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Kommentar „Silvester-Randale in Connewitz“ oder: Was man mit Bildern alles machen kann

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    Wer in den vergangenen 24 Stunden die überregionalen Gazetten anklickte oder am gestrigen Abend die Tagesschau sah, fand zur Jahresendfeier in Leipzig vor allem zwei Worte: Connewitz und Randale. Nicht in einer oder zwei Zeitungen – nein, überall. Dies könnte nun bedeuten, Leipzig hätte in diesem Jahr unter einer besonderen Beobachtung gestanden, also Spiegel, Bild, MoPo, Tagesschau, MDR usw. waren alle auf der Straße in Leipzig unterwegs. Natürlich waren sie das nicht, das Mediengeschäft funktioniert längst „aus der Ferne“.

    Nahezu keiner der Autoren der unzähligen Beiträge, ganz zu schweigen von der Tagesschau, waren am 31. Dezember 2017 in Connewitz oder Leipzig vor Ort. Bilder der „Deutschen Presseagentur“ (DPA) und die Einschätzungen der Leipziger Polizei allein genügen also diesen Medien, um jeden Resthauch von Friedlichkeit aus dem Leipziger Süden zu vertreiben. Und die Silvesternacht am Kreuz zu einem wahren Sturm der Eskalation hochzuschreiben. Vor Ort selbst hieß es noch in der Nacht: „Ach, die üblichen Idioten.“ Wenige, aber mit durchschlagender medialer Wirkung.

    Machen wir also mal ein Gedankenspiel und stellen die Silvesternacht auf dem Augustusplatz und Connewitz gegenüber. Der MDR vermeldet beispielsweise ohne eigene Ortskenntnisse am 1. Januar 2018 „Während auf dem Augustusplatz friedlich ins neue Jahr gefeiert wurde, …“ (Seitentitel „Silvesterrandale“), um als Kontrapunkt einen (!) brennenden Container und vereinzelte Flaschen- und Böllerwürfe von rund 20 Personen am Connewitzer Kreuz als „Silvesterparty in Leipzig-Connewitz läuft aus dem Ruder“ zu verschlagzeilen.

    Nein, keine 40 oder 50, etwa 20 Personen beteiligten sich, laut mehrerer Augenzeugenberichte gegenüber der L-IZ.de und eigenen Beobachtungen nach, an der Entzündung eines Stuhls und eines Müll-Containers auf dem Connewitzer Kreuz. Und einige von diesen offenkundig Besoffenen warfen auch Flaschen, als die Polizei Einsatzeinheiten, zwei Wasserwerfer und einen Räumpanzer auffuhr. Eine beidseitige Eskalation, sehr zum Unbehagen aller anderen rund 1.000 Feiernden vor Ort. Eine friedliche Party, wie auch die Polizei bestätigt.

    Keiner der Beamten wurde verletzt, was durchaus keine nebensächliche Information ist, aber leider in nahezu allen Medienberichten vergessen wurde. Die Polizei verhaftete „mehrere“ Randalierer gezielt und schnell. Eine Solidarisierung der umstehenden Personen mit den Flaschenwerfern fand nicht statt, die ganze Aktion war nach 15 Minuten vorbei. Nicht richtig diese dämliche Brennerei – aber eben auch nicht wirklich gefährlich für die Polizei, welche nun bereits selbst auf Facebook von diversen Schlagzeilenlesern angegangen wird, warum sie die Vorfälle nicht drastischer beschreibt.

    Vielleicht einfach, weil es nicht drastischer war, als das, was von Beginn an in der Pressemitteilung der Polizeidirektion Leipzig stand?

    Manche der Netzleser haben angesichts der medialen Aufarbeitung noch nicht einmal verstanden, dass es keine „1.000 Randalierer“, sondern 1.000 am Kreuz friedlich feiernde Menschen waren. Von denen eine verhältnismäßig kleine Gruppe so viel Friedlichkeit offenbar nicht ertrug und glaubte, es braucht noch dringend eine brennende Mülltonne und eine sehr dumme Gewalthandlung, als die Polizei löschen will.

    Doch was laut MDR und anderen also im Leipziger Zentrum so friedlich war, könnte man nun auch für den Augustusplatz und das Leipziger Zentrum ganz anders um-schreiben. Hier gab es im Gegensatz zum Connewitzer Kreuz, wo eine Person nach L-IZ-Informationen von Polizeibeamten verletzt wurde, zwei weitere verletzte Personen. Würde man die Party der rund 3.000 bis 4.000 böllernden Menschen und die Umgebungssituation im Leipziger Zentrum medial wirksam formulieren wollen, klänge das wohl so:

    „Auf dem Augustusplatz bewegten sich ab etwa 20 Uhr sehr viele migrantische Jugendliche, von denen mindestens jeder zweite die Sprengkraft eines Straßenkämpfers im vollen Rucksack bei sich trug. Beobachtet von den Besuchern der Oper und Gewandhaus, welche bis auf wenige lieber gleich eher hinter dicken Fensterscheiben blieben und die Türen verrammelten, brannte ab Null Uhr förmlich die Luft. Es gab Momente, wo das Geschehen an die Kölner Domplatte 2015 erinnern konnte – immer mehr junge Männer bewegten sich gezielt Richtung Augustusplatz.“

    Weiter? Weiter

    „In den Minuten nach dem Jahreswechsel eskalierte die Situation derart, dass in mehreren Situationen, in denen sich Menschen quer über den Platz hinweg gezielt mit Raketen beschossen, Böller auch mal zum Attackieren anderer Menschen nutzten und sich (am Marktplatz) wahllos Passanten minutenlang anschrieen und bepöbelten, die Stimmung vollends zu kippen drohte. Die anwesenden Polizeibeamten hatten sich derweil hinter ihre im Viereck aufgestellten Einsatzwagen zurückgezogen. Dabei kamen in dieser Nacht zwei Menschen zu Schaden. Wie hoch die Dunkelziffer ist, vermag noch niemand zu sagen.“

    Denn so die Polizei noch in der Nacht, 2 Uhr: „Außerdem kamen auch Mitarbeiter des Rettungswesens zum Einsatz, da zwei Männer durch Silvesterböller am Augustusplatz sowie in der Innenstadt schwer verletzt behandelt und in Krankenhäuser gebracht werden mussten.“

    Zeit, um übelmeinend dazuzuschreiben (weil man ja vor Ort war): „Zum Glück geschah angesichts der unhaltbaren Zustände in diesem Bereich nicht mehr. Es grenzt fast an ein Wunder! Dringend muss hier im kommenden Jahr mehr unternommen, die Taschenkontrollen ausgeweitet, die Zahl der Polizisten gesteigert, stärkere Maßnahmen ergriffen werden: auch der Einsatz des neuen „Anti-Terror“-Survivors der sächsischen Polizei ist zu diskutieren, angesichts der brutalen Beschüsse!“

    Nur würde dies zu Recht niemand, der vor Ort war, bei Verstand so beschreiben, weil es auch gelogen wäre.

    Doch aus den Bildern ließe sich so einiges machen, ganz gleich, ob die jungen Menschen auf dem Augustusplatz einfach nur Freude am Knallen und Zischen hatten und so Leipzig auf eigene Kosten einen weithin sichtbaren Silvesterhimmel bescherten.

    Die Polizei selbst fasste den Jahresübergang als „silvestertypische“ Betätigungen zusammen und hielt sich personell angenehm zurück. Im Gegenteil beteiligte man sich vor allem frühzeitig vor Ort an der Deeskalation, wie übrigens auch lange Zeit am Connewitzer Kreuz. Alles richtig gemacht, sehr zur Freude der großstadttypisch ethnisch bunt gemischten Menge zwischen Oper und Gewandhaus.

    In einer Nacht, wo es vielleicht eher für manchen erschreckend sein konnte, was so alles im legalen Handel an Bumms und Krawall verfügbar ist. Und dass die Beamten eher sehr damit beschäftigt waren, die Menschen darauf hinzuweisen, dass man auf den Operntreppen nicht sitzen darf – am Ende saßen und standen die Menschen ja doch dort.

    Frames schlagen Realität

    Mit „Silvesterparty in Leipzig-Connewitz“ meinen die fernschreibenden Autoren diverser Beiträge jedoch etwas anderes. Nämlich einen Frame: Randale = Connewitz. Indem sie hier eine moderne Bildinterpretation vor allem dreier DPA-Bilder liefern: zwei als Löschfahrzeuge genutzte Wasserwerfer, (bislang) genau ein Foto einer einzigen Person, die gerade eine Flasche werfen will und ein grüner Räumpanzer, der eher arbeitslos auf dem Connewitzer Kreuz steht.

    Auf vielen Bildern sieht man – erkennbar am silbernen Jackett – den längst legendären Trommler Markus, welcher erst stundenlang am Connewitzer Kreuz zur Freude aller das neue Jahr eintrommelte, um dann mit Hilfe von Freunden noch schnell sein Schlagzeug abräumen zu können, als die 15 Minuten Tumult losbrachen.

    Eine Zeitspanne von 15 Minuten eines ganzen Silvester-Abends am Kreuz, unterlegt mit drei Bildern. Der Rest der Informationen stammt – wie bei allen anderen Medien auch – aus einer einzigen Leipziger Polizeimeldung (hier seit dem 1. Januar 2018, 2:30 Uhr vollständig auf L-IZ.de zu finden).

    Medien haben "berichtet" und nun muss sich die Polizei gegen falsche Bilder erwehren. Screen Facebook Polizei Sachsen
    Medien haben „berichtet“ und nun muss sich die Polizei gegen falsche Bilder erwehren. Screen Facebook Polizei Sachsen

    Informationen ohne Kontext

    Was vor allem in den unzähligen überregionalen „Connewitz-Beiträgen“ zudem fehlt, sind weitere Meldungen der Polizei und Feuerwehren aus der gleichen Nacht, welche den brennenden Container am Kreuz in Relation setzen würden. „Die Feuerwehren der Messestadt mussten zu mehreren Bränden ausrücken – neben Connewitz auch in die Eisenbahnstraße/Neustädter Straße, zur Propsteikirche sowie auf die Bornaische Straße. Überall dort brannten Mülltonnen“, so die Polizei weiter.

    Das Problem könnte also auch heißen: Warum zünden eigentlich Menschen vollkommen sinnfrei Mülltonnen zu Silvester an?

    Wo alle Medien also die andere Meldung übernahmen, fehlen diese Polizeiinformationen aus Leipzig. Dass die vorab friedliche Feier am Kreuz im Nachgang medial nicht stattfindet – geschenkt, Connewitz hat einen Ruf und wie gesagt: Journalisten vor Ort waren sehr rar. So entgingen ihnen auch das Kuchenverteilen am Kreuz, die Aktion der Partei Die PARTEI für „Bier statt Böller“ und auch der Dachstuhlbrand in der Biedermannstraße, offenbar ausgelöst durch eine Silvesterrakete.

    Der Frame „Connewitz = Randale“ muss von Seiten der Medien, aber auch von einigen Idioten bedient werden, denen allen offenbar irgendetwas fehlen würde, wenn’s nicht gegen 0:45 Uhr auch mal brennt.

    Würde man jedoch zum Beispiel noch nachschauen, was die Feuerwehr Markkleeberg von der gleichen Nacht für ein weit kleineres Einzugsgebiet als Leipzig meldet, könnte langsam fraglich werden, was der entzündete Container am Connewitzer Kreuz außer einem schnellen Reichweitenspaß medial noch „wert“ ist.

    Der kurze, aber wirkungsvolle Polizeieinsatz samt Verhaftungen und nun Ermittlungen wegen Landfriedensbruchs gegen maximal 3-5 Personen durch die Polizei bleibt ja dennoch.

    Der Rest ist Medienhysterie & Rudeljournalismus

    „Für die Feuerwehr Markkleeberg verlief der Jahreswechsel ruhig. Erst um 01:17 Uhr des neuen Jahres wurden die Meldeempfänger für die Markkleeberger Kameraden erstmals ausgelöst. In der Robert-Koch-Straße in Markkleeberg-Ost brannten Mülltonnen an einer Garagenwand. Aufgrund des schnellen Eingreifens der Feuerwehr konnten die Tonnen rasch gelöscht und ein Übergreifen der Flammen auf die Garage so verhindert werden.“ Hier handelt es sich also um einen Fall, der sich beinahe zu einem Garagenbrand entwickelt hätte.

    Weiter schreiben die Feuerwehrleute aus dem Leipziger Vorort: „Rund eine Stunde später – um 02:10 Uhr – rückten die Kameraden in den Markkleeberger Ortsteil Gaschwitz aus, wo es im Bereich von Mülltonnen an der Straße ‚Am Park‘ brannte. Dieser Brand wurde durch die Gaschwitzer Kameraden zeitnah gelöscht.“

    Ob es sich bei diesen Fällen ebenfalls um Brandstiftungen oder einfach Dummheit im Umgang mit Böllern handelt, ist nicht sicher.

    Sicher ist hingegen, dass es in der ganzen Bundesrepublik zu Übergriffen auf Feuerwehrleute und Beamte kam. Allein 57 in Berlin, einer davon mit einer Schusswaffe. Es dürfte sich in nahezu allen Fällen um eben jenes Gemisch handeln, welches gerade den Rettungskräften auch das gesamte Jahr über Sorgen macht. Alkohol, mangelnde Empathie und ein gerüttelt Maß an Gewaltbereitschaft bei so manchen Menschen.

    In Connewitz konnte die Feuerwehr übrigens den Hausbrand frei von Angriffen löschen. Offenbar längst nicht mehr normal in Deutschland. Aber eben auch keine Schlagzeile für den Rudeljournalismus.

    Schwerverletzte und Diskussionen nach Polizeieinsatz am Connewitzer Kreuz

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