einhalten kann

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    Das Konzeptwerk Neue Ökonomie und die Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichten am Mittwoch, 9. Dezember, mit dem „Societal Transformation Scenario“ (STS) einen risikoarmen und sozial gerechten Klimaschutzpfad zur Einhaltung der 1,5°C-Grenze. Das Szenario modelliert erstmals, wie die globale Erderwärmung ohne den Einsatz risikoreicher Technologien wie Geo-Engineering oder neue Investitionen in Atomkraft durch eine sozial-ökologische Transformation auf 1,5°C begrenzt werden kann.

    Die Autor/-innen berechnen für verschiedene Sektoren wie Transport, Ernährung und Wohnen konkrete, jährliche Emissionsreduktionsziele und skizzieren Vorschläge für einen sozial-ökologisch verträglichen Umbau. Damit können die globalen Emissionen von 2020 bis 2030 um 50 Prozent und von dort bis 2050 um weitere 22 Prozent reduziert werden.

    Ko-Autorin Linda Schneider, Heinrich-Böll-Stiftung, sagte zur Veröffentlichung der Studie: „Seit dem Pariser Abkommen ist wenig bis nichts passiert: Weltweit steigen die Emissionen kontinuierlich an. Deshalb führen auch Annahmen in den Modellierungen der IPCC-Berichte wie ein Festhalten am Wirtschaftswachstum im globalen Norden bis zum Jahr 2100 in eine Sackgasse: Denn in diesen Modellen kann die Erderwärmung oft nur unter Einsatz risikoreicher, zum Teil kaum erprobter Technologien auf 1,5°C begrenzt werden.

    In den aktuellen Debatten fehlen Modellierungen, die stattdessen auf einen Rückgang von Produktion und Konsum insbesondere als Beitrag der Länder des globalen Nordens setzen. Das ist angesichts weltweit unterschiedlicher Entwicklungsbedürfnisse weder zielführend noch berücksichtigt es die historische Verantwortung der Industrieländer für die Klimaerwärmung.

    Fairness und sozial-ökologische Verträglichkeit in der unaufschiebbaren grundlegenden Transformation müssen auch global ausbuchstabiert und transparent ausgehandelt werden. Das STS ist ein Aufschlag dafür und eine Einladung zur Diskussion. Wir haben nur noch wenige Jahre, um unter 1,5°C zu bleiben.“

    Natürlich geht es nicht ohne Veränderung im Konsumverhalten. Im Wortlaut der Studie: „Der gesellschaftliche Wandel, den wir uns vorstellen, ist mehr als nur eine ,blinde‘ Reduzierung von Verbrauch und Produktion. Wir stellen uns einen demokratisch kontrollierten Strukturwandel vor, der zu sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Gerechtigkeit führt, einschließlich eines größeren Wohlbefindens und einer besseren Lebensqualität für alle.“

    Und dafür muss die Politik den Rahmen setzen, das, wovor alle Bundesregierungen seit 2005 immer zurückgeschreckt sind, weil das dem „Primat der Märkte“ zuwiderläuft. Doch der „schlanke Staat“ ist unfähig, ein Land vernünftig in eine Zukunft zu steuern, in der das Überleben der Gesellschaft die wichtigste Aufgabe sein muss.

    In der Studie steht dazu: „Wir sind ferner davon überzeugt, dass eine wesentliche Reduzierung des Verbrauchs nicht dadurch zu erreichen ist, dass eine Summe von Personen ihr Verhalten ändert. Dies muss durch die Umgestaltung der Schlüsselinfrastrukturen der Gesellschaften sowie durch regulatorische Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Grundsätze und Anreizstrukturen erreicht werden, die das Verhalten innerhalb der Gesellschaft bestimmen.“

    Also CO2-Steuern, Umverteilung von Investitionen z.B. aus dem Autobahnbau in den ÖPNV, Lieferkettengesetze, strengere Auflagen für die Tierhaltung und die Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen usw.

    Die Ergebnisse des STS zeigen beispielsweise für den Transportsektor in Industrieländern eine Entwicklung die zu 3 % weniger Endenergieverbrauch pro Jahr führt, während – zum Vergleich – in den Corona-Lockdowns der Rückgang im Transportsektor bis zu 50 Prozent betrug. Auch im Gebäudebereich können durch bessere Technik, geringere Geräteausstattungen und Wohnraumflächen pro Person (im statistischen Mittel) bis 2050 zwei Drittel des Energieverbrauchs eingespart werden.

    Zudem könnten aufgrund von Ernährungsumstellungen wie einem Rückgang des Fleischkonsums in Industrieländern um rund 60 Prozent große landwirtschaftliche Gebiete in natürliche Ökosysteme zurückgeführt oder so nachhaltig bewirtschaftet werden. Die Ergebnisse der Modellberechnung zeigen aufgrund eines Kaskadeneffektes durch die erstgenannten Sektoren auch in der Industrie einen starken Rückgang der Energienachfrage im globalen Norden um bis zu 50 Prozent.

    Berechnet wurden die Treibhausgasreduktionen des STS mit dem Global Calculator. Dieser erlaubt es, die Auswirkungen verschiedenster Produktions- und Konsumniveaus auf den globalen Treibhausgasausstoß zu berechnen. Um die historische Verantwortung des Globalen Nordens abbildbar zu machen, haben die Autor/-innen das Modell angepasst.

    Ko-Autor Kai Kuhnhenn, Konzeptwerk Neue Ökonomie, sagte: „Den drastischen Rückgang von Emissionen, den wir brauchen, um die Klimakrise abzumildern, erreichen wir nachhaltig und ohne Risikotechnologien nur, indem wir konventionelle Produktions- und Konsummuster im globalen Norden stark reduzieren. Das lässt sich nur mit einem grundlegenden sozial-ökologischen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft erreichen.

    Wie dieser gestaltet werden kann, sollte Gegenstand einer demokratischen und transparent geführten Debatte sein. Integrated Assessment Modelle, die üblicherweise zur Erstellung von globalen Minderungsszenarien genutzt werden, erschweren einen solchen notwendigen Diskurs über Klimapfade, da politische Annahmen in Algorithmen versteckt bleiben. Deshalb haben wir uns mit dem Global Calculator (GC) für ein relativ einfaches, transparentes Modellierungswerkzeug entschieden.“

    Verfasst wurde die Studie von Kai Kuhnhenn, Linda Schneider, Luis Filipe Carvalho da Costa, Eva Mahnke und Steffen Lange. Mit der Studie möchten die Autor/-innen die Debatte um konkrete Pfade zur Begrenzung auf 1,5°C in die Breite tragen und in den Klimawissenschaften zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Wirtschaftswachstum und den aktuellen Produktions- und Konsumniveaus im Globalen Norden anregen.

    Die vollständige Studie finden Sie hier online.

    Als Konzeptwerk Neue Ökonomie setzen wir uns für eine soziale, ökologische und demokratische Wirtschaft und Gesellschaft ein. Das Konzeptwerk ist seit 2011 ein unabhängiger, gemeinnütziger Verein mit Sitz in Leipzig.

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    2 KOMMENTARE

    1. Sie haben vergessen den „Globe Calculator“ verlinken auf dem das Modell beruht! Dann kann sich jeder am Wochenende seine eigene Studie zusammen klicken http://tool.globalcalculator.org/
      Kleine Vorschau:
      Your pathway uses more land than the world has available. This is an invalid pathway, please change your lever settings for „food“, „land use“ or „diet“.
      -.- Viel Spaß, ich bin gespannt auf Ihre Ergebnisse <3

    2. Nach den Kommentaren zu urteilen, scheint das Interesse ja gewaltig zu sein. Aber davon mal abgesehen ist es wohl illusorisch, bei einer Bundesregierung, die auch in der Corona-Krise die Industrie herauszuhalten versucht, mit dieser Studie auch nur ein Nachdenken anzuregen.

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