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Wie schlechte journalistische Arbeit das Vertrauen der Bevölkerung zur Presse schädigt

Von Gastbeitrag von Nukla-Mitglied Johannes Hansmann

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    Ich bin nur ein einfacher Leser diverser Zeitschriften und Magazine. Und ich lebe schon länger in Leipzig. Ich kenne natürlich auch einige andere Menschen aus Leipzig. Ich kenne junge und alte Menschen, reiche und arme, und ich kenne auch andere Stadtteile von Leipzig, nicht nur den, in dem ich zufälligerweise wohne. Aber immer mehr wundert es mich, wie über Leipzig in der Presse und wie in Leipzig über Geschehnisse berichtet wird.

    Und in letzter Zeit habe ich das Gefühl, gerade die lokale Tagespresse (LVZ, Bild, TAG24) berichtet über Leipzig und über Leipziger Ereignisse, als würde es sich um ein anderes Leipzig handeln, nicht um das, in welchem ich schon seit Jahren lebe.

    Gut, gegen reißerische „Dokumentationen“ im TV und überregionalen Medien, die sich nur die extremsten Brennpunkte in einer Großstadt herauspicken kann man nichts machen, aber dass nun die LVZ selbst auf diesen Zug aufspringt, hat mich schon irritiert, wenn es mich auch nicht mehr gänzlich überrascht.

    An das permanente unterschwellige Geraune, wie furchtbar der Leipziger Osten ist, habe ich mich fast schon gewöhnt. Ich selbst bin auch ab und zu in der Nähe der Eisenbahnstraße unterwegs und kenne auch Menschen, die dort gelebt haben. Nein, da ist nicht alles bestens und ja, es gibt Probleme, aber man kann sich durchaus dort als Bürger aufhalten, ohne sofort erschossen zu werden.

    Neuerdings schaut nun alles auf Connewitz, wo man, wenn man den Medien und der LVZ glauben darf, sofort von gewaltbereiten Linken verprügelt wird, sobald man das Viertel betritt. Ich sag es mal kurz: äh – nein, wird man nicht. Ich bin ab und zu mal da und habe noch nie große Gewaltexzesse beobachtet. Ja, ab und zu ist wohl mal was los, gerade zu Silvester (aber da ist meistens mehr auf dem Augustusplatz los) oder wenn es eine große Demonstration gibt, meistens aber kann man völlig unbehelligt als Bürger dort sein, ohne sofort von irgendeiner gewaltbereiten Antifa verprügelt zu werden.

    Sicher ist nicht alles perfekt, es gibt wie überall auch Probleme (gerade wenn es um bezahlbaren Wohnraum gibt). Und mit Sicherheit gibt es da wie überall ein paar, die sich nicht zu benehmen wissen, dennoch: ist Connewitz ein sehr beliebter und junger Stadtteil, in dem man viel unternehmen kann, es viel tolle Kultur gibt und Gastronomie!

    Manchmal habe ich förmlich das Gefühl, die Redakteure können ihre Stadt und die Leipziger nicht leiden. Oder warum berichtet man hier aus der Stadt, als hätte man es mit einer Stadt voller Problembezirke zu tun, in denen Tag und Nacht randaliert wird?

    Wenn Menschen sich und ihren Stadtteil in der Presse so gar nicht wieder erkennen, wie sollen sie dann Zutrauen in die Presse haben? Ist es ein Wunder, wenn sie sich nicht mehr für Zeitungen und Zeitschriften interessieren und vieles darin nicht mehr glauben? Und wenn manchen Menschen diese Berichterstattung Angst macht und sie vieles unreflektiert glauben („stand ja in der Zeitung“), ist es ein Wunder, wenn sich auch dadurch die Gesellschaft spaltet?

    Manche halten auf gewissen Demonstrationen Schilder hoch mit „Lügenpresse“. Mir ist diese pauschale Vorverurteilung durch gewisse besorgte Bürger zuwider. Es gibt zahlreiche Zeitungen, Zeitschriften, Magazine und Websites, und viele geben sich wirklich Mühe.

    Aber gerade – was soll ich davon halten – verbreitet die LVZ nun offiziell Fake-News?

    Ist man schon so tief gesunken, dass man genau das ist, was die Besorgten Bürger ihnen vorwerfen – eine „Lügenpresse“?

    Letzte Woche erfuhr ich von einer Kunstaktion eines kleinen Leipziger Vereins im Rahmen der Fridays for Future-Demonstration. Es ist ein Verein, der sich mit Naturschutz und Kunst beschäftigt, und nicht zufällig sondern sehr bewusst und anerkannt trägt er diese Begrifflichkeiten in seinem Namen. Der Verein macht seit Jahren Konzerte, Lesungen, war beteiligt an einer Kunstausstellung usw. usf.. Es ist für mich nicht wirklich überraschend, dass ein solcher Verein dann eine Kunstaktion macht zu einer Demonstration.

    Ich hörte als nächstes, dieser Verein bezahle Demonstranten, das hat mich gewundert, aber als ich mich näher informierte, erkannte ich, nein: man hatte schlicht den Akteuren in dem Kunstprojekt (oder „Lebende Skulptur“, wie es der Verein selber nannte) eine kleine Aufwandsentschädigung gewährt.

    Nun, dagegen ist nichts zu sagen. Ich bin selber u. a. tätig im Bereich Kultur und lebe größtenteils davon. Ich hoffe, es schockiert niemanden, aber ich kann nicht wie eine Pflanze aus CO2 und Licht Energie gewinnen. Ich esse und trinke wie jeder andere Mensch auch und das Essen und Trinken kommen nicht aus dem Nichts zu mir geflogen. Ich fand es zwar nicht so gut mit der Aufwandsentschädigung, aber auch bspw. Yoko Ono bekommt Geld für ihre ebenfalls oft politische Kunst.

    Neben den Akteuren der „Lebenden Skulptur“ waren auch ehrenamtliche Mitglieder des Vereins vor Ort anwesend, man sieht sie sogar auf den Fotos. Sie begleiteten die Aktion und gaben Informationen über die Aktionskunst und den Verein. Es gab sogar ein Schild, das ausdrücklich darauf hinwies, dass es sich hier um ein Kunstprojekt handelt. Eine Frau stand die ganze Zeit neben der „Lebenden Skulptur“ und hielt es zur Information hoch. Auch das sieht man im Video und auf den Fotos, die man auf der Website sieht.

    Wie kommt denn nun aber die LVZ darauf, „dass es sich um gekaufte Demonstranten handelt“?

    Ist die LVZ nicht dazu in der Lage, zu erkennen, dass es sich um ein Kunstprojekt handelt? Aber nein, sie haben es schon wahrgenommen, aber um Stimmung zu machen, setzen sie Kunst in Anführungsstriche: „Das Schweigen im Wald hatte der NuKLA-Verein sein ,Kunstprojekt‘ überschrieben“.

    Video von Nukla auf Youtube dazu. Quelle: Youtube, Channel Nukla e.V.

    Steht es der LVZ zu, zu entscheiden, ob etwas Kunst ist oder eine Demonstration? Und was soll der Vergleich mit Mitgliedern eines Iranischen Geheimdienstes? Wenn, dann ließe sich die Aktionskunst von NuKLA doch eher mit diversen Aktionskunstformen der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts vergleichen.

    Ich verfolgte daraufhin die Diskussion in den sozialen Medien, vieles kann man ja auch ohne Account öffentlich lesen. Und ja, was soll ich sagen: wenn große Parteien und Organisationen wirklich teure Eventagenturen engagieren für noch größere Protestaktionen, warum wird sich dann hier auf einen kleinen Verein gestürzt, der nur ein paar Laien-Schauspielern für ein Aktionskunstprojekt eine Aufwandsentschädigung gewährt hat? Die Großen dürfen, aber die Kleinen nicht?

    Auch von anderen wird die Berichterstattung der LVZ als Fake enttarnt. Zum Beispiel hier.

    Mimikama zieht hier das Fazit, welches auch ich für mich vorher schon gezogen hatte: „Nochmal deutlich: Nicht FFF-Teilnehmer wurden bezahlt, sondern Statisten für das Kunstprojekt eines Vereins am Rande der Veranstaltung!“

    Entweder, die LVZ arbeitet journalistisch schlecht, oder sie versucht, hier Stimmung gegen einen kleinen Verein zu machen, der gerade in einem Gerichtsverfahren mit der Stadt steht (wegen eines Umweltthemas). Mir erscheint es wirklich so, als wolle die LVZ, warum auch immer, diesen kleinen Verein mundtot machen.

    Ich finde dies unanständig.

    Aber ich denke, genau das Gegenteil wird eintreten. Wie sagt man? Auch schlechte PR ist gute PR – und wo Rauch ist, ist auch Feuer.

    Nur ist es jammerschade, dass Leipzig mit einer solchen Zeitung gestraft ist – Leipzig hat guten und neutralen Journalismus verdient. Aber mit solcher Berichterstattung dürfen sich die Journalisten nicht wundern, wenn dann wieder Menschen „Lügenpresse“ rufen – viele Journalisten selbst tragen dazu bei.

    Hinweis der Redaktion: Johannes Hansmann ist Nukla-Mitglied, weshalb der Part über die Demonstrations-Kunstaktion unter dieser Perspektive zu lesen ist.

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