Die Energiewende ist zwar so langsam in Gang gekommen. Aber mit der aktuell regierenden Union im Bund ist wieder eine Partei am Ruder, die versucht, den energetischen Umbau Deutschlands auszubremsen, fossile Energie zu pushen und den Leuten einzureden, dass es anders nicht ginge. Und bei Gelegenheit fabuliert man dann auch gern von „Technologieoffenheit“ und bringt die seit Jahrzehnten versprochene Kernfusion ins Spiel.

Nur dass mit dem Bau funktionierender Kernfusionskraftwerke auf Jahrzehnte hin nicht zu rechnen ist. Das DIW hat das Phantom einmal unter die Lupe genommen.

Und das Ergebnis ist eindeutig: Kernfusion bleibt trotz jahrzehntelanger Investitionen energiewirtschaftlich irrelevant. Anhänger der Kernfusion, bei der Atomkerne miteinander verschmolzen werden, werden seit den 1950er Jahren nicht müde zu versprechen, dass diese Technologie für saubere, sichere und nahezu unerschöpfliche Energie sorgen könnte. Doch trotz jahrzehntelanger öffentlicher Investitionen in die Grundlagenforschung rückt die energiewirtschaftliche Nutzung nicht näher.

Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zeigt: Während öffentliche Großforschungseinrichtungen weiterhin an langfristigen energiewirtschaftlichen Zielen festhalten, konzentrieren sich privatwirtschaftliche Unternehmen zunehmend auf Teilkomponenten wie Magnetentwicklung und Lasertechnik, die kurz- und mittelfristig kommerziell nutzbar sind.

„Die Kernfusion ist kein energiewirtschaftliches, sondern ein innovationspolitisches Thema“, betont Studienautor Christian von Hirschhausen, DIW Fellow in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt, sowie Forschungsdirektor für Internationale Infrastrukturpolitik und Industrieökonomie im DIW Berlin und Leiter des Fachgebiets Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik an der Technischen Universität Berlin. „Die meisten privatwirtschaftlichen Unternehmen arbeiten nicht an der Realisierung eines Fusionskraftwerks, sondern an der Kommerzialisierung von Nischenprodukten.“

Diese Produkte weisen bereits heute höhere technologische Reifegrade auf und bieten klare industrielle Anwendungsfelder, zum Beispiel in der Magnet- und Lasertechnik, Medizin oder im Bausektor. Ob diese Produkte noch staatlicher Förderung bedürfen, müsse kritisch geprüft werden.

Erwartungshorizont weit jenseits der 2050er Jahre

Mithilfe eines eigens entwickelten Bewertungsverfahrens werden in der DIW-Studie vier privatwirtschaftliche Unternehmungen mit öffentlich finanzierten Großforschungsprojekten verglichen. Während die Erwartungshorizonte der Großforschung weit jenseits der 2050er Jahre liegen, setzen private Akteure auf schnellere Innovationszyklen. Angesichts dieser Entwicklung empfehlen die Autor/-innen, die bestehenden Strukturen und den energiewirtschaftlichen Fokus der öffentlich finanzierten Forschung grundlegend zu prüfen.

„Die deutsche Forschungspolitik sollte sich nicht am Ziel des ersten Fusionskraftwerks der Welt orientieren, sondern die Innovationskraft privater Unternehmen fördern“, meint Studienautorin Charlotte Dering von der Technischen Universität (TU) Berlin. Co-Autor Alexander Wimmers, Gastwissenschaftler in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt im DIW Berlin, empfiehlt zudem: „Öffentliche Mittel sollten gezielt in Technologien mit kurzfristigem Nutzungspotenzial fließen – unabhängig von der energetischen Nutzung der Kernfusion“.

Die Diskrepanz zwischen öffentlicher Grundlagenforschung und privatwirtschaftlicher Innovationsdynamik dürfte weiter wachsen. Ein jährliches „Fusion Monitoring“ könnte helfen, Chancen und Risiken der umfangreichen geplanten Forschungsmittel objektiv zu beurteilen – ein Ansatz, der bisher weitgehend fehlt.

Für Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt im DIW Berlin, zeigt das Bewertungsverfahren bereits jetzt deutlich: „Die Kernfusion wird seit Jahrzehnten für ‚in einigen Jahren‘ angekündigt, liefert aber absehbar keinen Beitrag zur Energieversorgung oder zur Energiewende. Der Sektor ist längst ein innovationsgetriebenes Technologiefeld, dessen wirtschaftliche Perspektive eher auf spezialisierten Nischenprodukten als auf einem funktionierenden Kraftwerk beruht – und damit vor allem auf dem Wettbewerb um Forschungsmittel.“

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